Hessenmeister XXII

Ugly Casting im Enkheimer Ried
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Motorradfahrer jagten mich im Enkheimer Ried. Sie riefen in den Wald: "Du alter Habak, wir wissen, dass du da bist."

Mit den Scheinwerferkegeln ihrer Maschinen bestrichen sie den grünen Saum der Kiesbahn, über die sie im Schritttempo rollten. Sie versprachen, mich mit gebrochenen Beinen am Leben zu lassen. Ich lag unter Laub im Schutz auch der Dunkelheit. Beinah wäre ich ihnen in die Arme gefahren.

...

Die Aktion war von der rassistischen Online-Postille "Stimmenrausch" unter der Überschrift "na warte" angekündigt worden. Doch hatte ich lediglich mit Radfahrern gerechnet. ... Ich atmete den Geruch der Erde, zwei, drei Mal flutete Scheinwerferlicht das Versteck. Jedesmal stockte mein Atem.

Enkheimer Ried

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Bildnachweis: fr-online.de

Moni Moni reagierte mit Laubsägearbeiten auf die Ornamentik einer Ära. Als Teenager & Vespa ein Begriffspaar bildeten.

Die Künstlerin sagte: „Meine Kunst ist eine Persiflage auf das Bild der Frau in Alltag & Öffentlichkeit – eine Kombination von Haushalt und Sex-Appeal.

Ich schrieb gewohnheitsmäßig mit, das stachelte Moni Moni an. Es hatte noch nie jemand über sie geschrieben, der Abend verdunstete auf einem Steg. Der Steg verband einen Schuppen mit einer Brache. Der Schuppen war Annette Glosers Galerie Fruchtig an der Südlichen Zufuhr. Glosers Einrichtungsentscheidungen oszillierten zwischen vagant und flüchtig.

Die Laufgruppe war auf Fahrrädern unterwegs, die meisten Aktivisten wollten noch über die Hanauer Landstraße hinaus zum Tanz auf der Tenne von Dörnigheim. Das reizte mich nicht, nicht an diesem Abend.

Kinder produzierten einen kleinen Sandsturm mit Sohlen. Das Verhältnis der Geschlechter stellte sich für Moni Moni als „Dialog über Macht“ dar. Sie fand es ungeheuer dringend, mir das zu sagen. Ihre Frisur war kindisch.

„Ich habe schon früh meine Welt in der Kunst reflektiert.“

Jemand sagte: „Ich habe drei quotes genommen für liner-notes.“

Moni Moni: „Ich war immer besessen davon, mich kreativ zu äußern.“

Die Eltern hatten den Kunstzwang mit dem Laissez-faire später Bürgerlichkeit freundlich zur Kenntnis genommen.

Sie habe zur Kunst keine Alternative gehabt, glaubte Moni Moni. Mich faszinierte das süchtige Selbst-Interesse. Obwohl ich schon wusste, dass so viel Narzissmus eine reife Leistung ausschloss.

„Ein Talent muss genutzt werden.“

War das so? Es gab so viele Talente, der Wille zur Kunst war verbreitet wie die vorsorglichen Berufsentscheidungen vorangegangener Generationen.

„Inhalten eine Gestalt zu geben“ sei harte Arbeit.

Was war so großartig an der grassierenden Kreativität?

Moni Moni sagte: „Du hast ein interessantes Gesicht.“

Sie machte auch was mit Gesichtern, es sollte noch dahin kommen, dass ich mich von ihr im Holzhausenpark fotografieren ließ.

Alles hitzte und verschwitzte im ewigen Sommer Neunundneunzig.

Frauen schleppten einen Herd über die Zufuhr. Sie schlappten nie weiter als ein paar Meter. In den Pausen rauchten sie.

Ich ging über die Gleise davon. Das Bahnhofsgestrüpp bleichte wie Knochen in einer Wüste. Es trieb mehr Dornen aus als früher.

Eine Schwadron Inlineskater befuhr Herrschaft erheischend die Ostparkstraße.

Enervierend: die Krachkaskaden eines Überfallalarms.

Der Aids-Hospiz-Verein hatte an einem Hang Tulpen gegen Hoffnungslosigkeit gepflanzt. Nichts konnte hoffnungsloser sein als die Tulpen in ihrem Brutkasten.

Die Zeit war im August einfach stehengeblieben.

Der alte Ostparkschulgarten war verbrannt. In Staub und Asche traf ich Schaffer Bernd. Er arbeitete am Flughafen. Auf der Strecke zwischen Hausbau und Fleischverarbeitung konnte er alles.

Bernd nannte sich Praktiker. In seinem Kosmos war ich ein Element der Irritation, jemand ohne eheliche und religiöse Bindungen und ohne Kinder. Ich sah mich deutlich im Gegenlicht eines familienorientierten Lebensentwurfs.

Bernd begriff nicht, dass einer kein eigenes Haus wollte. Er brachte seine Invektiven gegen Mieter und bloßen Besitz an, bevor er sich zu dem Riederwälder Fähnlein kommod Überlebender vor dem Parkwasserhäuschen verkrümelte.

Ein neuer Stamm tanzte in Formation auf der Zentralwiese. Die Tänzer bekannten sich zu einem Getränk ihrer Großväter. Sie huldigten dem Jägermeister im Sambaschritt. Sie beteten eine grüne Flasche an.

Ich rief mein Fahrrad, es war in einer Asyldebatte vor der Galerie Fruchtig stehengeblieben. Es setzte seine Flugeigenschaften ein, um sich zu beeilen. Einträchtig erreichten wir das Enkheimer Ried. Hier gab es noch Bäume, die im Saft standen, und Wald, der einen Mann und sein Fahrrad verbergen konnte.

Mein Fahrrad spitzte die Ohren. Jetzt hörte auch ich ein Hornissengeräusch. Ein motorisierter Schwarm nahte und mit ihm Gefahr. Wie ein Mann versanken das Fahrrad und ich im Erdreich.

Die Rocker fuhren im Schritt, sie bestrichen mit den Kegeln ihrer Maschinen das Laub am Rand der Kiesbahn, die sie überrollten. Sie riefen in den Wald:

„Du alter Habak, wir wissen, dass du da bist. Zeig dich, dass wir dir die Beine brechen und die Ohren abschneiden können.“

Das Fahrrad legte einen Finger auf meine Lippen.

Morgen mehr.

10:05 11.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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