Hessenmeister XXIV

Ugly Casting in der hessischen CDU
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Hessischer Aal in der Saragossasee

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Bildnachweis: cosmiq.de

Nach einer Weltreise durch erste Häuser ließ sich Cartus zum Küchenchef der Staatskantine in Wiesbaden berufen. Cartus war ein belesener Erotomane mit mörderischen Neigungen. Er war korrupt, hinterhältig und einfallsreich. Er sah dramatisch gut aus.

Cartus lebte triebhaft aus dem vollen Bauch. Seine Lieblingsbeute waren enttäuschte Lehrerinnen, sie gingen ihm automatisch auf den Leim. Ich ahnte nicht, dass Cartus Serienmörder war, als ich ihn in eleganter Begleitung (man sah ihn nie allein) auf der Wasserkuppe (Rhön) traf.

Wir redeten über Thermik, es wusste keiner mehr, was Wind war. Eine Batterie Segelflugzeuge lag wie zerstört am Boden. Mir angeschlossen hatte sich für den Nachmittag Edith, das bedeutete volles Risiko.

Edith war die Frau vom irren Wanz. Wanz war ein Bewaffneter der Wolfsburger. Die Wolfsburger, das hatte die Recherche ergeben, unterstanden den Stimmenrauschern. Die Stimmenrauscher jagten Migranten und schrieben Gedichte voller rassistischer Gemeinheiten. Ich war nicht jedem Anschlag der Üblen unbeschädigt entkommen, lebte aber noch. Fest entschlossen war ich, die Rassisten vor Gericht zu ziehen.

Wanz wusste das. Es trieb ihn auf Gipfel des Wahnsinns, dass seine Frau von mir besessen war. Sie liebte und bespitzelte mich als läge dazwischen nichts. Die Lage war verworren bis grotesk im ewigen Sommer Neunundneunzig.

Ich sah das glasige Begehren jener Frau, die Cartus sich für diesen Tag vorgenommen hatte. Sie gierte ihrem Verderben entgegen. Das sage ich mit dem Abstand vieler Jahre. Damals vermutete keiner, dass Cartus Frauen filetierte. Man hielt ihn allgemein für einen Bonvivant, der zu sich selbst im Widerspruch nur insofern stand, als dass er für einen Bonvivant zu viel arbeitete. Roland Koch scheiterte beim Versuch, witzig zu sein. Der Ministerpräsident schmeichelte Cartus. Erst am Vortag hatten die beiden zusammen in einer TV-Gesprächsrunde gesessen und für Koch war es wichtig gewesen, dass der Spitzenkoch sich ihm gegenüber nicht herablassend gezeigt hatte. Ein Plakat zeigte Koch und Cartus unter der Überschrift Die besten Köche Hessens

Koch vereinte Erfolg und Untergang der hessischen CDU in seiner Person. Das war ein Parteidilemma, wir sprachen oft darüber. Koch war Brachialrhetoriker, schonungslos sein Lieblingswort. Mir fiel auf, dass Cartus‘ Lippen ebenso schwülstig waren wie die Lippen des Präsidenten.

Die CDU war angeschlagen, zumal wegen ihrer aufgeflogenen Schweizer Schwarzkonten. Gelogen wurde, dass die Schwarte krachte. Trotzdem hieß es wie im Irrenhaus:

„Wir halten Koch für glaubwürdig.“

„Für persönlich integer.“

Schön fand ich den Satz von Karlheinz Bührmann:

„Wenn wir auch Roland Koch nicht mehr glauben können, dann können wir uns aufgeben.“

Das auch war interessant so wie die Schlussfolgerung.

Die Begleitung bot Cartus einen fleischigen Oberarm so an wie man ein Hühnerbein im Preiselbeerbett preist. Zugleich schäkerte sie mit dem anderen Koch. Dessen Flügelmann Manni Kanther hatte gerade zugegeben, mit seiner CDU eineinhalb Dekaden lang Gesetze gebrochen zu haben. Beim nächsten Parteitag würden ihm die Delegierten dennoch „das volle Vertrauen“ aussprechen.

Das Leben war ein Witz. Nur dass viele nichts zu lachen hatten.

Edith zog die Nase hoch. Sie suchte meine Aufmerksamkeit. Sie wies auf Schönheiten der Landschaft hin. Ihr nachzugeben, versprach ich vor Ablauf einer Stunde, ich sah Sehnsucht glimmen in den Augen der Küchenchefbegleitung.

Fahrradhelme waren nicht länger Ausrüstungshöhepunkte allein der Vorsichtigen. Mancher Fußgänger trug einen Helm als modischen Gag.

Wir folgten nun einer Strecke, die den Schwüngen eines beinah verdampften Flusses wiederholte. Edith befragte mich durchtrieben. Ich hatte ihr eine Version zur Verbreitung geliefert, soweit es den Rockereinsatz* im Enkheimer Ried betraf. Edith suchte in Erfahrung zu bringen, was ich gesehen hatte.

  • Motorradfahrer jagten mich im Enkheimer Ried. Sie riefen in den Wald: "Du alter Habak, wir wissen, dass du da bist."

    Mit den Scheinwerferkegeln ihrer Maschinen bestrichen sie den grünen Saum der Kiesbahn, über die sie im Schritttempo rollten. Sie versprachen, mich mit gebrochenen Beinen am Leben zu lassen. Ich lag unter Laub im Schutz auch der Dunkelheit. Beinah wäre ich ihnen in die Arme gefahren.

    ...

    Die Aktion war von der rassistischen Online-Postille "Stimmenrausch" unter der Überschrift "na warte" angekündigt und unter der Überschrift "Das Ende eines Löwensommers" zu früh als geglückt gefeiert worden.

  • ...

  • Ich atmete den Geruch der Erde, zwei, drei Mal fluteten Scheinwerfer das Versteck. Jedesmal stockte mein Atem.

    „Trugen die Fahrer Helme?“ fragte Edith.

„Das sind doch keine Radfahrer gewesen. Das waren schwere Jungs. Solche tragen Helme nicht. Die vertreten das Faustrecht mit Stiefeln.“

„Konntest du Nummernschilder lesen?

Eine Kleingartenkolonie stand da als geschlossene Anstalt und riesiges Gewächshaus. Unter freiem Himmel gedieh vielerorts gar nichts mehr.

Ich beschloss, Edith vollumfänglich im Unklaren zu lassen. Sollten sich ihre Stimmmenrauscher doch die Köpfe darüber zerbrechen, was oder wen ich gesehen/erkannt hatte. Ich entdeckte den Leichnam einer Zuckermückenlarve und ein winziges Ungeheuer namens Wenigborster.

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Bildnachweis: Wikipedia

Solche Petitessen der Natur vegetierten im Lückensystem der Sohle. Der Lauf hatte Aale zur Saragossasee geführt. An den Uferhängen waren Kriechender Hahnenfuß im Beisein von Hartriegel zu beobachten gewesen. Jetzt war alles verbrannt.

Morgen mehr.

10:23 13.09.2015
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