Hessenmeister XVIII

Ugly Casting & Indian Vibes
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Kiran Nagarkar kam aus Bombay, er hatte einen Roman geschrieben, dessen Held ein mathematisches Genie ist. Es wird menschlich nur in seinen Beziehungen zu Zahlen. Das erzählte ich der Mathematikerin Mara, während Nagarkar Anstalten machte, zu uns an den Tisch zu kommen.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41OyRxSH1TL._AC_UL320_SR210,320_.jpg

Bildnachweis: amazon

„Die Stratocaster klingt so wie ein gepflegtes Auspuffrohr aussieht.“

Ich brachte den Einfall bei Mara an. Meine Sandkastenfreundin war aus Buddy Hollys Geburtsstadt Lubbock, Texas, nach Frankfurt in die Festhalle geflogen, um sich mit mir und Hauke, das hatte sich so ergeben, Mark Knopfler anzuhören. Die zweite Dire-Straits-Platte, Communiqué, hatte ich Mara zu Schulzeiten geschenkt. Wir hatten Dire Straits in der Kasseler Eissporthalle gesehen.

Hauke verzog sich in eine bewirtschaftete Bucht, sofort widmete sich ihr einer. Knopfler machte Musik für die Träger der ewigen Jeansjacke, daheim in der kosmischen Pilsstube, und solchen Typen erschien Hauke wie die ideale Braut.

Hauke sagte Braut, sonst würde ich nicht Braut sagen. Sie konnte von einer Braut sagen: Das ist doch ein entzückendes Ding. Ich behielt sie im Blick, während ich Mara nicht gerecht wurde. Mara war der kompletteste Mensch, der mir je begegnet ist. Sie betrachtete ihr Fach, die Mathematik, als Geisteswissenschaft. Dire Straits hatten wir Anfang Achtziger aus dem Programm genommen.

Für wen oder was war Dire Straits je gut gewesen?

Mara fand Knopfler pleasant and boring.

Plötzlich wusste ich es! Das einmütig ergraute Publikum erinnerte mich an eine Resistenz. Hier standen Leute, die auf Auffällige(s) allergisch reagierten.

Knopfer wirkte schwer entflammbar. Er spielte schließlich alte Sachen. Die akustischen Bausteine setzten sich exakt und, das war eine paradoxe Empfindung, wie zu Demonstrationszwecken so übersichtlich zusammen. Komponentenrock. Verwaltete Virtuosität.

Hauke kehrte zu der Bedeutung zurück, die sie für mich hatte. Sie trank Bier und trug Jeansjacke. Sie ging als Traumfrau des aufrechten Dire-Straits-Fan durch. Sie kannte alle Kneipenspiele. Zu spät war nie.

Wolfgang Welt: „Ich mochte immer schon Frauen, die gern Bier trinken.“

Mara und Hauke mochten sich von Herzen. Hauke war genauso gerade und prima wie Mara. Amerika hatte Mara zur Texanerin gemacht. Von ihrem Ausbilder hatte sie die Einsicht übernommen:

Slow is smooth and smooth is fast.

Zivile Erhebungen fanden statt, wie gesagt, da war keiner, der sich zu laut freute. Ich zog mit meinen Lieblingsfrauen in den Hessischen Hof. Michel Friedman hielt Hof.

Eine Sehnsucht nach Untergang und Verderben trieb ihr Wesen in der Kellerbar. Herren trank Königspilsener, die Damen Champagner. Solange alles im Rahmen blieb.

Einst war Morbidität so schick wie ein Waschbrettbauch gewesen. Der Morbiditätsschick hielt sich hier im Keller versteckt und erwartete eine Renaissance.

Wir ergatterten einen Tisch, Hauke verbreitete zoologische Kuriosa und eine Swiftsche Ethologie. Sie war aufgeräumt und erfrischt in Maras Nähe. Es ist nun einmal so, dass die Klasse eines Mannes von der Frau bestimmt wird, die ihn „entdeckt“ - ihn allen anderen vorgezogen hat - und von der Zeit bestätigt wurde.

Meine Erinnerung sagt auch Mara flamboyante Züge an diesem Abend nach.

Ein Schock indischer Schriftsteller montierte sich ins Gruppenbild, ich erkannte Adyasha Dash, Gagan Gill, Shafi Shauq und Kiran Nagarkar. Indien war zum Wahrzeichen der globalisierten Zukunft geworden, indian vibes benoteten den subtropischen Sommer Neunundneunzig. Shauq, ein Mann aus Kaschmir, stieg auf unseren Tisch. Er hatte mir den territorialen Eigensinn seiner Gegend erklärt, nun überfiel er Mara und Hauke mit Erklärungen. Sein Englisch klapperte wie ein alter Bus, Mara brockte konziliant aufgeschnapptes Kashmiri in die Situationssuppe. Hauke kannte Kaschmir, sagte aber nichts. Sie hintertrieb jede Darstellung ihre Schätze. Sie konnte akupunktieren, das hatte sie in einem chinesischen Krankenhaus von einer Koryphäe für Bauchakupunktur gelernt. In ihren chinesischen Erzählungen tauchten aber immer nur irische und schwedische wayfarer und bushwalker auf, die von Haukes Trinkfestigkeit überwältigt gewesen sein sollen.

Shauq rief Adyasha Dash zu uns. Dash war sozusagen alles, also auch Managementexpertin, Soziologin, Feldforscherin. Sie erforschte die Gewohnheiten indigener* Gemeinschaften.

* Als ich vor Jahren über Adyasha Dash schrieb, nahm die Formulierung „indische Naturvölker“ noch selbstverständlich Platz im Text. Das zum Thema Kolonialismus und Sprache. Man hat den Kolonialismus im Kopf und denkt sich nichts.

Dashs Biografie las sich wie ein vorbildliches Beispiel für die Anforderungen in einer grenzenlosen Wissensgesellschaft. Sie erinnerte an die mysteriöse S. Jammu in Jonathan Franzens Roman Die 27ste Straße. Darin übernimmt eine Inderin als Polizeichefin von St. Louis buchstäblich die ganze Stadt.

Nagarkar kam aus Bombay, er hatte einen Roman* geschrieben, dessen Held ein mathematisches Genie ist. Es wird menschlich nur in seinen Beziehungen zu Zahlen.

  • *„Gottes kleiner Krieger“

Das erwähnte ich Mara gegenüber, während Nagarkar Anstalten machte, den Kollegen auf unseren Tisch zu folgen.

Hauke mahnte zum Aufbruch, sie wollte mit Mara und mir in den Halbmond neben dem neuen Flughafen auf dem Friedberger Platz. Sie zitierte C. Eastwood: Wer zum Sterben noch keine Lust hat, der macht, dass er hier rauskommt.

Natürlich wusste Mara, in welcher Rolle Eastwood das sagt. Großartig und seltsam musste es sein, ein Gesicht zu haben, das der Welt teuer war.

Morgen mehr.

11:37 07.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare