Hessenmeister XXIII

Ugly Casting auf der Alten Brücke
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Man nannte sie "eine Nabelschnur" der Stadt - Die Alte Brücke verband den Sumpf von Sachsenhausen mit Frankfurt. Liebe Sachsenhäuser, das war witzisch.

Alte Brücke

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Bildnachweis: frankfurt-sachsenhausen.de

1890 war der 30. November ein Sonntag. Ungemütlich war das Wetter. Der Main führte „starkes Treibeis“ im Hochwasser. Bei der Alten Brücke räumten Anlieger ihre Keller. „Die einigermaßen bedenkliche Lage an der Alten Brücke“ schwemmte als Attraktion Spaziergänger zum Fluss.

So steht es im General-Anzeiger der Stadt Frankfurt a.M. Fest entschlossen nach Kirchgang, Frühschoppen und einem Stück vom Braten der seligen Ereignislosigkeit am frühen Nachmittag des einzigen arbeitsfreien Wochentages nicht mehr Unterhaltung zuzusetzen, als sie der Anzeiger bot, verschanzte sich Herr Wagner hinter dem Blatt. Bekannt war er den Frankfurtern des vergehenden 19. Jahrhunderts als Wirt der Sachsenhäuser Apfelweinschenke Zu den drei Steubern.

Jahre später polsterte Herr Wagner mit der Zeitung den Hohlraum unter einer Diele des Hauses, das er neben die Dreieichstraße gesetzt hatte.

Hundert Jahre später entdeckte der amtierende Wagner den Nachrichtengilb. Er erfuhr, was die Leute zu Lebzeiten seines Urgroßvaters beschäftigt hatte: dass bis zum Buß- und Bettag 1890, einem Samstag, „Tag und Nacht daran gearbeitet wurde, die massenhaft im Main liegenden Floße an Land zu ziehen“.

Das war so gefährlich, dass sich kaum ein Frankfurter Arbeiter bereitfand; die Floß-Reeder mussten in Aschaffenburg verwegene Flößer auftreiben.

Konkurrenzlos gut schmeckte der Schoppen in den „Steubern“. Die Seelen der Metzger und ihrer Gehilfen aus dem aufgegebenen Schlachthof am Deutschherrenufer tranken weiter. Sie kamen täglich ab elf und petzten ihre dreißig Schoppen. Bier kriegte nur einer: Kellner Klaus.

Der Metzger Seelen erzählten von Brandbomben, die der alte Wagner mit bloßen Händen vom eingeschlagenen Dachboden auf die Gasse geschmissen hatte.

„Angst kannte der nämlich keine.“

Das Haus vis-à-vis flog in die Luft. Kurz zuvor war in Nachbarschaftshilfe etwas Wäsche von der Leine gezupft worden. Damit standen die Ausgebombten nun da.

Dass es nicht wieder so kam, verdiente die Ermahnung eines Schoppens. Lauter gut informierte Kreise schlossen sich im Schankraum. Der Konsum von Apfelwein wurde als kulturelle Leistung begriffen. Das Wirtshaustribunal verurteilte folgenlos Durchstechereien in Politik und Verwaltung.

Der erste Steuber-Wagner war einer von 63.000 Abonnenten des General-Anzeigers gewesen. Der Abonnent hatte fünfzig Pfennige pro Monat entrichtet. Das Anzeigengeschäft florierte auf Seite 7. „Hochfein“ lautete ein Schmeichelwort der Werbung. Herrenschneider Bräutigam lieferte den Anzug nach Maß für 48 Reichsmark.

Auch Mist war was wert. Auf der Zeil verlaufen hatte sich „ein schwarzer Hund mit weißer Brust“. Gern zurück wünschte sich ein Mensch das Tier.

„Für ganz kurze Zeit“ versuchte jemand „per sofort 2000 Mark zu leihen“.

Eine „gebildete junge Dame von besserem Stande, angenehmem Äußeren und mit Vermögen“ befand sich in der „momentanen Verlegenheit“, ein Darlehen nötig zu haben. – „Wiedergabe nach Übereinkunft und unter vollständiger Diskretion“.

Weit erfreulicher lagen die Verhältnisse des Herrn Roll, der im Schauspielhaus „unter der herzlichsten Antheilnahme des Publikums“ in der Titelrolle ein Bühnenjubiläum begangen und dafür „Kranzgaben“ erhalten hatte.

In seiner „Politischen Übersicht“ meldete der Anzeiger, dass Sozialdemokrat Müller in der letzten Zusammenkunft der II. Kammer der hessischen Stände vom Kammer-Präsidenten vereidigt worden war. „Dem Reichstag (war) der Entwurf des Zuckerstreuergesetzes zugegangen.“

„Die größte Küche der Welt“ bot die Kantine des Pariser Journals Bon Marché mit 4000 Angestellten auf. Der kleinste Kessel hielt hundert Liter.

„Fünfzig Bratpfannen sind vorhanden.“

Eine Spalte vertiefte die Frage: „Wie viele Mädchen bleiben sitzen?“

Nach der Volkszählung in Preußen von 1885 waren „von den Personen weiblichen Geschlechts über fünfunddreißig neun Zehntel verheirathet, verwittwet oder geschieden“.

„Die amerikanische Amazone Bella Starr hatte „wenigstens ein halbes Dutzend Liebhaber zusammengeschossen und war eine gefürchtete Pferdediebin auf tausend Meilen in der Runde“.

1890 konnte ein Bockenheimer Bauplatz für fünftausend Mark erworben - und so der Grundstein für ein Vermögen gelegt werden. Ich ermittelte den Namen des Bauherrn – Stephan Peters ohne nobilitierende Zusätze.

Rechts liegen ließen wir das Bockenheimer Depot am Carlo-Schmid-Platz. Über der Gräfstraße zog eine Wolkenwand den Himmel zur Hälfte zu. Während einige geradezu fröstelnd an ihren Sachen zupften, blieb den meisten wieder nur Sonnenschein.

Ich will nicht behaupten, die Wolkenwand über der Gräfstraße wäre im ewigen Neunundneunziger Sommer einzigartig gewesen. Auch über der Lenaustraße im Nordend hatten Wolkengucker Wolken bereits gesehen. Die Wolken hatten sich verzogen, sie wollten lieber über Afrika abregnen.

Frankfurt drohte in Hitze zu verderben.

Da sprach Hauke: „Ich glaube, ich habe gefroren.“

Den Sensationsgehalt dieser Mitteilung könnt ihr euch selbst ausmalen.

Wir grasten Gemarkungssteine ab und erforschten die ursprüngliche, an den Krieg verlorene Topografie. Das Nordlicht Hauke hatte sich in Frankfurt verliebt, sie machte der Stadt schöne Augen.

Peters Gründerzeitbau stand wie eine Eins. Ein davor auf dem Bürgersteig liegender Bettler überließ es Passanten, ihn zu bedauern, während er Zeitung las. Das Münzaufkommen zu seinen Füßen war minimal. Die Leute stießen sich an seinem Behagen. Seine Kollegen gehorchten kauernd den Spielregeln des Metiers. Sie gehörten zu einer Interessengemeinschaft wie in Bockenheim alle Welt.

Wir kauften Gebäck in der Confiserie Eube, eine mit Calvados abgeschmeckte Creme im Marzipanmantel. Dem Geist von Farid Guendoul spendierten wir eine Süßigkeit. Elf Männer hatten den Asylbewerber im Vorjahr in Guben (Brandenburg) zu Tode gehetzt. Die Menschenjagd war unter dem Motto „Ausländer mischen wir auf“ über die Bühne gegangen. Der „Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland“ riet Ausländern von einer Einreise in die neuen Bundesländer ab. Polizei erteilte Ausländern Platzverweise mit der Begründung, für ihre Sicherheit nicht garantieren zu können.

Guendouls Geist dankte melancholisch und riet zu Standhaftigkeit im Kampf gegen die Rassisten.

Hauke entgegnete stolz: „Das musst du Texas nicht sagen. Der verteidigt den Rechtsstaat gegen eine See von Plagen im Alleingang.“

Morgen mehr.

10:25 12.09.2015
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