Hessenmeister XXXV

Ugly Casting auf dem Frankfurter Flughafen
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Donnerstag gegen drei tat es Schläge in Cargo-City Nord (Rheinmain-Power-Power). Mit zweihundert Sachen brach Coogan in seinem schwarz-gelben Camaro durch die Sperrschranke der Zufahrt am Tor Fünfundzwanzig.

Cargo City

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Bildnachweis: fnp.de

Er spielte Autoscooter mit dem Fuhrpark. Coogan rammte eine Rampe, als gerade zwei Lastwagen beladen wurden. Irgendwas störte Coogan am frühen Fleiß, er hielt an und stieg aus. Unter infernalischem Gebrüll und wie angestochen blutend, ging er auf Arbeiter los. Die ließen alles stehen und liegen …

Flughafensicherheitskräfte überwältigten Coogan mit „größter Mühe“. Eine Glastür barst beim Einsatz. Der gefesselte Berserker spuckte und fluchte, als sonst nichts mehr ging, es setzte sich der befremdliche Eindruck durch, Coogan habe versucht, Disketten zu zerkauen/zu essen. Zeugen meldeten sich, die Coogan im Camaro auf dem Frankfurter Kreuz beobachtet hatten, wo er den Abzweig Basel verpasst - und auf der Flughafenausfahrt vergeblich zu wenden versucht hatte.

Man schaffte Coogan in eine unterirdische Besenkammer der Bundespolizei, eingerichtet für unerwünschte Ausländer, die aus politischen Gründen trotzdem einreisen durften. Allerdings vorbei am regulären Abfertigungstingeltangel.

Was es alles gab.

Doktor Patriot sedierte Coogan und informierte mich. Die Flughafenunterwelt erinnerte mich an einen Holiday Inn-Abend in Beirut 1982. Mara, ich und kanadische Kollegen hatten Hamburger Punk … die straße ist staubig/die häuser sind leer … gehört. Plötzlich Alarm - und Panik bei Leuten, die sich eben noch über miesen Zimmerservice beschwert hatten. Ich fragte mich nicht, was Coogan außer sich gebracht hatte. Ich wusste es. Ich sah Coogan als wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen die Rassisten.

Man ließ mich mit ihm allein. Ich nahm ihm die Fesseln ab. Er war ganz leicht zu kriegen. Ich bemalte einen Bogen mit konvexen Polygonen, Coogan reagierte verzaubert wie Zwergnase in Erwartung einer geometrischen Aufgabe. Das war die Stelle am Hals des Elefanten, die man nur berühren musste, um ihn zum Stehen zu bringen.

Ich fragte:

„Under what circumstances do we have to sum numbers from 1 onwards?“

Die Polizei überließ mir Coogan nach stundenlangem Hickhack und Gezeter, wir fuhren zu seiner Lieblingsbude. Leuchtend wie ein Tanzboot lag das Wasserhäuschen im Riederwald. Das Lichterkettenspektakel wurde zur Erbauung letzter Spaziergänger aufgeführt. Der Kiosk hatte eine geräumige Küche. Eine Familie machte darin Hausaufgaben. Die Gatten wechselten sich mit der Bewirtschaftung ab.

Wir bestellten Apfelwein und Rindswurst.

Riederwälder Rentnerinnen saßen unter Sonnenschirmen auf Gartenmöbeln wie in einem Café. Heizöfen verbreiteten sommerliche Hitze. Gestern war es noch viel zu warm für Februar gewesen und morgen biss vielleicht schon Frost die Sohlen.

Verspätete Väter erfüllten dem Nachwuchs kleine Wünsche. Die Bolzwiesen waren unbespielbar, der Hartplatz weich von Niederschlägen. Trainiert wurde trotzdem im Flutlicht. Die übelsten Schluckspechte gaben die besten Tipps. Keiner wollte auf die Penner mit festem Wohnsitz hören. Dabei hatten die Penner recht. Diese verkommenen Scheißer, allesamt keusche Pegeltrinker und Frühschläfer, waren früher Sieggaranten und zielgenaue Granaten gewesen. Gewiss der feuchten Verehrung schönster Riederwälderinnen und Bischoffsheimerinnen.

Coogan gab den alten Granaten einen aus, hinter dem Wasserhäuschen war Luftbad. Das kam noch von der bewussten Arbeiterschaft, wo war sie geblieben? Der Arbeiterstolz, die Graswurzler und Kleingärtner mit den nie gelesenen Bertelsmann-Gesamtausgaben auf dem Bord? Temps perdu.

Coogan war Texaner, er fühlte sich ohne Glock am Gürtel nicht richtig angezogen.

„An armed society is a polite society.“

Allenhalben heisere Heiterkeit.

Mancher trat den Heimweg so schief an, als müsste er vom Himmel etwas wegtragen.

Die Zurückgebliebenen lobten sich als ehrliche Häute. Ihre Bestellung gaben sie lieber bei Ramona als beim Günter ab. Aus Berlin gebürtig (schwerer Geburtsfehler nach allgemeiner Auffassung, aber nun nicht mehr zu ändern, schließlich wurde nichts so heiß gegessen, wie es gekocht worden war) war Günter seinerzeit im Riederwald bloß hängengeblieben.

„Icke“ nannten ihn die Leute. So hieß zum Teil auch sein Geschäft

Ramona und Icke

Icke führte das Wasserhäuschen seit anderthalb Jahren, davor hatte das der Dieter zehn Jahre lang getan, der Dieter und die Ramona. Damals hieß das Geschäft

Zum ehrlichen Dieter

Ramona hatte ohne Hochzeit eingeheiratet.

„Gerade stand der (Dieter) hier noch“, meldete Fritz, früher Platzwart bei der Eintracht. Ein Vertrauensposten. Der Eintracht-Platzwart hob Fritz immer noch aus der Menge.

„Zwietracht“ sollte seiner Meinung der Verein heißen, manchmal asteten die Eintracht-Profis selbst durch den Riederwald. Im Regen fiel ein Tor. Herrlich geflutet im Suchlicht der Flak. Die Jungen auf dem Platz würden sich ihr Leben lang an das verregnete Flutlichtspiel erinnern, sie stärkten sich, ohne es zu merken.

„Das ist mein Paradies“, verriet Fritz.

„Meins auch“, sagte Coogan. Er trug sein Hemd offen wie in Florida. Das Hemd war rosa voller Absicht.

„Trinken wir noch was?“ fragte Coogan die Belegschaft.

„Mir ham doch grad erst angefangen“, sang der Spechte Chor.

Morgen mehr.

10:32 24.09.2015
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