Hessenmeister XXXIII

Ugly Casting mit Kutchuk Hanem
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Flaubert verliebte sich in Kutchuk Hanem

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Bildnachweis: salon.com

Der Orient ist eine westliche Erfindung. Reisende des 19. Jahrhunderts spekulierten an der Börse ihrer Fantasie. Was auf sie wie Opium wirkte, war in Wahrheit ein europäisches Fieber. Am 4. November 1849 schifften wir uns in Marseille ein, Flaubert, Mallarmé, Zaimoglú, Haúke, Heiké, Edith, Natascha, Horst so wie 70% der Nordend Kanakster Lauf- und Lerngruppe. Ägypten enttäuschte Gustave, er bemerkte eine Gleichzeitigkeit von Prachtentfaltung und Elend.

Im März 1850 befuhren wir den Nil mit einem Wassertaxi.

Die schwüle Orientsehnsucht einer Generation war Aufstand gegen die sachlichen Väter. Es war immer das Gleiche, durch die Epochen. Jeder Klassik folgte eine Romantik, jedem Sturm und Drang eine Langeweile Biedermeier.

Wanzen richteten Blutbäder unter den Reisenden an. Wir nahmen Drogen wie am Fließband, was für unseren Freund Goethe Rom und Athen gewesen waren, war für die Gustaves und Stéphanes Bombay (heute Mumbai) und Damaskus.

Zwischen Edith und Stéphane bahnte sich was an, sie lausten sich gegenseitig nicht ohne Zärtlichkeit. Stéphane war von Haus aus leidenschaftlicher Bordellgänger, ein Mann mit Eigenarten. Beim Geschlechtsakt behielt er die Zigarre an und den Hut auf.

Wir besuchten ein Institut für kultische Enthaarung, die Bildungsreisenden verschrieben sich einer Henna-Kur. Gustave verliebte sich in die Tischtänzerin Kutchuk Hanem. Kutchuk Hanem stand in der Gunst Mächtiger. Gustave brachte ihr Dekolleté in einen ästhetischen Zusammenhang mit dem Faltenwurf von Mönchskutten. Kurz gesagt, er erlag Kutchuk Hanem.

Kutchuk Hanem verkörperte für Gustave das sexuelle Versprechen des Orients. Später korrigierte er sich. In einem Interview, das er der Frankfurter Rundschau (Ausgabe vom 5. Sept. 1854) gab, sagte Gustave:

„Die orientalische Frau ist eine Maschine.“

Dies in Anspielung auf die pharaonische Beschneidung, der sie (die orientalische Frau) ausgesetzt war. Auch wenn der Pariser Standpunkt das Ungeziefer im Nahen Osten zu „goldenen Arabesken“ verklärte, blieben Gustave die arabischen Wanzen besser im Gedächtnis als Sandelholz und Rosenöl. Er kämpfte mit der Ungereimtheit seiner Empfindungen.

Wir reisten durch die Zeit. Hauke und ich weihten den Suezkanal ein und gerieten in einen taksim*, ich sprach zu gegebener Zeit mit der treibenden Kraft. Sie war griechische Jüdin in Istanbul. Noch gab es Griechen, Armenier und Juden im osmanischen Showbiz. Istanbul hatte Air und Flair wie Bel Air. Phil tauchte auf in seiner unnachahmlichen Art.

„I came to ask you about the rest-in-piss-Wanz-3“, sagte er.

Ich entgegnete: „Well; I did meet him. I remember the rather unusual name.“

„They all have names like that, those bastards“, schaltete sich Hauke ein. Sie war so unversöhnlich.

Phil startete in die Gegenwart von 2015, er sah aus wie der Space Cowboy. Er war Detektiv, ihr solltet ihn gekannt haben, den Phil M. aus Tote tragen keine Karos.

Das Bürgerkomitee Paulskirche 1848 bat mich in die Bütt. Das Komitee hatte sich zum Gedenken an eine geplatzte Revolution gegründet.

„Mit dir wär die nicht geplatzt“, behauptete Hauke. Ein Kugelblitz schoss durch die Nacht.

Wo sie recht hatte.

Ich war Wanz-Drei im Schlosspark von Niederschönhausen begegnet. Das Gesicht von Eitelkeit abgenutzt, tänzelte Wanz-Drei mir in Lackstiefeletten entgegen. Ein Faun. Abstoßend. Triefend stieg Wanz-3 ein: „Großartiger Texas, auch wenn wir nie einander vorgestellt wurden, erlaube ich mir zu dürfen, Euch anzusprechen. Mein Name ist Dings, genannt werde ich Wanz-3. Meine Brüder sind größer, stärker und klüger als ich.“

Usw.

Usw.

Ich, ganz Konzilianz: „Immer mit der Ruhe, du Wicht.“

Wanz-3 war ein Lyrikverbrecher erster Sahne, Erschrecker von Hase und Igel. In den Kneipen des Prenzlauer Bergs gab er an damit, zur Hotzenplotz-Bande zu gehören. Dabei hatte er bereits 1812 die Aufnahmeprüfung versemmelt, das wussten alle, bloß Edith glaubte immer noch, Wanz-3 sei ein wahrer Hotzenplotz.

Edith suchte fatale Konstellationen, vielleicht um ihre Schönheit der Stagnation zu entziehen. Schick und geschickt ging sie auf das Leben los. Das Leben lullte und lallte zurück. Sie heiratete in dritter Ehe (Edith war zweimal mit dem irren Wanz-1 verheiratet) schließlich Gustave Flaubert, der in Gestalt von Gustav Fliederbusch in Magdeburg wiedergeboren - und als Kind schon Berlin zugesprochen worden war. Gustav wuchs halbwild auf, schrieb wenig und bezog aus seinen Texten keine Identität. Nicht sein wollte er Bewohner einer geistigen Heimat. Er wähnte sich an einem Rand der Wörter, ohne jede Wahl. Selbsterzeugungsversuche aus Imagination und misslungener Biografie waren Gustav ein Gräuel. Obwohl es jeder besser wusste, behauptete er, in ländlichen Verhältnissen groß geworden zu sein. Lange war ein Schrank voll psychosomatischer Beschwerden sein einziger Begleiter. Die Beschwerden machten sich dünne oder aus dem Staub, Edith fand den Schrank leer und gut zu gebrauchen (auf der Belforter Straße).

„So was wirft man doch nicht weg!“ rief sie (fröhlich).

Den Mann am Schrank bemerkte Edith zunächst gar nicht, sie nahm ihn dann sportlich in Kauf.

*https://de.wikipedia.org/wiki/Taksim_(Musik)

Morgen mehr.

12:19 22.09.2015
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