Hessenmeister XXX

Ugly Casting unter der Leitung von Ryszard Kapuściński
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Ryszard Kapuściński eilte uns zur Hilfe. Er schloss sich uns förmlich an. Eine Weile meldete ich mich am Telefon mit seinem Namen. "Hier spricht Ryszard Kapuściński." Heike und Steffi halfen, Kapuściński in Deutschland bekannt zu machen. Sie arbeiteten eng mit dem Eichborn Verlag und der eingegliederten, von Enzensberger und Greno gegründeten "Anderen Bibliothek" zusammen. Kapuściński war oft in Frankfurt und erzählte von seinen Rückenschmerzen.

Ryszard Kapuściński

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Bildnachweis: Wikipedia

Täglich schritt er Wege seines Lebens und seiner Ahnen (das sagte er so) in Gedanken noch einmal ab. Klangvoll seit Jahrhunderten war der Familienname in Aserbaidschan. Ein Dichter, der um Elfhundert gelebt hatte, prägte den Namen einer langen kaukasischen Geschichte ein.

Dschigataj Schichsamanow wurde 1925 in Gandsche geboren. Das Jahr seiner Geburt war eine bittere Stunde für Aserbaidschan. Schwierig blieben die Verhältnisse. Schichsamanow wuchs beim Onkel auf. Der Vater, als Funktionär der kurzlebigen Aserbaidschanischen Republik nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen von Erschießung bedroht, war 1929 in den Iran geflohen.

Nationalitätenkonflikte und eskalierende Separationsbemühungen kleiner Völker im Wirkungskreis der aufgelassenen UDSSR speisten ihre Namen und Interessen in die Nachrichtenkanäle. Schichsamanow war aus einer Weltecke nach Frankfurt-Bornheim gekommen, wo sich „Pistolen und Granaten“ leichter besorgen ließen als „Hemden und Mützen“, wie Ryszard Kapuściński in einer Analyse des zerfallenen Imperiums herausfand.

Pistolen und Granaten – das interessierte uns natürlich. Drastische Vorgänge verkleidete Schichsamanow mit Floskeln der Behutsamkeit. Seine späte Auswanderung begründete er mit einer „politischen Zäsur“.

Hala trommelte den Radetzky-Marsch auf Schichsamanows Küchentisch. Sie wähnte sich in einem revolutionären Aufbruch, man war dazu übergegangen, die Gegnerköpfe wieder auf Besenstiele zu flocken. So etwas wirkt stilbildend auf junge Menschen. Das festigt sie vielleicht in der falschen Weise.

Schichsamanow hatte in der alten Heimat „keine Perspektive mehr“ gesehen. Er sprach von gesellschaftlichen Verwerfungen. Es sei in Aserbaidschan zu Pogromen gekommen.

Schichsamanow wohnte in einem Hochhaus zwei Stockwerke unter Parterre. Platzhirsche, befangen im ewigen Widerstreit zwischen Angriffslust und Neugier, weideten vor dem Speicher.

Schichsamanow kam aus dem Trubel des aserbaidschanischen Zeitungswesens. In Bornheim war er abgeschnitten vom Redaktions-Cha-Cha-Cha.

Er pendelte zwischen Resignation und Melancholie. Meines Wissens war er der älteste Debütant Frankfurts. Hala fand das späte Debüt beispielhaft und vorbildlich. Warum sollten nicht die Großmütter der Migration, die Wohnheim-Schwestern aus den Sechzigern, das ganz große Fass der Literatur aufmachen.

Kanak-A-Movement hatte ein Periodikum – Kulturrevolution 1 & 2 - Hala war Chefredakteurin, Schichsamanow sollte ihr die erste fette Story liefern. Schichsamanows Keller roch nach Müllschacht und Traurigkeit.

„Etwas zu Papier zu bringen, ist ein Geschenk Gottes“, glaubte Schichsamanow, einen Verleger zu finden sei hingegen „irdisch“ und darum „schwer“.

Es versteht sich, dass der Debütant in einer orientalischen Tradition stand. Er war Fabulierer mit einem Faible für opulente Tableaus. Er räumte „Vorbehalte gegen die Moderne“ ein. Sie verdächtigte Schichsamanow der Leere.

Ich spürte Halas biologische Ungeduld in der Greisensphäre. Ich spürte Schichsamanows Bereitschaft, sich zu ergeben. Es war schrecklich. In einem Augenblick hasste ich Hala, weil sie so deutlich zeigte, was mir blühte. Noch hatte ich die Kraft, um ihre Bewunderung zu haben.

Schichsamanow nannte Thomas Mann ein Vorbild, Hala erzwang den Aufbruch. Wir betrachteten uns im verspiegelten Fahrstuhl. Wir empfanden gleich in einem Zustand zwischen der Not: zu ersticken und dem Wunsch: zu kotzen.

Die Platzhirsche auf der Pflasterweide nahmen Hala aufs Korn. Das ging gegen mich. Sie trauten mir nicht zu, dass ich ihnen ein zweites Loch in den Arsch treten konnte.

Ich setzte Hala im Ostend ab und nahm die Stadtautobahn zum Flughafen auf dem Friedberger Platz. Im Volkshaus war Vollversammlung der Rübenzieher – einer Abspaltung der Nordend Lauf-Kanakster und der All Star Kanakster. Ich kam als Schlichter, das war ein neues Amt, wir hatten es demokratisch geschaffen. Als Schlichter hatte man die Kompetenzen eines Sheriffs. Man durfte verhaften und erschießen im Rahmen der Verhältnismäßigkeit. Man konnte Lokal- und Platzverbote aussprechen, Leute zum Friseur schicken, Strafzettel verteilen, Fahrräder konfiszieren und überall aufs Haus trinken.

Im Volkshaus blieb mancher Blick an mir haften. Die Flirtmechanik der geläuterten Hilfskräfte setzte sofort ein. Auf Sitzmöbeln suchten Freie eine Annäherung an die Annehmlichkeiten des Liegens.

Das Glück legte mir eine Hand auf die Schulter. Hauke legte Hand an, ich glaube, sie war stolz auf ihr Mandat als Hauptfrau des Schlichters zu einer Zeit als Literatur und Politik zueinander liefen und die Zeit selbst nach Jahren seit ein paar Wochen erst wieder in Gang gekommen war. Nun wurde weiter gealtert etc.

Die Idioten auf dem Podium stellten einmal wieder die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Literatur. Sie sahen so dämlich aus wie die Frage war.

Man erwartete vom Schlichter ein paar Worte. Ich sagte:

„Wir alle sehnen uns nach einer Gesellschaft, in der Gedichte richtig sind. Wir wollen Gedichte in der Regierungsverantwortung und Gedichte in der Opposition. Dafür haben wir gekämpft und der Kampf geht noch lange nicht seinem Ende entgegen. Die Tourismuslyrik der Italienfahrer findet weiter überall Verbreitung. … Wir wenden uns gegen den Gebrauch verschlissenen Vokabulars. Genossen, ich versichere euch, wir werden die Wörter-Freibänke schließen und sollte es das Letzte sein, das wir tun werden. … Der Kampf geht weiter.“

Das war selbstverständlich ein Witz zur Seite gesprochen und zur Verwirrung der Kombattanten. Ich habe immer schon erfolgreich verhunzte Wörter eingesetzt im Kampf gegen den Rassismus. Wortreinheit ist auch Faschismus.

Morgen mehr.

06:29 19.09.2015
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