Hessenmeister XLVIII

Ugly Casting auf dem Kongo
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Joe Conrad verirrte sich in den Werra-Sümpfen. Er floh vor Waldmenschen, entlaufenen Sklaven, verwilderten Hunden und Bären. An der Grenze zu Niedersachsen wäre er beinah umgekommen. Sein Fazit: Im Vergleich mit der Feenhölle Hessen war die Reise ins Herz der Finsternis ein Spaziergang am Kongo.

J. Conrad

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Bildnachweis: Wikipedia

Der fünfzehnjährige Roaul Schrott referiert Camus` Mythos von Sisyphos. Englisch ist die Sprache seiner Jugendprosa. Er spielt konzertreif Gitarre. Täuschte ich mich? Mir schien, als brächte so viel Tugend Coogans hochgeborenen Studentinnen nicht ins Träumen, sondern zum Gähnen. Die Mädchen dösten wohl hinter ihren Schleiern. Es wäre Hessen kein Schaden entstanden, hätten wir sie alle (einschließlich der Prinzessinnen) nach Kairo verkauft.

Sie sollten ja auch nur mit einem Anstrich in die Ehe geschickt werden, Bildung zierte nach der Mode, immer wieder lud Coogan Gelehrte ein. Im Jetzt dieser kleinen Erzählung sprach Roaul Schrott zu den Studentinnen. Er sah aus wie ein Pferdeknecht, der es zum Reitlehrer gebracht hatte.

Schrott streicht Buchkunstpreise ein, er dokumentiert die Abstecher der Dadaisten nach Tirol. Ihre Korrespondenz kopiert er von Hand in der Bibliothèque Littéraire Jacques Doucet.

Er publiziert Makame: drei Hefte im Bleisatz auf handgeschöpftem Papier und Bütten in einer Kirschholzkassette. Die Kirsche wird im Garten der Eltern umgelegt. Schrott übersetzt Nobelpreisträger. Er plädiert fürs Üben. Er kennt Methoden zum Erwerb lyrischer Fingerfertigkeiten.

„Die Gestirne (waren) Einbäume voller Feuer, die aus dem Meer im Westen kamen.“ Finis Terrae

Ich blies die Kerze aus und verließ die Kabine.*

*Kursiv gesetzte Zitate sind dem Herzen der Finsternis entnommen.

Was weiß das Holz einer Geige vom Klang? Auf der Heimfahrt saß ich mit Schrott und Joe (Conrad) allein in der Kutsche. Längst hatte sich die Landschaft im Nebel davongemacht. Wir hörten den Hund von Baskerville seine Memoiren heulen. Seit einiger Zeit gingen wieder Vampire um. Es gab auch Wiedergänger von Sklaven. Ich erinnere an Kapitän Müller, der sich einen Schock Unglücklicher von der Elfenbeinküste zu seinem Plaisir in den Finsterwald mitgebracht hatte und nun nicht allein von Heimsuchungen bedroht wurde. Die schwarzen Gespenster bewegten sich auf dem Territorium chattischer (kattischer) Hochländer – Häuptlinge, die wieder- und wieder kamen als Garanten hessisch-texanischer Tapferkeit und Freiheit. So unsterblich wie unschlagbar. In Sarajevo verhalf das Fernsehen der Gestaltungskraft von Granaten zu international durchschlagender Wirkung. Die Stadt wurde mit Waffen skulpturiert, während Baudrillard Amerika als „erfüllte Utopie“ beschrieb und der hessische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. eine Ehe zur linken Hand mit Gertrude geb. Lehmann, erhoben zur Fürstin von Hanau und Gräfin von Schaumburg, im zwanzigsten Jahr führte. Aus dieser Verbindung waren neun Kinder hervorgegangen. Ein wegen der morganatischen Ehe seiner Eltern nicht nachfolgefähiger Wilhelm hatte als Unterleutnant im Leibgarde-Regiment eine Tochter mit unserer Edith (Heidi) vollbracht, ich muss doch nicht hervorheben, dass Edith dabei ledig blieb. Das doppelt illegitime Geschöpf von Willis Samen hatte nichts zu erwarten als den sauren Atem barmherziger Schwestern.

Auch Edith durfte nicht mehr hoffen. Wer sie nicht schnitt, dem warf sie sich an den Hals. Ich sah die ganze Person schwinden, die Tage wurden immer kürzer. Weihnachten rückte auf. In Zwehren, wo wir bei der Witwe Voss und einer Schwadron Töchter untergekommen waren, gab es seit dem Texanischen Unabhängigkeitskrieg (1835/36) die Motel Bar. Noch für eine Wohnzimmerkneipe war das Ding zu klein, wenn auch davor an zwei Tischen zwanzig Ranger Platz fanden. Hymnische Heizpilze bewahrten das Publikum vor der Kälte.

Der Schankraum war groß genug für Kühlschrank und Kaffeemaschine. Dazwischen hockte man wie im Schlauchboot einer Wohngemeinschaft älteren Stils, die gerade ihr sinkendes Hausboot aufgegeben hatte. In Deutschland kannte man das Format kaum, da schwappte etwas gastronomisch auf die Gasse im Stil eines südeuropäischen Wasserhäuschens.

Morgen mehr.

08:34 06.10.2015
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