Hessenmeister XLVII

Ugly Casting in Sidi Bou Saïd
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Raoul Schrott rühmte das Licht von Sidi Bou Saïd

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Bildnachweis: tourismtunisia.com

Coogan kantete eine Schädelkalotte mit der Hand auf, seine Studentinnen besahen die Dura, unwahrscheinlich, dass auch sie Gefäße für etwas so Hässliches waren. Es führte in ihren Vorstellungen kein Weg vom grauen Gewebe zu Eudaimonia. Coogan verlangte von Colette (Peignot) eine Trennung des Klumpens von seinen Verbindungen.

Colette hob den Flutsch aus der Schale. Sie weigerte sich, den Flutsch Gehirn zu nennen. Das war doch lächerlich und noch unerfreulicher als einige Emanationen des Stoffwechsels.

„Als ginge man beim Abdecker in die Lehre“, wisperte Steffi von Salzmannshausen.

Colette rettete sich zu stiller Heiterkeit. Coogan rief das Faktotum, Quasimodo trieb die Studentinnen mit seiner bloßen Erscheinung bis zu den letzten Bänken. Coogan scheuchte Quasimodo mit Flutsch und Glutsch zur Hörsaaltür hinaus, er bat Hauke, die Fenster zu öffnen. Die Vögel sangen von ihrem Entzücken. Sie saßen Spalier auf der Fensterbank. Gute getarnte Spanner.

Colette genoss die besondere Aufmerksamkeit des Professors. Coogan führte sie zu ihrem Platz, die Vögel lachten sich einen Ast. Colette übertrieb ihre Schwäche, sie täuschte andauernde Hinfälligkeit vor.

„Die stimuliert nur“, petzte Steffi.

Coogan ließ ihr die phonetische Ungenauigkeit durchgehen. Er wusste, was von ihm erwartet wurde. Coogan versprach ein gutes halbes Stündchen Religionsgeschichte.

„Wer hat schon einmal von einer Anstalt gehört, die den in Einsamkeit wahnsinnig gewordenen Eremiten zur Frühzeit des Christentums vorbehalten war?“

Auf solche Stories standen die Studentinnen. Bloß nichts mit Anspruch. Barbara von Fallersleben gab die richtige Antwort. Der alte Theodosius* hatte im 6. Jh. vor Bethlehem ein Kloster aufgezogen, in dem verknatterte Solisten zu einem Ensemble zusammengefasst wurden.

*https://de.wikipedia.org/wiki/Theodosios_der_Koinobiarch

** Ein Engel brachte Karl dem Großen die Vorhaut Jesu vorbei. Das ist verbürgt.

Am Nachmittag kamen Raoul Schrott und Feridun Zaimoglu von Sidi Bou Saïd herüber geritten, die Studentinnen erhoben sich zu einem Chor der Freude.

„Denken wir an Agatha“, sagte Zaimoglu. „Die Jungfrau widerstand dem Begehren eines Mächtigen, so dass man sie bei lebendigem Leib zerschneiden musste. Die Brüste, „klein und noch gar nicht voll ausgereift“, wurden dem Mädchen vor die Füße geworfen. Es äußerte milden Tadel:

„Errötest du nicht, den Teil eines Menschen zu zerreißen, der dir an deiner Mutter einmal Nahrung gegeben hat?““*

*Die Zitate stammen aus Albert Sellners „Immerwährenden Heiligenkalender“

** Kursiv gesetzte Zitate sind dem Herzen der Finsternis entnommen.

„Oder Doris“, ergänzte Schrott. „Unserer lieben Doris, Schutzheilige der Brauer, war als Bräutigam nur der Erlöser recht. Wegen eines abgewiesenen Freiers musste sie zu siedendem Öl in einen Bottich – sie überstand die Prozedur ohne Schaden.

„Was also“, fragte Coogan die Studentinnen, „macht heilig?“

„Standhaftigkeit vor allen Anfechtungen“, antwortete Heidi (Edith) von Schauenburg-Lippspringe.

„Zudem eine Leidensfähigkeit, die von bodenloser Verachtung des Körpers rührt“, ergänzte Hauke von Dänemark und Holstein.

Von Zaimoglu wussten die Studentinnen schon alles, Schrott kannten sie noch nicht so gut. Sie baten ihn, von sich zu sprechen, einen größeren Gefallen könne er ihnen nicht tun.

„Wissen ist Lust“, verkündete Schrott. Ihn unterhielt eine Kristallstruktur, die in drei Dimensionen symmetrisch war genauso wie ein Tonzylinder, der Informationen aus undenkbarer Vergangenheit hieroglyphisch auf uns brachte.

Schrott hob eine Seite seiner philologischen Neigungen an. Er sprach von Erregung aus Sprache, die Studentinnen erröteten unter den Schleiern, da Schrott von Erotik sprach. Erotik hatte ihr ganzes Interesse. Nur wenn es um Erotik ging, waren sie nicht faul und oberflächlich und ständig am Telefonieren oder Instagramen.

Das war die Zierde Hessens, als Bräute versprochen den Edlen, unseren Besten.

Zaimoglu seufzte. Coogan schüttelte bedenklich den Kopf. Er hatte die Germanistik (gemeinsam mit den Brüdern) erfunden in Sorge um den weiblichen Nachwuchs. Man konnte den schließlich nicht Kriegswissenschaften studieren lassen, Penthesilea hin oder her.

Schrott sprach von sich in der 3. Person: „Für den Heranwachsenden hieß zu sprechen immer wieder Fremdes sich aneignen. In Afrika hauten Buben ihm die Hucke voll. Er dichtete schon, als er aus dem Maghreb nach Landeck geriet. Dialekt half, sich in Vielsprachigkeit nicht zu verirren.

In Schwalbenform segelten die ersten Botschaften aus den letzten Reihen.

Haste heute Abend schon was vor? Ich warte bis sieben am alten Haupttor. Weeste wo das alte Haupttor is? Gruß Prinz. Conny v. Hessen-Nassau

Schrott wog die Beziehungen zwischen Hochsprache und Kopfhaltung. Die weltweit einzigartige Großschreibung der Deutschen rückte er neben jüdische Mystik.

„Großschreibung als verborgenes Akrostichon oder Anagramm einer verschlüsselten Nachricht Gottes.“

Mit vierzehn brannte Schrott durch. In Griechenland fand er das Licht seiner Sidi-Bou-Saïd-Kindheit.

„Ich saß jeden Abend in einer Bar auf einer venezianischen Festungsmauer, rauchte, ohne zu inhalieren, und trank Gin in großen Schlucken.“

Paris erreichte er mit einem Käse als Mundvorrat. Er strich an den Huren vorbei. Auf der Suche nach Stellen, wo Rimbaud den Rinnstein geküsst hatte, richtete er sich, ganz Navigator auf dem Eismeer der Kunst, nach den Sternen.

„Die hybriden Tauben auf den Masten von Paris“ wird er später bemerken, als Hilfsbuchhändler bei Shakespeare & Company, „heruntergekommen zum Touristenbums“, und als Sekretär des greisen, von Michael Jackson amüsierten Surrealisten Soupault.

Die Pilger hatten das Feuer eröffnet und streuten Blei ins Dickicht.

Morgen mehr.

08:33 05.10.2015
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