Hessenmeister XXV

Ugly Casting in Prenzlauer Berg
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dorit Rabinyan unterstützte uns im Kampf gegen die Max-Pfeifer-Rassisten, Wolfsburger, Stimmenrauscher, Papenfüßler, Lindenwürmler und Schleimbeutler.

http://www.canongate.tv/media/authors/doritrabinyan.jpg

Bildnachweis. canongate.tv

Dorit Rabinyan hatte mit dreiundzwanzig spektakulär debütiert. Sie bekannte, nicht „national denken“ zu können. Sie definierte ihre Standpunkte in Opposition zu Schriftstellern der Aufbau-Generation. Israel sei längst eine „post-ideologische Gesellschaft“.

Rabinyan nahm ihr orientalisches Erbe in die Pflicht. Persische Großmütter waren Patinnen ihrer Prosa. Die Handlung lief über die Spule einer Odyssee, die im Iran losging, die Türkei streifte und in Indien nicht endete.

Der Duktus ließ Verbrauchtes nicht hinter sich, ein Kind wurde „unter dem Herzen getragen“, in einem Traum der werdenden Mutter verwandelte sich die Frucht in Fisch. Eine Galerie streng-charismatischer Mütter und Großmütter eröffnete der Roman. Die Frauen pressten Söhne und Enkel in die Männlichkeit, um sie ein Leben lang zu beherrschen.

Das Ende der Diaspora dieses wandernden Stammes iranischer Juden brachte es für einen Sohn mit sich, dass er Zigaretten für die Mutter klaute. Er teilte mit der Mutter das Bett, er kam „mit den atmenden Hügeln ihrer Brüste in Berührung“.

Die Mutter verlor die Brauen; der Sohn zeichnete sie täglich in ihr Gesicht.

Wir hatten die Lesung in Prenzlauer Berg mit erheblichen Sicherheitsvorkehrungen organisiert, Sicherheitschefin Demski gab Anweisungen mit Molly-Bloom-Stimme.

Rabinyan war taff, sie hätte sich jederzeit selbst an die Tür gestellt. Etgar Keret war auch da, er las aus Gaza Blues. Seine Protagonisten waren säkulare Tel Aviver. Die Details brachte der Blick für die Alltagsgroteske. Keret wechselte von Gaza zu Pizza. Pizzeria Kamikaze erzählt von einer Parallelwelt, in der sich Selbstmörder wiederfinden. Erstaunt stellt der Ich-Erzähler fest: „Die Parallelwelt sieht aus wie Tel Aviv.“

Der Erzähler jobbt in einer Pizzeria, verkehrt im Pub Kadaver. Sein Leben wiederholt sich nach dem Ableben.

Der Erzähler entdeckt eine Hierarchie der Suizidvarianten, die Frage, wie man abtrat, zählt zu den Hades-Tabus. In der Unterwelt gibt ein Selbstmordattentäter im Araberviertel den Barkeeper.

Wir redeten über linken Antisemitismus und die Attitüden der Linksrassisten, die Menschen in Wäldern wie Hasen jagten. Für Rabinyan und Keret verschwand der Unterschied zwischen Alltag und Gefahr, inzwischen galt das auch für mich und Zaimoglu. Hauke lag mit dem alten russischen Sturmgewehr Natascha auf der Empore und behielt den Eingang im Fadenkreuz. Die Waffe war eine Dreingabe der Witwe Merkel. Wir nannten sie WM, sie war sozialistisches und anti-rassistisches Urgestein im Nordosten Berlins. Eine wichtige Verbündete. Hilfe bekamen wir ferner von den Mömbriser Marktburschen, die ihren unterfränkischen Apfelwein hinter uns her trugen. Das waren feine Kerle, ausgeschlafen und aufgeweckt. Edith kokettierte vor ihnen und forderte sie zum Armdrücken heraus.

Die Mömbriser lachten frank, kein Vergeblichkeitsbewusstsein bremste ihren sozialistischen Eifer. In ihren Augen produzierte Berlin lauter unerfindbare Geschichten. Sie bereicherten den Abend mit Vorträgen aus der Zeitung. Der Bewusstseinsstrom der Gegenwart mäanderte im Text. Die Mömbriser wussten:

Vormals revolutionäre Strategien nutzen jetzt Kampfhundbesitzer zur Wahrung ihrer Interessen.

Der „Profit der Revolte“ steckte in den Karrieren der Spontan-Aktivisten, die in einer Gesellschaft des Spektakels ihren Schnitt gemacht hatten. Man fand sie noch in Hinterhöfen von Tokio. Da spiegelten sie sich in Pfützen.

Für die Mömbriser war kritisches Bewusstsein kein Restposten. Hauke stieg mit geschulterter Natascha die Treppe herab. Für Ediths Koketterie kannte sie nur Verachtung. Mit festem Schritt trat Hauke nah dem Tresen. Der Tresenmann war ein Geläuterter der Liga. Er hatte sich schon zu einem Selbstmordattentat bereit erklärt, als ihn plötzlich der Lebenswunsch anfiel.

Morgen mehr.

09:50 14.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare