Hessenmeister XXI

Ugly Casting unter Nachtwächtern
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Im alten Kesselhaus steckte nun der King Kamehameha Club. Das war ein prächtiger Laden auf zwei Etagen. Höhepunkt eines Genres. Fotomodelle und Flugzeugführer verkehrten im Kinka. Sie genossen die Berührungen mit eiskalten Gläsern. Sie pausierten auf illuminierten Glaskörpern.

Chef im Ring war Radu Rosetti. Er hatte als Abräumer im Dorian Gray angefangen, die Havanna Bar an der Schwanenstraße aufgezogen, nun zog er mich an eine Bar.

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Bildnachweis: Wikipedia

Die Belebung von Frankfurter Rückseiten ist das Geschäft von Entdeckern, die seit Jahr und Tag ökonomisch robusten Nachfolgern den Boden bereiten. Das Spiel verläuft immer gleich. Zuerst nisten sich Künstler und kleine Galeristen an einem in der öffentlichen Wahrnehmung entlegenen Ort ein und popularisieren ihn mit Ausstellungen und Ausschankgelegenheiten. Dann kommen die Partymacher, ihn folgen die Studenten. Wirte und Werber trudeln ein. Die Strategen tauchen zuletzt auf und bauen alles um. Das ist dann die Gastronomie mit der Brechstange.

Im ewigen Sommer Neunundneunzig hatte die Hanauer Landstraße dieses Schicksal schon erlitten. Es gab nur noch eine Insel der Seligen, Annette Glosers „Galerie Fruchtig“ an der Südlichen Zufuhr. Jemand hatte einen Steg vor dem Schuppen angelegt. Das passte. Wir standen auf ursprünglichem Maingrund. Wir waren einmal wieder mit der Laufgruppe unterwegs, paradoxerweise auf Fahrrädern. Nicht, dass irgendwen die Kunst vor Ort interessiert hätte. Man kam auf ein Bier vorbei und ließ vom Steg die Beine baumeln.

Industriearchitektur bot weit und breit Kulisse. Es wimmelte Ateliers und Agenturen.

Die Galerie war eine Lagerhalle an einem Asphaltgrat. Der Grat lief parallel zu einem stillen Gleis. Ich ließ die Gruppe zurück, um noch ein Stückchen zu fahren. Zu den verlorenen Prospekten der Frankfurter Ostzone zählte die Weitläufigkeit der aufgelassenen Unionsbrauerei mit einem im Teer eingesperrten Kastanienkarree und einer ruhenden Esse. Die kleinste Kneipe der Stadt war hier gewesen. Sie hatte nur bei schönem Wetter funktioniert und Aldi salonfähig gemacht.

Die Kastanien standen noch. Im alten Kesselhaus steckte der King Kamehameha Club. Das war ein prächtiger Platz auf zwei Etagen. Höhepunkt eines Genres. Fotomodelle und Flugzeugführer verkehrten im Kinka. Sie genossen die Berührungen mit eiskalten Gläsern. Sie pausierten auf illuminierten Glaskörpern.

Chef im Ring war Radu Rosetti. Er hatte als Abräumer im Dorian Gray angefangen, die Havanna Bar an der Schwanenstraße aufgezogen, nun zog er mich an eine Bar. Fern der Moden und gekonnten Haltungen erschien, was sich gerade da abspielte. Ein Bruder im Geist des irren Wanz versuchte mit der ausschenkenden Schauspielerin ins Gespräch zu kommen. Er hatte einen runden Kopf und ein eingeschlafenes Gesicht. Wanz-Zwo trug eine Armeejacke, auf einem Ärmel haftete eine Raute. Diese Typen lebten mit dem intensiven Bedürfnis, sich selbst zu markieren. Entweder stiefelten sie mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch die Gegend oder eben mit so einem Stammeszeichen. Die Rautenstickerei ergab die Buchstabenfolgen RIP – rest in piss. Wer mochte den roten Faden in das Tuch gestochen haben? Die Mutter vielleicht?

Neben Wanz-Zwo stand Vollwitz, ein Freund von Wanz seit Kindertagen. Man nannte ihn Stumpi. Stumpi pflegte einen Panikvollbart und eine Angstglatze, seit er Zaimoglu mit KO-Tropfen ins Krankenhaus gebracht hatte. So hielt er sich für unausstehlich. Ich meine, für nicht wiederzuerkennen.

Beide nahmen ihre Telefone in Betrieb angesichts des Feindes in meiner Gestalt. Ich war sicher, dass sie an höherer Stelle nachfragten, ob ich an Ort und Stelle zu vermachen sei. Ich kannte die Antwort der Gewaltigen. Zu viele Zeugen, zu viele Kanaken. Das hätte ich den Knechten auch sagen können.

Zwei Jahre war das Brauereiareal eine Baustelle gewesen. Darauf entstanden war ein „multi-funktionaler, von großzügigen Fenstern und Freitreppen geprägter Gebäudekomplex“. So sagte es Bauherr Ardi Goldman, der sich zu Rosetti und mir legerte. Die RIP-Nachtwächter gaben ihre Horchposten auf. Fünfzehn Häuser boten auf dem Gelände „Raum für Ideen“. Goldman begriff sein Engagement als „maßgeblichen Beitrag zur Urbanisierung“.

Wollte ich das wissen? Gefiel mir die Schauspielerin hinter dem Tresen? Ich weiß es nicht mehr. Ich mache einen Zeitsprung von über fünfzehn Jahren. Wir schreiben das Jahr 2015 und sind in Berlin. Ich werde seit neun Monaten bedroht. Dabei hervorgetan haben sich Franz Michael Günther - und Max Pfeifer in seiner Eigenschaft als presserechtlich Verantwortlicher der rassistischen Online-Postille „Stimmenrausch“. Beteiligt sich Bert Papenfuß und Kristin Schulz so wie alle möglichen Leute.

Ich muss jetzt mal ein ernstes Wörtchen mit Kristin Schulz reden. Als ich gestern Abend meine Runden an der Berliner Stadtgrenze drehte, kamen mir motorisierte Zweiradfreunde im Wald entgegen. Motorradfahren ist im Wald verboten. Waldwege sind keine Straßen. Die Motorradfahrer verschrecken das Wild. Sie ängstigen Reh und Hase. Sie sagten, sie seien von dir und Konsorten mir auf den Hals geschickt worden. Doch sei ihnen übel vor Angst nun im dunklen Walde. Ob ich sie noch einmal bitte davon kommen lassen könnte. Du kennst mich. Ich habe ein weiches Herz. Ich frage dich: Willst du neben solchen Menschen auf einer Anklagebank sitzen? Im Büßerhemd. Barfuß! Mit Menschen, die keine Skrupel haben, einen Igel zu überfahren. Mit Unholden, die in Gottes herrlicher Natur lärmen, dass sich die Bäume grämen.

Ich frage dich: Willst du das wirklich? Willst du solche Schlagzeilen:

Literaturwissenschaftlerin Kristin Schulz setzt Berliner Rockerclub gegen Schriftsteller ein

Berliner Literaturwissenschaftlerin Kristin Schulz lässt Schreibverbot mit der Faust durchsetzen

Pfeif die Pfeifer zurück, ich will keinen Menschen mehr nachts im Wald Motorrad fahren sehen. Es sei denn, du möchtest vor Gericht erklären, wie man als Literaturwissenschaftlerin dahin kommt, ein Schreibverbot mit der Faust durchsetzen zu lassen.

Morgen mehr.

10:31 10.09.2015
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