Hessenmeister XVII

Ugly Casting beim Newport Folk Festival
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1931 übernahm Max Horkheimer die Leitung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main.

Institut für Sozialforschung

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Bildnachweis: Wikipedia

Mit Dylan zog der Heilige Geist in die Rockmusik ein. Das Wort von Bruce Springsteen über einen, der als „Milchgesicht aus Minnesota“ in New York ankam, um rasch – und, den Chronicles zufolge: unfreiwillig – weltweit zur „Stimme einer Generation“ aufzusteigen und zum Sounderzeuger „des Protests“ anzuschwellen, suchte sich seinen blasphemischen Zusatz so, als sei das eine ohne das andere nicht zu haben.

Holy ghost Dylan – der Germanist Heinrich Detering behauptet, bei dem 1941 als Sohn russisch-jüdischer Immigranten in Duluth geborenen Musiker sei „kritisches Bewusstsein mit religiösem Bewusstsein identisch“.

„Noch immer pocht das Ich seiner Lieder an der Himmelspforte.“

Der politisch extrem vereinnahmte, als Begleitmusiker von John Lee Hooker 1961 auf der Bühne des Gerde’s Folk City debütierende Künstler habe vor allem „Heils- und Unheilsgeschichten“ zu erzählen. Defizitäre Sprach- und Bibelkenntnisse könnten dem deutschen Publikum die richtige Perspektive verstellen.

Das leuchtete ein. An einem Abend voller Schwaben wollte ich mehr erfahren. Die Schwaben stiefelten aus sämtlichen Schächten der Stadt. Gab es Stuttgart noch einmal als Unterwelt von Frankfurt am Main? Als Hochburg im Weltkeller? „Pur“ spielte in der Festhalle, aber ich hatte mich für eine dann doch an ranzigen und peinlichen Episoden entlang schrammende Veranstaltung des Instituts für Sozialforschung entschieden. Der Termin war im Vorfeld meiner Wohngemeinschaft bejubelt worden. Inzwischen traf Horst Hauke mitunter in meinem Bett, das ich dann vermied. Zum Ausgleich frühstückte ich mit Horsts Heike. Wir schwankten zwischen Experiment und Katastrophe. Immerhin erlaubte mir die Entfremdung von Hauke edithorische Abenteuer.

Edith, die Frau vom irren Wanz, der mir mit seinen „Wolfsburgern“ nachstellte und gewiss auch Zaimoglu nachgestellt hätte, wäre Zaimoglu in jenen Tagen am Main zuhause gewesen. Edith war mir zugetan, daran konnte kein Zweifel bestehen. Trotzdem erschien ihr das angebracht, wenn Wanz mich mit einer Handarbeit seiner Freunde für ein paar Tage ins Krankenhaus schickte. Es geschah dies nicht aus Eifersucht, obwohl es Eifersucht gab. Wanz wollte gegen mich ein Schreibverbot durchsetzen. Er führte die bewaffnete Abteilung einer Zensurbehörde an, die sich selbst ermächtigt hatte und als Kneipentribunal zusammen trat.

Edith appellierte an meine Vorsicht, zugleich erhitzte sie meine Gleichgültigkeit gegenüber den Angriffen.

Sie fand mich noch faszinierender als ich sie. Edith studierte meine Reaktionen auf Drohungen in den Tarnfarben von Warnungen. Immer wieder schlich sie über die Bornheimer Grenze ins Ostend. Danach wusste sie mehr und hatte ihren „Wolfsburgern“ was zu erzählen.

Eine religiöse Imprägnierung der Dylan-Lieder erkannte Detering „von allem Anfang“. Wir saßen zu viert in der siebten Reihe, Hauke, Horst, Heike - ich ahnte eine Verstimmung zwischen Hauke und Horst. Die Verstimmung zwischen Heike und ihrem Liebsten war manifest. Heike kroch auf den Brustwarzen der Liebe, die christliche Unterwanderung käme aus dem Wesen der Americana, in der Spielart weißer Volksmusik, die Dylan lange vor dem für ihn eklatanten Newport Folk Festival 1965 in der so genannten new music – „nicht Country, nicht Blues“ (Klaus Theweleit) – transformierte.

"I awoke one morning and found myself famous" (Byron) Er selbst auf dem Newport Folk Festival 1965 - Jesus vergrault seine Jünger

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Bildnachweis. moviemorlocks.com

Theweleit, der nicht frei wie im Hörsaal sprechen sollte und es doch tat, rief den entscheidenden Punkt auf. Als besessener Nachahmer vorgestorbener Folkvirtuosen sei Dylan an seine musikalischen Grenzen gestoßen, noch bevor der Ruhm ihn erreichte.

Horst scheiterte bei dem Versuch, wie Haukes Hauptmann zu erscheinen. Hauke ließ ihn in die Mediokrität abfahren, der Skandal war, dass sie Horst so viel Raum in ihrem Leben gab. Heike reagierte auf das Spiel der Überlegenen mit seelischer Schnappatmung. Ihre klammen Vorwürfe machte sie lieber mir als Horst. Ich vernachlässigte sie mit meinem Desinteresse.

Theweleit:

„Dylan fehlt das Konzept jener, die schon im Mutterleib auf einen Ton gestimmt werden.“

Die Innenwelt als straßenlärmlaute Musikbox beschrieben zu kriegen, gefiel Horsts Originalitätsbedürfnis.

Die Americana im Bauchladen – War es nicht wenigstens auch so, dass Dylan das Wir-Bedürfnis seiner Fans immer wieder und immer wieder anders düpiert hatte. Ich erinnerte Bilder von ihm als Landadligen auf der Flucht vor seinem Volk.

Wir kamen aus einem klimatisierten Raum in die Neunundneunzigerhitze. Die Hitze nahm sich jeden vor als sollte er in Brand gesetzt werden. Sie verlangte die totale Kapitulation bei gleichzeitiger Verhaftung. Es grenzte an ein Wunder, dass der Verkehr nicht zum Erliegen kam. Dass die Versorgung weiter ging.

Allen Ginsberg: „Dylan ist ganz Atem.“

Richard Klein: „Die Sprache wird von der Stimme bearbeitet, der Gesang stemmt sich gegen die apokalyptischen Botschaften des Textes.“

Wir nahmen Rikschas zum „Willies“. Die Fahrer waren echte asiatische Tagelöhner. Sie hatten Figuren wie von Giacometti. Heike bemerkte das, Horst hatte sich neben Hauke auf ein Brett für zwei Personen gedrängt. Mein Widerstand verendete. Die Musketiere an der Bezirksgrenze zum Ostend hielten uns für ein Paar, dass es eilig hatte.

Morgen mehr.

11:28 06.09.2015
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