Hessenmeister XXVII

Ugly Casting in der Leipziger Hochschule für Körperkultur
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Täve Schur auf Friedensfahrt 1960

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Leipzig 1983 – Mara und ich waren Gäste der Hochschule für Körperkultur (DHfK). Empfangen und eskortiert wurden wir von Doktor Fiedler und Doktor Kirchgäßner. Nach einem Arbeitsfrühstück verstärkten wir das Auditorium in einem Hörsaal. Fiedler sprach:

„Ein Hauptanliegen der sozialistischen Gesellschaft ist die Heranbildung eines lebensfrohen, gesunden, für den Sozialismus begeisterten jungen Generation, die bereit ist, die Errungenschaften der befreiten Arbeiterklasse umfassend und ständig zu nutzen, zu mehren und zu verteidigen. Diesem Ziel dient auch die breite Entwicklung von Körperkultur und Sport. Körperkultur und Sport sind in der Deutschen Demokratischen Republik zu einem wichtigen gesellschaftlichen Anliegen geworden. Dies hat in der Verfassung der DDR seinen rechtlichen Niederschlag gefunden.“

Dem war nichts hinzufügen, die Rede gehörte zu einem Pflichttermin für Athleten. Sie gähnten mit geputzten Ohren. Sie räkelten sich im gebremsten Bewegungsdrang. Sie waren eine Elite und wirkten gesegnet und mit sich im Reinen. Wir fühlten uns zuhause - Sport und Sozialismus, auch Johnsons „Drittes Buch über Achim“ hatten wir anders gelesen als Ines Geipel (dies im Vorgriff auf Nachwendediskussionen). Ehrengast beim Mittagessen war Täve Schur.

Wir hatten unser kritisches Bewusstsein an der Grenze gelassen. Was schief lief im neuen Deutschland, lief im Geburtskanal einer werdenden Nation schief (ungefähr Heiner Müller). Ich war mit DDR-Sportschuhen Hessischer Meister geworden, Mara und ich lasen DDR-Sportgeschichte und -theorie. Von daher wussten wir, dass Boxen in der Antike ein aristokratisches Vorrecht gewesen war. Fiedler zitierte Homer, vielleicht verbarg er bürgerliche Sehnsüchte. Wir hatten solche Sehnsüchte nicht, Mara war aristokratisch und ich Proll – eine Mischung aus Fellache und Nachtjacke. Nachtjacken nannte man die jungmännliche Bevölkerung in übel beleumundeten Kasseler Gegenden.

Fiedler spannte Krieg und Sport in einen Rahmen. So oder so ginge es darum „immer der Erste zu sein und den anderen voranzuleuchten“ (Homer).

Die Laienschar brachte Boxen mit der Unterschicht in Verbindung, wer etwas mehr wusste, wusste, dass Boxen in englischen Fechtschulen des 18. Jahrhunderts noch einmal aus der Taufe gehoben worden war. Nun sagte Fiedler in seinem sozialistischen Leipzig:

„Die ersten Boxer waren Aristokraten.“

Mara war Zeugwart der Göttinger Hochschulboxer und die einzige Studentin, die ihre Hände sachgerecht bandagieren konnte.

Mara an der Maisbirne, unsere Gastgeber staunten höflich. Mara bewertete einen (chauvinistischen?) Scherz als Sparringsofferte. Sie stand im Zenit ihrer Leistungsfähigkeit. Boxen betrieb sie als Sonntagssport. Da sie in alles Ehrgeiz setzte und unentwegt an sich feilte und wahnsinnig schnell begriff, verfügte sie in diesem Sport immerhin über das Portfolio eines passabel aufgestellten Fliegengewichts.

Seit den dreiundzwanzigsten Olympischen Spielen, fast siebenhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung, stand Boxen auf dem Programm. Fiedler interpretierte die antike Körpererziehung „als politisch-militärische Notwendigkeit (und) Pflicht gegenüber der Gemeinschaft“.

Natürlich hatte Mara gegen die Spitzenfliege, die man ihr zuliebe in den Ring schickte, nicht den Hauch einer Chance. Der Erfurter benahm sich, es gab für ihn nichts zu gewinnen, trotzdem lernte ich etwas. Mara war von ihrem Göttinger Lehrer defensiv eingestellt worden. Maras Gegner bewegte sich auf der Ideallinie dieser Einstellung. Er machte nicht ein einziges brauchbares Angebot. Mara artikulierte sich für die Galerie, zeigte ihr kleines Vermögen. Fruchtlos war der Vortrag, aber interessant.

Der junge Thüringer verlor ein paar anerkennende Worte, ich glaube nicht, dass es ihm ernst damit war. Dazu war ihm seine Sache zu ernst. Das Boxen verarmte, indem Rom groß wurde. Es gehörte zur militärischen Ausbildung, darüber hinaus zählte es nicht mehr zum Tugendkanon der Freien. Die Römer engagierten sich nur noch als Zuschauer. Sklaven übernahmen die Rollen der Aktiven. Am vorläufigen Ende einer langen Niedergangsgeschichte stand die englische Renaissance. Nach Fiedler schob der Manufakturen-Kapitalismus (Kolonialismus und die Marine) das Boxen an. Es soll sich als Ausgleich zum Fechten wieder entwickelt haben. Eine leidenschaftlich wettende Nation fand einen neuen Gegenstand, auf den sich setzen ließ. Fiedler erinnerte an frühe Champions. Er nannte James Figg und Ned Sutton. Der Adel unterhielt Boxställe zu seinem Vergnügen, Figgs Sponsor war Earl of Peterborough.

The First Champion - James Figg

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Wir machten eine Gymnastik mit, ich sah harte Gesichter. Sie evozierten Napola-Assoziationen. So hatte ich mir Sport & Sozialismus nicht vorgestellt. Ich war der Klassenfeind auf Durchreise, Mara verweigerte man sogar die Anerkennung, die in fundierter Ablehnung steckt.

Die Sowjetsoldaten brachten den Frieden und die Freiheit, sie gaben Hoffnung und Unterstützung, halfen den Hunger zu stillen, das Leben in Gang zu bringen.

Aus „Boxsport“, Sportverlag Berlin 1983, herausgegeben von einem Autorenkollektiv unter der Leitung von Horst Fiedler und Helmut Kirchgäßner.

Die ersten DDR-Meisterschaften wurden 1949 in Erfurt ausgetragen. Im ewigen Neunundneunzigersommer verkürzte ein depressiv verwittertes Schnapsgesicht den Abstand zu mir auf kurz vor Null. Es entpuppte sich in einer Berliner Kneipe als die Superfliege von Dreiundachtzig. Nowak war Sohn eines DDR-Boxpioniers aus der Riege um Kurt Rosentritt. Rosentritt hatte Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Kuba zur führenden (Amateur-)Boxnation aufstieg. Kuba war das erste Land gewesen, das die DDR völkerrechtlich anerkannt hatte.

Nowak schimpfte auf die DDR, die Bundesrepublik und auf „die Amerikaner“. Ich vernahm den hyperpessimistisch-cholerischen Grundton als vertrautes Geräusch. So redeten Leute, die nicht zum Zug gekommen waren. Ich führte mir das Leuchten vor Augen, das ich 1983 in Nowaks Augen gesehen hatte. Ich erinnerte mich an technische Perfektion. Ich stieg vom Hocker, rollte und pendelte vor Begeisterung.

Nowak sah mich entgeistert an. Boxen bedeutete ihm nichts mehr.

Morgen mehr.

11:19 16.09.2015
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