Hessenmeister XV

Ugly Casting im Vergleich mit dem Hangar-Stil
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Im ewigen Sommer Neunundneunzig erschien Räuber Hotzenplotz in Begleitung der apokalyptischen Reiter

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/media.media.f8cb65c0-7b02-4de6-a723-e893eff3865e.normalized.jpeg

Bildnachweis: Stuttgarter Nachrichten

Neunundneunzig war ein Sommer der Nischen und Klausen. Man baute im Hangar-Stil. In die Hangars setzte man Nischen und Klausen. Viele wohnten wie die Flugzeuge und trotzdem gingen sie zu Konzerten von zum Beispiel Stephan Krawczyk, der noch von Honecker persönlich ausgewiesen worden war. Leute glaubten, Gehirne mit Füßen und echte Netzpersönlichkeiten zu sein. Angeblich hatte sich ihre Sozialisation im Internet vollzogen.

„Was sich vollzogen hat, kann sich verziehen“, sagte Hauke. Nach Jahrzehnten der Bescheidenheit trug sie nun dick auf. Sie schwebte auf einer Kenzo-Wolke. Meine Überraschung kassierte ihren Spott. Wir besuchten die Networking Community in der Daimlerstraße, riesige Ventilatoren (gefasst von einem Traversenverbund) trieben den Straßenstaub auf. Kenzo Takada moderierte den Termin gemeinsam mit dem Kognitionswissenschaftler Gerd Döben-Henisch. Nebenan fanden „Klangspiele im Park“ statt als noch einem Beispiel für Benennungsschwachsinn.

Döben-Henischs „Knowledge Robots“ („Knowbots“) waren sprach- und lernfähig. - Teile einer virtuellen Umwelt, in der sie Erfahrungen machten. Der Geist von Heiner Müller kratzte sich am Ohr. Er hatte das kommen sehen. Zaimoglu beamte sich zur Stelle, der Geist von Heiner Müller begrüßte die Teleportation. Wir verloren das Interesse an der Zukunft, die in der Daimlerstraße schon stattfand, und verfügten uns zum Main. Interrailer wälzten sich auf den Kotstreifen. Silvaner hatten Feuer gemacht, einer zielte mit dem Finger auf uns und machte das Plop-Geräusch.

Plop. Plop. Plop.

„Jetzt seid ihr tot“, sagte der Silvaner.

„Du kommst zu spät, mein Freund“, sagte der Geist von Heiner Müller. Seine Stimme knisterte wie eine Zigarre. Er lobte Zaimoglu und mich:

„Ihr lasst das Ghetto tanzen. Das finde ich flott. Gäbe es doch nur eine Kanak-A-Movement-Abteilung für sächsische Geister und Gespenster.“

Zaimoglu erwiderte:

„Wir machen schon lange nicht mehr Versehrung zum Gegenstand unseres Redens.“

Ich wurde nicht immer schlau aus meinem Freund.

Lustspiele allenthalben.

Edith trat im Gefolge von Wanz auf. Sie glaubte von einem Strindberg grün und blau geschlagen worden zu sein. Der von Kunstanstrengung gebändigte Wahnsinn war als Idee ihre Zuflucht. Sie rettete sich zu der Legende vom kranken Genie und verwirrten Einzeltäter.

Aber Wanz war kein Einzeltäter. Seine Lyrik entstand nicht selten in Kollaborationen. In seinen Kreisen nannte man Wanz den „Kater“. Der Kampfname passte. Kater war ein Dunkelgroßer mit Nackenspoiler. Er kam den Leuten gern zu nah, lief auf, fasste an. Er hatte das Repertoire eines Türstehers.

Wanz gehörte zu einem bundesweit aktiven, vor allem in Berlin randalierenden Syndikat linksdrehender Rassisten und psychotischer Lyriker. Sie verbanden Gedichte mit Gewalt. Sie wollten den Rechtsstaat abschaffen und hielten sich für die letzten Souveränen. Dreschen nannten sie „günthern“ nach einem Obergassenhauer und ihre Stammlokale hießen nach Adolf Hitler „Wolfsburg“. Ich fand das Programm abgeschmackt, aber Zaimoglu meinte, man müsse sich auch um Nationalsozialisten kümmern. Zaimoglu hatte diesen Impetus. Im Gegenzug kümmerten sich die Rauschwürmer um uns. Sie setzten uns erfreuliche Läuse in die Pelze, die mit „frauenspezifischen Methoden“ (so hieß das im Staatssicherheitsdeutsch) Aufklärung trieben.

Sie suchten nach der Lücke, dem kriminellen Astloch. So erklärte ich mir Ediths Anhänglichkeit. Wanz musste von seinen Wolfsburgern überstimmt worden sein, ihm ging Ediths straßenköterische Berberei* gegen den Gedankenstrich.

*Wanz sprach mich in seinem Werk mit „Berber“ oder „Straßenköter“ an, wenn er freundlich sein wollte. Er schrieb, als habe man G. Benn, E. Pound und W.H. Auden auf die Galeere einer Dichtergemeinschaft gezwungen und das Ensemble unter A. Artauds Kuratel gestellt. Seine Begabung retardierte den Irrsinn und die Gemeinheit. Interessanterweise wiederholte sich das im physischen Apparat. Wanz wartete auf seine Wirkung. Er erwartete sie wie einen Zug mit Verspätung. Kam die Wirkung nicht an, sah ich ihn manchmal mit hängenden Armen so da stehen als Denkmal einer Vergeblichkeit.

*

Die Jungen auf den stabilen Fahrrädern, wie in permanentem Angriff und immerwährendem Schlaf an die Lenker geschweißt.

*

TV-Fußball in einer Schwemme. Ein herzhaftes „Nigger“ gehörte zu jedem Kommentar, als Okocha das Tor traf: in einem Quartier, das an allen Ecken über multiethnische Erscheinungen promovierte. Die Frau, die von ihrem Begleiter einen Freudenhieb ins Kreuz kriegte, parierte mit dem Worten: „Macht nichts, ich bin gut gepolstert.“

*

Ein Schiff wird kommen … eine Kneipe wie ein Narrenschiff, nein, wie ein zerschlagenes Puppenheim, das war der „Kühle Grund“ an der Ostendstraße. Edith täuschte Augenorgasmen vor. Sie tat so, als sei es ihr gegeben, über Satzzeichen nachzudenken. Was ein Komma ist.

*

Ich entdeckte Hauke und Horst auf meiner Seite der Terrasse, das war die Quittung für Edith.

Guck es dir an, verlangte ich von mir. Ich prüfte meine Empfindungen. Ich war okay. Ich stieg über die Kopulation, Heike schaukelte zwei Terrassen weiter in einer Hängematte und blätterte den „Spiegel“.

„Bist du okay?“ fragte sie.

„Ich bin okay“, antwortete ich.

„Möchtest du einen OMMK*?“

* Orange-Maracuja- Minz-Kiwi-Mischgetränk

„OMMK kommt jetzt, glaube ich, sehr okay.“

Heike drehte sich aus der Matte, sie sah an sich herab.

„Findest du mich okay?“

Was sollte ich sagen. Heike verschleierte sich von der Hüfte abwärts, sie beeilte sich, den OMMK zu bringen.

„Kuhl“, sagte ich zum Dank.

„Gerne, ich finde dich super, doch weißt du das wohl.“

„Gewiss wohlweiß ich das“, antwortete ich artig.

Der OMMK schmeckte wie ein Wassereis meiner Kindheit. Mein Geschmack und seine Knospen verweigerten jeder exotischen Note das Existenzrecht. Man hätte das genussfeindlich nennen können. Vielleicht sogar monströs. Ich machte Liegestütze, um auf andere Gedanken zu kommen.

Heikes trüber Ehrgeiz, mit Horst gleichzuziehen und mit meiner Hilfe einen Ausgleich in ihrem Liebesscharmützel zu erzielen, strotzte vor Routine. Die Routine raffinierte eine Bettelprosa zum Erbrechen. Ich war Heike vielleicht nicht völlig egal.

Well as well him as another sagt Molly Bloom im Ulysses. Zum Glück kam genau nun Horst an und fragte:

„Alles okay bei euch?“

Heike bot ihm keinen OMMK an. Im Augenblick war sie verbitterte Dreiundvierzig. Umgehend würde sie dafür sorgen, dass Horst seelisch auf dem Zahnfleisch kroch.

„Man lebt nur einmal“, sagte Horst. Im ewigen Sommer Neunundneunzig sagten das alle ständig. Die apokalyptischen Reiter hatten sich gezeigt so wie Räuber Hotzenplotz. Ganze Horizonte waren aufgerissen worden. Man hatte Pädagogen gelyncht. Es herrschten denkwürdige Zeiten.

Ich drückte Horst meinen OMMK in die Hand.

„Ist noch kalt. Schmeckt wie ein Wassereis um Neunzehnhundertsiebzig.“

Hauke erweiterte den Kreis der Freunde.

„Alles okay bei dir?“ fragte ich.

Würde sie sich jetzt auch in eine verbiesterte Alte verwandeln, die swingern musste, um sich lebendig zu fühlen?

Eine Nachbarin namens Urschel eilfertigte einen Teller voll Wasser- und Honigmelonenschnitze. Melonen wuchsen überall.

„Seid ihr okay?“ fragte Urschel. Es hatten einmal wieder alle alles mitgekriegt. Die Phase der Moderation lief an. Man wusste, dass wir keine bewährten Swinger waren, sondern Anfänger, die vielleicht nie Fortschritte machen würden. Ich suchte Anschluss an meine Einheit. Ich wäre gern mit Hauke allein gewesen, doch Hauke suchte die Gemeinschaft, um erst einmal wieder easy zu werden, wie man damals sagte. Horst hatte seine Badehose liegengelassen, Hauke hinterher sie ihm getragen.

Die Nachbarschaft wuchs sich auf der Terrasse aus. Knowbot-Grills machten sich ans Werk. Die Party konnte beginnen.

Morgen mehr.

13:00 04.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare