Hessenmeister XXIX

Ugly Casting im "Zigeunerdezernat"
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Agitiert worden war Gantenwein für eine Aktion gegen Ulrich Enzensberger. Nach Enzensberger Aufzeichnung der Geschichte des Sinto Otto Rosenberg. Das Vorwort beginnt mit der Zeile:

„Dies ist die Geschichte eines Menschen.“

Das war schon weniger eng gesehen worden: zuzeiten als man den „Zigeunerbengel“ Otto nach Auschwitz verbrachte:

„Der geht dahin, wo sein Vater und seine Mutter sind.“

Rosenberg überlebte seine Familie mit dem Galgenhumor des hoffnungslos Unterlegenen.

Der Papa von Marianne - Otto Rosenberg

http://archiv.spd-berlin.de/w/gfx/orig/05geschichte/rosenberg_otto190.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Plötzlich war Herbst. Er kam über Nacht und mit ihm die Zeit wieder in Gang. In einem historischen Augenblick hörte in Frankfurt am Main jeder die Weltuhr schlagen. Das bedeutete viel, Regen und das Verschwinden der Orangenplantagen auf dem Berger Kamm, aber es änderte nichts daran, dass wir blessiert im Kampf gegen die Rassisten standen. Wir hatten einen Gefangenen gemacht. Sein Namen sei Gantenwein. Matt wirkte der Animus seiner Theologie. Ein zurückgedrängtes Befremden sprach sich aus.

Hauke ertrug den Mann nicht. Sie las gerade Jerzy Andrzejewskis „Asche und Diamant“, darüber wird noch zu reden sein. Zaimoglu, Murat, Horst, Hala und ich befragten Gantenwein. In seinen Geschichten passierte er in wechselnden Rollen Stationen innerhalb und fern des „Territoriums“. Italien war ein Revier „südlich des Territoriums“. Neue Bundesländer lagen auf „eingenommenem Terrain“.

Gantenwein war eine Art Konvertit, wie wir sie noch nicht kannten – ein Wessi, der in Mühlen des Prenzlauer Bergs und diversen Betten außer Kurs gesetzt worden war. Nun sagte er falsche Gebete auf. Sein erzählender Blick glitt über soziale Flächen: Fußballplätze, Festsäle, Freibäder. Lauter Steppen. Er überlieferte die Schrift auf einem Leibchen (Wenn aus Hass Mitleid wird), eine Stiefelmode. Er sprach über kosmetische Schichten auf der Haut einer Drogistin, die in Kneipen arbeitete.

Begabung, Panik, Gutherzigkeit: immer wieder unternahm Gantenwein Versuche der Anbiederung. Dann trat ihm Hala ins Gekröse, das konnte sie nicht haben. Sie atmete freier im Herbst.

Hauke rauchte müßig vor Kindern auf einem Spielplatz und schloss die Mütter so zu einer unruhig witternden Herde zusammen. Wir waren wieder bei Burroughs:

Die Wirklichkeit ist ein Abtastmuster, das sich bei verändertem Stoffwechsel anders zeigt. WSB

Glück war Pommes mit Majo.

„Was machen wir mit Gantenwein?“ fragte Hauke nach einem Nachmittag im Schwimmbad.

„Wie ist das mit Horst für dich?“ fragte ich zurück.

Hauke hatte mir Edith übel genommen und deshalb etwas mit unserem Nachbarn Horst angefangen. Mir fiel daraufhin (außerdem) Horsts Heike zu. Nun war der Sommer vorbei.

„Ich kann nicht sagen, dass es nichts bedeutet“, antwortete Hauke. Ihre Aufrichtigkeit setzte sich gegen jede Höflichkeit durch.

Ein Exil feiner Regungen war ihr Gesicht. Ich entdeckte Hauke jeden Tag neu. Ein Stimmenrauscher/Wolfsburger hatte sie verletzt, sie speichelte unkontrolliert und fürchtete sich vor dem Verzagen.

„Das Beste an Horst ist, dass er keinen Einfühlungsehrgeiz hat. Er besitzt die gute Ausstrahlung eines gesunden Arschlochs.“

Horst verlieh Kunst an Banken und Agenturen, das war sein business. Früher hatte er selbst gemalt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein anderer als ich imstande war, Hauke zu befriedigen.

Zaimoglu und ich führten das Verhör fort. Sein Glück sei, so sagte Gantenwein, nicht vor den Schranken üblicher Einsichten anhalten zu müssen. Bis zum bösen Ende jede Konsequenz erlaubt halten zu dürfen, war ihm angeblich von höherer Stelle als Privileg zugekommen. Die höhere Stelle war ein gespenstisches Kneipentribunal, das wussten wir wohl.

Heike brachte einen Teller voller Schnitzel. Sie flog barfuß wie ein Pirat und prahlte mit russischen Vorfahren. Heike suchte einen Grund, im Vernehmungszimmer zu bleiben. Gantenwein betrachtete sie als Verbündete. Agitiert worden war er bei einer Aktion gegen Ulrich Enzensberger. Nach Enzensberger Aufzeichnung der Geschichte des Sinto Otto Rosenberg schloss er sich dem Anti-Zigeuner- und Negerschweiß-Kommitee Prenzlauer Berg an.

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Das Vorwort beginnt mit der Zeile:

„Dies ist die Geschichte eines Menschen.“

Das war schon weniger eng gesehen worden: zuzeiten als man den „Zigeunerbengel“ Otto nach Auschwitz verbrachte:

„Der geht dahin, wo sein Vater und seine Mutter sind.“

Rosenberg überlebte seine Familie mit dem Galgenhumor des hoffnungslos Unterlegenen.

Empfindlichkeiten schenkte sich der Junge. Die Bühnenbilder wechselten, die Szenen glichen einander: Man war in der Hölle, in tödlicher Hackordnung; freigegeben der Ranküne um alles Gebrachter. „Und wenn es nicht schnell genug ging, dann gab es mit der Peitsche.“

Otto Rosenberg war Ostpreuße des Jahrgangs 1927. Die Berliner Großmutter machte sich für ihn gerade. Stationen der Rumpffamilie: Weißensee, Rennbahnstraße, Feldtmannstraße, Müllerstraße, Heinersdorf, Alt-Glienicke. Otto gewitzte sich auf Stellplätzen, Pferde spielten noch erste Geigen im Fuhrwesen, es gab offene Feuer, Zockereien am Abend, „eine Flasche Bier“.

Panoramen wie von Ossip Mandelstam. 1936 verlegte SA Planwagen-Kolonien nach Marzahn. Absondernder Unterricht und Polizeiaufsicht unterstrichen den Internierungscharakter.

Otto flüchtete in einen Wahrnehmungsrausch. Nichts zermürbte ihn. Er war schwer zu kränken. Hitlers junge Soldaten bewunderte er. Otto fehlten Begründungen für den absoluten Abstand zu ihnen.

Gebt mir eine Uniform, ich will im Gleichschritt mich gleichschalten.

Otto hatte im Zigeunerdezernat zu erscheinen. Ab Achtunddreißig wurde deportiert: oft nach Oranienburg ins „Konzertlager“.

Otto trat mit dreizehn in der Lackiererei eines Rüstungsbetriebs seine erste Stelle an. Die Segregation garantierte ein System der Zurücksetzung. Öffentliche Luftschutzkeller waren für Sinti und Roma geschlossen. Der halbwüchsige Hilfsarbeiter wurde von der Volksgemeinschaftsverpflegung ausgeschlossen. ... Otto kam „auf Transport“, erst nach Moabit in Handschellen, dann nach Auschwitz.

Morgen mehr.

07:44 18.09.2015
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