Hessenmeister XLVI

Ugly Casting in Darmstadt
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„Man antwortete, wenn man gefragt wurde, und hatte den anderen zu beweisen, daß man dasselbe unter Kameradschaft verstand wie sie.“

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Vom Redakteur auf einen überfälligen Artikel angesprochen, antwortete Joseph Roth:

„Bei der Frankfurter Zeitung schreibt man nicht für den Leser, sondern für die Nachwelt.“

In den Pariser Scheunenvierteln zaristischer Emigranten bemerkte Roth „den Duft der Armut“.

„Je länger die Emigration dauert, desto näher kommen ihre Protagonisten den Klischees. Der Großfürst als Chauffeur eines Taxis steuert unmittelbar in die Literatur.“

Im Galopp der Begabungen löste Friedrich Sieburg Roth auf dem französischen Posten ab. Ich kam in ein Hotel, Raoul Schrott saß mit H.C. Artmann an der Bar. Artmann sollte am folgenden Tag den Büchner Preis kriegen, er fiel sich schwer. Artmann sah aus wie der alte Ezra Pound.

Artmann

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Pound

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Bildnachweis: writing.upenn.edu

Damals wollte ich noch glauben, dass solche Koinzidenz kein Zufall hinbog.

Schrotts Urwüchsigkeit ließ ihn wie Artmanns Knappen erscheinen. Zu seinem Tiroler Erbe gehörte eine Bergweltstatur. Der Mann war ein Berg. Der Berg buckelte hinter zwanglosem Gebaren. Obwohl er zum Debattenfürst taugte, gab sich Schrott lieber korporativ – eine Zöglingseigenschaft. Dass Schrott sich klar war, zeigt eine Zeile in Finis Terrae:

„Man antwortete, wenn man gefragt wurde, und hatte den anderen zu beweisen, daß man dasselbe unter Kameradschaft verstand wie sie.“

Schrott hatte eine umständliche Diktion. Für ihn war Artmann

„bis heute der einzige Dichter geblieben, den ich ohne lange nachzudenken so apostrophieren würde“.

Sie waren sich in einer Wiener Bahnhofsgaststätte zum ersten Mal begegnet. Schrott erzählt das im Nachspann. Zuvor hatte er sich in der Erzählung beinah den Hals gebrochen.

„Ich sprach Artmann an. Ich mußte wohl etwas bleich ausgesehen haben, dem Tod von der Schippe gesprungen: jedenfalls schrieb er mir ein Vorwort.“

Schrott kannte den Indischen Ozean, den Pazifik und die China-See*. Couchgruppen unterhielten sich. Sie achteten nicht auf die Autoren.

*Kursiv gesetzte Zitate sind dem Herzen der Finsternis entnommen.

Schrott war überall gewesen. Allein seine Hochschullaufbahn hatte ihn von Innsbruck nach Norwich, Paris, Berlin und Neapel geführt. Er erinnerte mich an Wissenschaftsabenteurer des 19. Jahrhunderts. Er war polyglott bis ins Unwahrscheinliche. Segler und Wüstenwanderer. Von der Warte dreihundert Meter hoher Dünen hatte er den Spielraum der Sprache gemessen, um zu finden, dass im Sand kein Wort mehr traf.

„Die Erde (ist) ein Punkt, kaum größer als ein Korn im Universum, er malte es mit der Gabel auf das Tischtuch.“ Finis Terrae

Mit dreiunddreißig hatte Schrott zwanzig Titel zusammengeschrieben, seine Frau war auch im Hotel. Zwar schlug die Literaturmode von 1997 mit ihren lateinischen Überschriften und historisierenden Einschlägen auf die Produktion durch, doch ging Schrott weiter als die Kollegen.

Ich sah ihn starr vor Staunen an.

Die Vorhänge waren so orange wie die Lampenschirme: eine Farbfloskel, die sich oft mit schmiedeeisernem Stuss paarte. Schrott hatte gerade die Erfindung der Poesie veröffentlicht – Gedichte aus viertausend Jahren. Auswahl, Übersetzung, Kommentierung: Schrott. Was für ein solistischer Durchmarsch.

„Kein gelungenes Gedicht spricht von sich oder seinem Ich“, verrät die Erfindung. Da ist ein Watt aus Wörtern und Spurrillen in Zeiten als Götter noch selbst dichteten und menschliches Dasein sakral sich vollzog. Der Himmel, ein Dom über Ur.

„Die Sprache arbeitet den Kategorien der Logik entgegen.

Die Klarheit der Buchstaben bleibt eine scheinbare.

Die Silben können nicht die Grundelemente einer Grammatik der Welt sein.“

Ich füge ein, dass ich ausgerechnet bei den Grimmbrüdern einen Vorbehalt gegen Buchstaben fand. Buchstaben als Angriff auf das Gedächtnis/ Buchstaben als Profanisierungsmedium.

„Schreiben“, schreibt Schrott, „ist ein nüchterner Rausch, eine Anspannung, die etwas mit Glück zu tun hat.“

Sie hatten Hörner auf dem Kopf – Antilopenhörner, glaube ich.

Schrott war auf einem Schiff zur Welt gekommen. In österreichischen Handelsangelegenheiten hatte der Vater die Familie von São Paulo via Zürich nach Tunis gescheucht. „Bücher im Haus“ waren das Beständige im Dasein der Wohlstandsvagabunden.

Morgen mehr.

16:58 04.10.2015
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