Hessenmeister XXXI

Ugly Casting im Istanbuler Underground
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Frederick Bruce Thomas, Paris 1896

http://blogoup.electricstudiolt.netdna-cdn.com/wp-content/uploads/2015/02/Frederick_Bruce_Thomas.jpeg

Bildnachweis: blog.oup.com

Es gab einen weißen Russen, der schwarz war. Er hieß Frederick Bruce Thomas (1872 – 1928). Im Tross der geschlagenen Zarengarde hatte er Istanbul erreicht.

Mara, Zaimoglu und ich wohnten in Şişli, einem europäischen Landkreis von Istanbul. Die Türkei gehörte zu den Verliererinnen des großen vaterländischen Krieges (1914 – 1918). Die Jungtürken um Kemal A. fegten in den ethnischen Ecken mit eisernen Besen, sie wollten eine „reine“ Türkei, wir verkehrten in einem Schuppen, den eine „Puffmutter aus Lancashire“* wie ein Segelschiff im Wind hielt. Es gab „Zügellosigkeit auf Bestellung“** zum Vergnügen „levantinischer Abenteurer“ und alliierter Offiziere. Papa Hemingway kam zu uns an den Tisch, Josh Roth, Jimi Joyce, Vladi Nabokov und wie sie alle hießen. An den Stangen tanzten russische Fürstinnen, die aus ihren Schlössern via Saloniki bis nach Istanbul geflogen waren.

Es war eine kuhle Epoche, Atatürk wollte Zaimoglu ins Kabinett holen. Er meinte zugleich, für Demokratie sei keine Zeit. Bloß als Alibitürke mochte Zaimoglu nicht Demokrat sein. Ja, Zaimoglu war nicht frei von Allüren.

Eines Abends setzte sich FB Thomas zu uns. Ein Freier in der ersten Generation. Für die Eltern vom Bruce war der Mississippi noch Sklavenstrom gewesen. Thomas hatte sich vom amerikanischen Rassismus nach Paris, Moskau und Odessa verabschiedet, er war wegen einer sentimentalen Schwäche für die russische Aristokratie mit ins Exil geritten. Lenin hätte ihm gern die Staatsküchenleitung übertragen. In seinem „Maxim“ am Taksim-Platz tagten die kaiserlichen Eunuchen an ihrem Veteranenstammtisch. Es gab keinen Hof mehr und kein Harem, das bewacht werden konnte von den kupierten Herren. Das waren übrigens Karrieren, die mit dem Osmanischen Reich endeten. So ein Eunuch war gut betucht und wohl angesehen gewesen. Nun war er arbeitslos.

Während Armenier, Griechen und Juden das Weite suchten, foxtrottete die junge Türkei im Istanbuler Underground. Sie sagte weekend zu Wochenende, gardenparti zu Gartenparty, garson zum Ober und Mulenruj zum Moulin Rouge. Sie erlag den narkotisierenden Aromen der nostalji.***

Die byzantinischen Hipster hörten griechischen Blues - Rembetiko. Thomas erweiterte das Genre, die hellenisch-osmanische Spielart schmolz in der Hitze des Mississippi-Deltablues. Ich berichtete von der Fusion in der Frankfurter Rundschau (siehe Ausgabe vom 8. April 1921).

Rembetes

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f0/Rembetes_Karaiskaki_1933.jpg/390px-Rembetes_Karaiskaki_1933.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Wir sprangen durch die Zeit und kehrten nach Frankfurt am Main zurück. Man schrieb das Jahr 1999. Nach ewigem Sommer war plötzlich Herbst. Die Freude am Frösteln nahm Züge einer kollektiv-hysterischen Manie an. Man fröstelte allgemein. Sondersendungen widmeten sich dem Thema. Leute wurden von einer Stunde auf die nächste zehn Jahre älter. Manche glaubten, das könne ihnen nicht passieren und drei Wochen später waren sie sogar zwölf Jahre älter. Deswegen wurde geweint bis zum Bundesverfassungsgericht.

Die Nordend Kanakster Lauf- und Lerngruppe befasste sich mit einem neuen Phänomen. Es verbreitete sich die Angst, die eigene Wohnung zu betreten. Leute kehrten auf ihrer Schwelle um, wie vom Donner gerührt. Sie klumpten zu Haufen auf Plätzen und schliefen da so.

Noch war es warm genug für öffentliches Schlafen. Hauke sprach von Regression, gemeinschaftlich begangen.

Um dem Verdacht einer moralischen Intervention zu entgehen, entschied ich, „Hessenmeister“ in der Perspektive eines unkritisch Involvierten zu erzählen. Christian Kracht und Eckhart Nickel begrüßten die Entscheidung. Sie suchten weltweit und so auch in Frankfurt Lokale auf. Die Haltung der weltweit in Bornheim Verweilenden war unerfreulich, weil stets durchschimmerte, worauf vergeblich rekurriert wurde: auf den imperialen Gestus eines Reisenden zu Somerset Maughams Zeiten. Die eingebildeten Buben sahen sich in künstlicher Ferne zu anderen Touristen. Sie gerierten sich als urteilsfrohe Über-Urlauber. Ihrem Hochmut half keine Empfindlichkeit. Ich gebe ein Beispiel: „Ein kleines Männlein bot aus seinem umgeschnallten Bauchladen einige Waren feil.“

Was soll ein Männlein anderes sein als klein. Ein Bauchladen ist stets mit seinem Krämer verbunden.

Weiter im Text: „Verlegen strich er (das Männlein) mit der Hand (macht man das sonst mit dem Fuß?) Haar aus dem Gesicht und neigte seinen Kopf zur Seite.“

Nach der Ankunft am Main flogen „bunte Papageien am Himmel, Äffchen flitzten von Baum zu Baum, und eine kleine Prise ließ die Palmenblätter rascheln.“

Commander Mara, Colonel Hauke, Private Heike so wie die nicht Verwendungsfähigen, namentlich Horst, Hala … befanden die Nickel/Kracht-Kollaboration für Dreck. Im Neunundneunziger Herbst verhaspelten sich Palmen in Platanen und Affen sangen wieder den Eichhörnchen-Blues. Die Motoren der Geschichte waren (nach einem Zeitstopp) angesprungen. Sie schossen das Raumschiff Frankfurt aus der Vergangenheit in den Wechsel der Jahreszeiten. Nicht allen gefiel das. Viele setzten ihre Fahrradhelme überhaupt nicht mehr ab. Das hatte Auswirkungen.

*Zitiert nach „Mitternacht im Pera Palace – Die Geburt des modernen Istanbul“ von King, Charles

**Zitiert nach „Mitternacht im Pera Palace – Die Geburt des modernen Istanbul“ von King, Charles

*** Zitiert nach „Mitternacht im Pera Palace – Die Geburt des modernen Istanbul“ von King, Charles

Morgen mehr.

08:48 20.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare