Hessenmeister XXXIX

Ugly Casting in der Regie von Kuno Buffalo
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Im Kampf um die Startbahn West stand Coogan auf der Seite der Polizei.

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Bildnachweis: main-echo.de

Wir ritten mit Wilhelm und Jacob Grimm und nahmen sie für Männer aus Kassel, „einer altberühmten Gegend deutscher Freiheit“ (sämtliche Zitate aus der Vorrede zu den Kinder- und Hausmärchen, Ausgabe letzter Hand, Reclam 1980). Natürlich kamen die Brüder von der Grafschaft Hanau her, doch durften sie sich auf Kassel berufen. Sie lobten das Gedächtnis vor der Schrift, das Eigene vor dem Fremden, den Halm vor der Sichel. Nun waren wir schneller zu Pferde als die Germanisten. Wir waren, kurz gesagt, Modernisten, dem new style verpflichtet, mehr Texaner sogar noch als Hessen oder Türken. Wir wussten, nach uns würde eine Tradition entstehen, vor uns aber war nichts.

Die Brüder redeten davon, dass Sitte immer weniger wurde zu Gunsten „leerer Prächtigkeit“.

Sun, sann sollte s so sein. Auch leere Truhen ließen sich volllaufen. Stand uns ein Garten im Wege, ritten wir ihn nieder. Das mag euch wie Mandelschnitten schmecken, aber unsere Pferde, vom Paderborner Gestüte, so stark wie ausdauernd, juckte das keinen Granatapfel. Merkwürdig nur fanden wir, wie dann die Brüder uns erzählten, dass es den Galliern verboten gewesen, ihre heiligen Gesänge aufzuschreiben, während sämtliche Angelegenheiten im Übrigen schriftlich zur Sprache gebracht wurden.

Unter allgemeinem Bravo und Hurra ritten wir in Zwehren ein und nahmen für die Nacht Quartier bei der Frau Voss, die von Berlin ins Dorf geheiratet hatte. Die gute alte Voss mit ihren gichtkruden Augen. Es wurde aufgetragen, vom Fasan bis zum Fisch reichlich, die Vettel (gute Hausmutter) sang das Lied der Hessen. „Ein Ernst, eine gesunde, tüchtige und tapfere Gesinnung, die von der Geschichte nicht wird unbeachtet bleiben“, zeichnete uns Hessen aus. „Selbst die große und schöne Gestalt der Männer in den Gegenden, wo der eigentliche Sitz der Chatten (Urhessen) war, habe sich auf diese Weise erhalten und lasse die Mängel der bequemen und zierlichen Thüringer und Sachsen“ … deutlich erscheinen. „Überhaupt müssen die Hessen zu den Völkern unseres Vaterlandes gezählt werden, die am besten sind.“

Die blöde Nuss (umsichtige Wirtin) sagte uns jetzt nichts Neues. Sie hatte drei ebenmäßig gewachsene, von Klugheit geschwängerte, jungfräuliche Töchter, sie hießen Hauke, Steffi und Heidi (Edith). Wir sollten sie uns tüchtig einverleiben, ich meine, Königreiche ergatten.

Im Fernsehen lief wieder nur Mist, ich sah nach den Pferden. Dem Knecht, ein vom Grind überwachsener, verbuckelter Gnom, traute ich bis zum Rossraub alles zu. Er wurde mir bald lieb, wir schmauchten unsere Maiskolbenpfeifer halb im Unterholz seines Obdachs. Der Grindige hieß Vince Lopez, es sprach der germanische Geist geradezu aus ihm.

Es gibt Begehren ohne Überdruss, so wie die von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen von jeder Generation neu begehrt werden. So wurde auch ich begehrt, eben da es mir an „Feinheit, Geist, Geilheit und besonderem Witz gebrach“. Klügere als ihr hatten in „Feinheit, Geist, Geilheit und besonderem Witz“ schon „mehr Schimmer als Nutzen“ erkannt, doch werdet ihr so schief gewickelt sterben wie keine Mutter je ein Kind zur Welt gebracht hat.

Weiter zum Club Voltaire und zum sozialistischen Texas

Wir sichteten und taten in den Archiven, alle anderen waren im Schwimmbad oder tranken Mischgetränke auf den Vorplätzen ihrer Viertel. Uns waren die Hände vom Fleiß gebunden, das Schauspiel einer Okkupation von Wohnraum hatte in Frankfurt 1970 Premiere gehabt. Bald waren im Westend fünfzig Wohnungen besetzt. Das ging nicht ab ohne „splitternde Fenster“. Wir verhafteten Tom Koenigs, er sagte unumwunden aus. Wir sprachen mit Polizisten, deren Dienstherren ihnen zuerst als „Radaubrüder“ begegnet waren.

„Das tut heute noch weh“, sagte Kuno B. „In meinen Augen sind das Kriminelle, tut mir leid.“

Kuno sah lauter Kriminelle an der Macht. Ein Milieu wie Filz. Das Milieu verbarg Terroristen und verschleierte die Umstände der Ermordung von Hans-Herbert Karry*.

*https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz-Herbert_Karry

Kuno Buffalo (Name von der Redaktion geändert) saß mit seinem Radiowecker in der Wohnküche. Er entschuldigte sich, dass er „immer noch“ rauchte.

„Erst der Häuserkampf und dann die Startbahn West. Das geht auf die Knochen, kann ich Ihnen sagen.“

„Und jetzt sind die alle Minister“, ergänzte im Dazukommen Traute Buffalo.

Kuno lebte mit der ledigen Schwester in Wohnküchengemeinschaft.

„Am liebsten würde ich mir die Decke über die Ohren ziehen und nie mehr aufstehen“, verriet Traute.

Vielleicht hielt sie jeden Akademiker für einen Therapeuten.

Jemand rief an.

„Kein Problem“, sagte Kuno, „in fünf Minuten ist die Traute bei dir.“

Traute war schon auf dem Sprung.

„Man muss sich doch kümmern“, erläuterte Kuno.

Coogan machte die Augen schmal, Kuno litt unter „Schwindel und Übelkeit“.

Kuno verstand die Welt nicht mehr, in der sich Verbrechen rentierte und „zwar nicht zu knapp“.

Wenn er „die Verbrecher im Fernseher“ sah, musste Kuno „wegschalten“/ wurde Kuno „speiübel“.

Doktor Coogan diagnostizierte eine „schwere depressive Arbeitsstörung“. Er überwies Kuno zu einem niedergelassenen Psychotherapeuten. Mir erklärte er:

„Man muss solche Menschen ganz aus ihrem Alltag entfernen.“

„Wird aus Enttäuschung nämlich Wut, sind Herzbeschwerden wahrscheinlich.“

Zu Coogans Behandlungsspecials gehörte „therapeutisches Boxen“.

Morgen mehr.

07:09 28.09.2015
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