Hessenmeister XXVIII

Ugly Casting in der Sicht von Théodore Chassériau
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Der Mohr von Venedig - Die Nordend Kanakster Lauf- und Lerngruppe las Othello im träumenden Tanzsaal der Alten Burg. Murat gelang ein Geniestreich der Interpretation. Trotzdem kam er nie über Feuilletonismus hinaus.

Othello und Desdemona in der Sicht von Théodore Chassériau

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Bildnachweis: Wikipedia

Wie unter Beschuss lagerten wir im alten Tanzsaal der Burg. Die andauernde Bedrohung hatte uns verändert und zusammengeschweißt. Stets behielt eine die Tür und eine die Fenster im Auge. Die meisten vermieden es, allein aus- oder auch nur allein von der Uni und vom Sport nach Hause zu gehen. Es war ein trotziges Bangen bei beinah allen. Ein paar Gehärtete hatten jedoch ihren Mut behalten. Sie hatten jetzt sogar mehr Mut und Gleichgültigkeit als zuvor.

Wir nannten uns Nation, weil wir so wenige waren. Die Nordend Kanakster Lauf- und Lerngruppe um Hauke, Edith, Hala, Friede, Natascha, Zaimoglu und Murat war mir ans Herz gewachsen. Wir hatten gerade den Othello gelesen, Murat nannte die Tragödie ein Stück über Monster. Hala ergänzte: Der Titelheld (wird) im kentaurischen Zusammenwuchs von Sachwalter und Mörder zum Ungeheuer.

Die Gruppe begann zu begreifen. Es schien, als würden meine Leute unter Druck intelligenter. Heute frage ich mich, wie sie auf die Offenbarung eines Spitzels in unseren Reihen reagiert hätten. Setzte ich ihre Sicherheit aufs Spiel, indem ich mit Edith spielte? Ich war am Ende einer langen Jugend angelangt, es könnte fast Wehmut gewesen sein. Ein halber Satz von Gottfried Benn entdeckt den springenden Punkt:

Früher in meinem Dorf wurde jedes Ding nur mit Gott oder dem Tod verknüpft.

Ging dahin nicht die größte Sehnsucht? Erleben wir elementar und wahrhaftig nicht unwillkürlich als Paar? Auf diesem schweren Acker pflügte Murat gegen Friede an. Friede war Murats Freundin. „Echt deutsch“, wie es manchmal verwundert hieß. In unserem Kreis war kaum eine „echt deutsch“. Friede hatte Murat einen Ring durch die Nase gezogen, verblendet hielt er sie „für beeinflussbar und zugänglich“.

Um Etabliertes weiter abzunutzen: Murat vermutete sich in der Rolle des allwissenden, auf dem Erzählstrom der Welt in seiner Arche von Alpträumen geplagten Steuermannes. Sein Deutungsanspruch lieferte den stärksten Baustoff im Gruppengefüge.

Seine randlosen Versuche einer poetischen Kosmogonie scheiterten. Murat unterhielt uns mit den Gottesbeschwörungen eines Atheisten. Klar war das Vorübergehende der Atheismus.

Murat ergötzte sich an „kulinarischen Sprachgebilden“.

„Wenn man die Wortreihen zerschneidet, sickert die Zukunft durch.“ W.S. Burroughs

In „Strassen des Zufalls – Über W.S. Burroughs“ definiert Jürgen Ploog die Beatliteratur. Sie konstituiert sich auf der Basis willentlich herbeigeführter Unvereinbarkeit („keine kulinarischen Sprachgebilde“) mit dem großen Rest.

„Die verwaltete Kultur ist ein geschlossenes Museum.“

„Wenn Sprache Denken ist, darf die Arbeit des Schreibens nicht vor dem Wort haltmachen.“

Was kann Literatur, fragt Ploog. In einer aus jedem Loch sickernden „Datenkloake“. Die Produzenten bewegen sich nach Ploog „in einer negativen Topografie“.

„Glaubt jemand, dass er die Zeit, die er in Staus verbringt, irgendwo wiederfindet.“

Für Ploog ist Burroughs „ein moderner Faust“. „Burroughs hat für mich den Vorhang zum Raum hinter den Worten zerrissen. Er hat das Medium Sprache seziert & in seine Materialität eingegriffen.“

„Schreiben bedeutet Inventur des Innenraums.“

Wir kommen darauf zurück. Der Einschub zeichnet eine Grenze. Die Grenze von Murats literarischem Auffassungsvermögen. Man darf nicht vergessen, neben dem Studium arbeitete Murat als Fahrradbote, drei Mal pro Woche führte er die Laufgruppe an. Er bewältigte ein enormes Pensum, nie traf ich ihn unvorbereitet. Gegen unsere Verfolger wehrte er sich mit Wissensdurst. Atemlos fand ich ihn in seinem Begehren, dieses und jenes Buch auch noch schnell am besten bereits gelesen zu haben und die einschlägige Kritik außerdem.

Zack. Zack. Ploog war Deutscher aus der Zeit, als – nach einem Wort von Jürgen Theobaldy – „die Bomber noch im Suchlicht flogen“. Das von den Kriegen des 20. Jahrhunderts kaum gestreifte Amerika versprach ihm einen utopischen Raum.

Haltung war wichtig. Variiert wurde das Thema Kuhl (cool) in Koinzidenz mit dem Beat-Topos Unsichtbarkeit. Zum Repertoire gehörten Gesten, die nur verwirren sollten. Eine Fährte zu legen, die im Schotter von Nonsense endete, war ein Vergnügen.

Semantik war eine Fessel, „Sprache: der Feind“. Zusteigen durfte, wer befähigt war „zur Entsicherung seiner Sinne“.

Friede widersprach. Sie wollte rasch eine Familie gründen, das Monster der Murat’schen Vitalität diente dem Wunsch als Vehikel. War das Monster Othello nicht der Mohr von Venedig?

Und was war ein Mohr bekanntlich!

Friede setzte Murat herab, indem sie ihn mit Koseworten rief. Hala ging dazwischen, vielleicht gedopt von ethnischer Solidarität. Ich will unsere Schwachstellen nicht verschweigen. Hala war Kanaka am liebsten in Kanakster-Kreisen. Sie wollte aus Worten ein Werkzeug schmieden, mit dem gemeiner Wahrnehmungsgehorsam wie ein Stahlband zerschnitten werden konnte.

Zaimoglu ging weiter. Er forderte einen Sprachschneidbrenner.

Wie kam nun der zwölf Jahre alte Bowmore Single Malt Whisky auf den Tisch? Wie hatte Chet Baker den Weg zu uns gefunden? Er war erst seit einem Jahr tot, vielleicht sollte man sich nicht zu sehr wundern. Die Trennungen zwischen Erwägungen und Erfindungen wurden unscharf.

Die Grandseigneursgeilheit von wem noch mal? kam zur Sprache. Wir waren „in unsichtbaren Labyrinthen interniert“. (Wolf Wondratschek) Wir durchstreiften „elektronische Prärien“. (Jürgen Ploog)

Wir saßen auf alten Stühlen im elektronischen Labyrinth der Burg, Angst hatte unseren jungen Menschen herzförmige Gesichter gemacht. Hauke speichelte in aller Konsequenz seid ihr ein Stimmenrauscher/Wolfsburger den Schädel lädiert hatte. Ich hatte sie nur umso lieber.

Der Angriff hatte Hauke andächtig werden lassen. So schälte sie einen Apfel und fütterte sich mit Zurechtgeschnittenem. Das indignierte manche, die fand, Spenden reicht. – Die fand, dass sich eine Behinderung kaum vertrug mit den Zielen unserer Lauf- und Lerngruppe.

Morgen mehr.

Dann ist da noch eine seltene Begegnung zwischen Burroughs, Susan Sontag & Samuel Beckett in Paris & die offene Frage, ob Beckett sie hinauskomplimentiert hat oder nicht. Überhaupt nicht, sagt Burroughs, offensichtlich bestand nur eine unterschiedliche Auffassung darüber, wann es Zeit war zu gehen.

Aus „Strassen des Zufalls“

08:39 17.09.2015
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