Hessenmeister XXXIV

Ugly Casting mit Michel Serres
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Man trank Portwein in Brandy gerührt, gewürzt mit Zucker und Muskat. Wir saßen wie in einem Klassenzimmer am gestaffelten Halbrund der Tische. Zu uns sprach Michel Serres: Der Mensch ist des Menschen Laus. Und so ist auch der Mensch des Menschen Wirt. Der Fluss strömt in die eine Richtung, doch nie in die andere. Was gibt der Mensch der Kuh, ... die ihm Milch, Wärme ... und Fleisch gibt?

(Der Mensch gibt der Kuh) den Tod.

Yersinia pestis/ Pasteurella pestis

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e1/PHIL_1918_lores_Floureszenz_Yersinia.jpg/300px-PHIL_1918_lores_Floureszenz_Yersinia.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Wer weiß noch, dass die Rainbirds 1988 in Berlin-Weißensee vor James Brown auftraten und der nach DDR-Maßstäben unfassbar zickigen Soullegende die Show stahlen?

Der komplizierte Pop kam in Ostdeutschland immer gut an. In Dresden spielten die Rainbirds vor tausend Leuten, es gab der Tour folgende Suchthörer. Die Band rekrutierte ihre Fans in den Lagern der Introvertierten. Ich war mit dem aktuellen Tonträger bemustert worden – rainbirds3000.live. Hauke gefielen die Lieder, Schmusesex zu Blue Print, einem Rainbirds-Top-Ten-Hit, war für sie eine feine Sache.

Mir gab das Rätsel auf, nach dem ewigen Neunundneunzigersommer hatten wir wieder Jahreszeiten. Manchmal drehte sich die Zeit im Kreis oder sie band sich eine Schleife, dann war plötzlich Februar. Februar Neunzehnhundertneunundneunzig.

Das neue Jahrtausend zierte sich, bei einem Rainbirds-Auftritt im Nachtleben sah ich nur versonnene Frauen vor der Bühne. Die Band bespielte eine Blackbox, fast alles war mit Molton abgedeckt. Die Musikerinnen traten als women in black auf, das Publikum auch. Nur Hauke trug einen blauen Sweater und rostbraune Schlaghosen.

Frauen sind doch auch Leute. Die Leute standen also konzentriert wie im Seminar am Bühnenrand, Hände auf der Kante, um die Artistik der Elektronikerin Ulrike Haage zu studieren. Haage war Hüterin eines Effekten-Schatzes – Freundin der Arabeske und Ziselierungsmeisterin.

Ihr Rumms drohte die Anlage zu fetzen. Vom psychedelischen Gewitter über die Trashphrase bis zur demonstrativen Folk-Einfachheit destillierte sie einen Untergrund für Katharina Francks Stimme.

Die Frontfrau erschien illuminiert. Franck spielte mit sich selbst ein Doppel. Sie war Village-Angel mit existenzialistischen Vorlieben und Rockerin mit Krachgelüsten. Sie schwebte expressiv. Ich hab euch nie ein Foto von Hauke gezeigt, guckt euch Katharina an, wenn ihr wissen wollt, wie Hauke aussah.

Nach dem Konzert ging man zu Tisch. Ihre Bestellungen gaben Leute auf, die sich kannten. Andreas Neumeister hatte im Literaturhaus gelesen und war gleich nach seinem Auftritt gekommen, um Franck/Haage/Lorenz noch mitzukriegen.

Neumeister war Fan wie alle Münchner. Die Münchner hatten das Popding zu Suhrkamp getragen und jetzt kam Pop noch vor Ernst Bloch und keiner sagte mehr „Kulturindustrie“. Der new style war voll affirmativ.

Wir fanden alles gut. Hinkte einer nach und untergrub uns kritisch, erkannten wir in ihm den Loser.

Nur Loser hatten schlechte Laune.

Es schlich sich einer an, den hielt Hauke für einen „Leser“. Neugierig wandten wir uns ihm zu. Der „Leser“ verriet unumwunden:

„Ich gehöre zur schreibenden Garde.“

Mit einiger Verlegenheit, doch entschlossen, die Chance zu nutzen, reichte er Proben.

Den Vorwitz ahndete Verdüsterung. Manche zogen sich zusammen wie Schwänze im Frost. Man fürchtete Kontamination. Die Episode leuchtete in geheimnisvolle Konfigurationen. Während der Schriftsteller-DJ Neumeister und der Journalist Tuschick fabelhaft interessante Personen darstellten, von denen man sich hingebungsvoll das Ohr kitzeln ließ, glitt der Autor von eigenen Gnaden vom ehrenwerten Verbraucher („Leser“ aka Fan) unter Produzenten zum Paria ab.

So verliefen Karrieren.

Der „Leser“ sah sein Verbrechen ein und verlegte sich in eine Ecke. Er leistete sich Intransigenz. Ich hielt das für zwanghaft.

Er hätte einfach gehen, sich an den Main oder in einen Park setzen und so sich bewahren können.

Neumeister gab über die LP-Bestände seiner Freunde Auskunft. Hauke behielt mich in Reichweite, sie ging in solchen Runden kein Risiko ein. Ich genoss ihren Anspruch, das Krallenspiel. Den auskunftgebenden Hiatus.* Neumeister sagte „Mjunik“ zu München, er avancierte die Stadt zur Zukunftsmetapher, der auf Englisch nur beizukommen war.

*Haukes Schönheit verband sich nicht mit Unheil. Sie war klar, norddeutsch, landschaftlich. Mechanisch wie ein Dreh- und Angelpunkt. Sie war nicht tragisch, spanisch. Festlich erlebte ich mit Hauke Paroxysmen der Gleichmäßigkeit.

Die Musikerinnen hörten höflich zu, sie hatten ihre Arbeit getan und waren in Feierabendmood. Ich genoss auch die Nähe von Katharina Franck, ihre Stimme war wirklich ein „Klangwunder“, ich hatte mich an Würdigungen verausgabt. Wie oft aber hatte ich Klangwunder geschrieben, um es mir lobend leicht zu machen.

Wer gelobt wird, beschwert sich nicht und hält einen auf dem Laufenden.

Manchmal enthält ein Raum eine Atmosphäre und manchmal eine Menschenmenge. Djuna Barnes

Neumeister blieb bei seinem „Sound of Mjunik“, ich konnte mir nicht vorstellen, dass Unseld damit viel anfangen konnte. Ach so, Neumeister war wie die anderen Münchner Meinecke und Goetz bei Suhrkamp und der Verleger Siegfried Unseld unterschrieb jeden Autorenvertrag. Man konnte bei ihm nicht veröffentlichen, ohne von ihm wahrgenommen zu werden.

In den Siebzigern hatten „Frauen aus dem Klangmilieu“ in München Platten aufgenommen. Neumeister erinnerte an Donna Summer. „Die beste Schlafzimmermusik der Welt“ (Neumeister über Barry White) kam irgendwie auch aus München.

Assoziationsfäden woben Verbindungen zwischen Pink Floyd und der RAF. Ich schaltete stets ab, wenn einer „RAF“ sagte oder auf die korporative Wirkung von Eigen- und Firmennamen setzte.

Ich war genauso froh wie Neumeister mit Marc Bolan (T.Rex) aufgewachsen zu sein.

http://cdn.images.express.co.uk/img/dynamic/10/285x214/313383_1.jpg

Bildnachweis: express.co.uk

Robert Gernhardt nahm Gestalt an, und Johannes Gross, der nicht mehr lange zu leben hatte. Gernhardt sagte: „Gegen Irrtum versichert ist nur, wer sich in seinen Prognosen auf die Behauptung beschränkt: Pfusch, Nepp und Hybris werden auch im Jahr Dreitausend putzmunter sein.“

Wir saßen in einem gestaffelten Halbrund …

Jeder durfte geistreich sein – das ideale Klima für Pasteurella pestis.

Ich mochte Gross als Feind des faulen Zeitgeistes und als Edelfeder der Reaktion. Er war ein kleiner Mann, der sich nichts bieten ließ. Ein Beißer, ich habe ihn um Taxis kämpfen sehen. Die Kapitäne mit den richtigen Maßen lachten über Gross, wie konnte man nur, so was hatten sie nicht nötig. So war es. Sie hatten so was nicht nötig.

Ich lernte: Man kann nicht vorzüglich sein, wenn die Gelassenheit in ständiger Gefahr ist. Man wird dann zum Eiferer.

Morgen mehr.

11:17 23.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare