Hessenmeister XXVI

Ugly Casting im alten Schwesternheim
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Ich wollte schnell ein Haus fotografieren, dessen Abriss bevorstand. In den „Vier Jahreszeiten“ war 1867 der „Lassallsche Arbeiterverein“ gegründet worden. Ein Spitzelprotokoll belegte das. Solange die Sozialistengesetze galten, tagte der Verein im Untergrund. 1897 gründete er sich als „Sozialdemokratischer Arbeiterverein“ neu.

Ferdinand Lassalle

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Bildnachweis: Wikipedia

„Da.“

Hauke reichte mir das Doppelfernglas. In einer Auslage am Turm der Müllverbrennungsanlage lebte ein Wanderfalkenpaar mit seinen Kindern. Ich sah einen Jung- und einen Altvogel. Hauke behauptete, es sei der Vater mit einem Sohn. Die Mutter wähnte Hauke auf der Jagd. Die Falken wussten, was Vorratshaltung ist. Eine tote Taube hing im Gitter der hundertzehn Meter hohen Randerscheinung. Der Nistplatz klebte knapp unter der Schlotöffnung, Abwärme beflügelte die Segler. Der Platz sah so ungemütlich aus wie eine mit mehr Müll als Möbeln übernommene Wohnung.

Angeblich waren drei Junge geschlüpft. Ich zweifelte nicht an Haukes Angaben, mir fehlte einfach nur der ornithologische Enthusiasmus. Hauke war von Falken fasziniert, sie bewunderte den Lifestyle der Vögel. Sie verstaute das Fernglas in ihrer Fahrradtasche. Sie kramte in unseren Vorräten, überschrittene Verfallsdaten waren auch so eine Spezialität von Hauke.

„Was abgelaufen ist, ist noch lange nicht schlecht.“

Das hörte ich oft. Es gab eine Tendenz zum Bio-Aktivismus und zu Autarkiefantasien. Hauke reichte das Tauchermesser für alle Belange. Rotz zog sie am liebsten mit der Hand ab, um die Hand dann im Kniekehlenbereich an der Multifunktionshose trocken zu wischen.

Ich fand das sexy.

Wir radelten zum alten Schwesternhaus am Katholischen Kindergarten. Kletterpflanzen hatten die Fensterläden in rechtsgängiger Helix überwuchert. Die Tür war wohl eingetreten worden. Stiegen voller unansehnlicher Äpfel und Auberginen lagerten im Foyer auf Fliesen. Schwester Gisela hatte man zur Bewachung oder Verteilung zurückgelassen.

„Ist alles noch essbar“, rief Schwester Gisela wie von fern in ihrem persönlichen Nirwana. Sie sprach uns mit „liebe Menschen“ an. Hauke packte ein, nicht für sich und für mich schon gar nichts, vielmehr für bedürftige und vorgeblich immobile Nachbarn. Seit sie von einem Stimmenrauscher/Wolfsburger am Kopf verletzt worden war, litt sie unter dem Helfersyndrom. Außerdem sabberte Hauke nun im Schlaf, blutig war meine Rache gewesen.

Das Zeug erschien mir reichlich vergammelt, Hauke füllte eine Fahrradtasche nach der nächsten. Sie bat um Unterstützung.

„Kommt nicht in Frage“, argumentierte ich präzise. „Ich fahr Müll nicht spazieren.“

„Die armen Menschen freuen sich dann aber so“, nahm Hauke ihren letzten Anlauf.

Schwester Gisela ging es um direkte Wege für direkte Hilfe. Sie versuchte mich in die berstende Kleiderkammer zu locken. Der Frankfurter tat seine Altkleidung, abgetragen von drei Mal, nicht mehr in die Biomülltonne, sondern zu Schwester Gisela. Das war eine Modeerscheinung.

Wir mussten noch zu einer Lesung von Zaimoglu in einem Jugendkulturzentrum. Solidarität unter Kanaken. Außerdem wusste man nie. Ich war in ständigem Kontakt mit der Polizei, es gab eine Soko „Stimmenrausch“. Die Polizei traute den Krawalldichtern um Max Pfeifer - pfeifer@stimmenrausch.de - bis zum Mord alles zu.

Zaimoglu dankte mir, dass ich in die literarische Diaspora gekommen war. Das Rahmenprogramm rappten Vierzehnjährige. Das Publikum fühlte sich richtig angesprochen von der erschütternd schlichten Prosa. Zaimoglu, Hauke und ich rauchten vor dem Jukuz. Zaimoglu trug Westernstiefel. War das das letzte Aufbäumen vor den Birkenstocksandalen? Hauke verlor Speichel, ohne es zu merken. Das war neu.

Ich wollte sie nicht abtupfen.

„Der Murat hat kein‘ Bock heute hier vorn rumzumachen, weil sein Leben so Scheiße ist“, erzählten die Rapper. Die Boxen wummerten. Ich fragte mich, wo Eva Demski blieb, Ulrike Kolb, Frank Schirrmacher und Achim Vandreike. Alle hatten uns volle Unterstützung im Kampf gegen die Pfeifer-Rassisten zugesagt, ob man Hauke schon behindert nennen konnte? Sagte man überhaupt noch behindert? Zigeuner sagte man jedenfalls nicht mehr. Ich glaube, man sagte noch nicht einmal mehr Naturvolk.

Aber Nervensäge sagte man noch.

Zaimoglu erfüllte seine Pflicht gegenüber dem Veranstalter, die Zuhörer spielten mit ihren Springmessern. Der Sozialarbeiter wirkte überangepasst. Der Mühe Lohn gab es bar auf die Kralle. Ein Journalist stellte Fragen, wir zogen ihn dem Geschehen ab.

„Komm mit, Kollege.“

Die Gemeinde, als deren Sprecher Zaimoglu im Feuilleton gehandelt wurde, sah uns ratlos nach. Zaimoglu wollte etwas urig-hessisches. Hauke und ich ließen den ganzen Biomüll von Schwester Gisela bei unseren Fahrrädern. In Stefans Volkswagen reisten wir nach Griesheim, ich wollte schnell ein Haus fotografieren, dessen Abriss bevorstand. In den „Vier Jahreszeiten“ war 1867 der „Lassallsche Arbeiterverein“ gegründet worden. Ein Spitzelprotokoll belegte das. Solange die Sozialistengesetze galten, hatte der Verein im Untergrund getagt. 1897 gründete er sich als „Sozialdemokratischer Arbeiterverein“ neu.

Der Kollege hieß Stefan, vielleicht war er Spitzel. Wir ließen ihn vor dem Roten Ochsen halten. Da kochte der ehemalige Leibkoch eines Nachfahren des letzten jugoslawischen Königs auch nicht besser als gut.

Aber gut. Stefan bat, uns Gesellschaft leisten zu dürfen. Hauke kotzte hinter Stefans Rücken symbolisch.

Das Gespräch tropfte. Stefan hatte Probleme mit den Zähnen und folglich mit dem zu Tode gekochten Tafelspitz,

Stefan bestellte Tafelspitz an grüner Soße. Früher hatte es Grüne Soße nicht ganzjährig gegeben. Zaimoglu aß ein Haspel,

Tafelspitz mit grüner Soße

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Bildnachweis: falk-kulinarium.de

Haspel - Zaimoglus Hessisch war gut genug, um fehlerfrei ein Haspel bestellen zu können

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/05/Eisbein-2.jpg/220px-Eisbein-2.jpg

Bildnachweis. Wikipedia

ich nahm einGrillrippchen, Hauke wollte nur eine Kleinigkeit. Ich kannte sie so gar nicht.

ich registrierte das schadenfroh. Die Zahnsache absorbierte Stefan so, dass er nicht dazu kam, Zaimoglu auf den Zahn zu fühlen. (Stefan hatte zu erkennen gegeben, dass er nicht fraternisieren wollte.)

Das hatte er nun davon.

Zaimoglu war froh, keinen Vortrag halten zu müssen. Zudem fühlte er sich in Frankfurt und Umgebung sicherer als überall sonst in Deutschland. Er war nicht der Typ, der ständige Bedrohung sportlich nimmt. Auch Hauke baute gewaltig ab. Nur ich blieb im Beat.

Morgen mehr.

11:19 15.09.2015
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