Hessenmeister XXXVIII

Ugly Casting im hohlen Pfeiler der Friedensbrücke
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Vierhundertfünfundfünfzig Personen sahen 1964 den sonst in Westdeutschland nirgendwo gezeigten Film „Der geteilte Himmel“. Eine Club-Voltaire-Veranstaltung im Volksbildungsheim. Die Hälfte versäumte die anschließende Diskussion mit Christa, Gerhard und Konrad Wolf nicht.

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Bildnachweis: filmportal.de

Ja, ich weiß, ihr wollt unbedingt mehr über den Club Voltaire und seine Rolle im Kampf gegen die Linksrassisten erfahren. Nun denn. Gegründet wurde der Club in einer Zeit der Restauration. Die Ankündigungen eines kollektiven Aufbruchs, als dem historischen Kennzeichen der Sechziger, verhielten sich zum Achtundsechzigerproteststurm wie das Wetterleuchten zum Donnerwetter.

Streit ging der Gründung voraus. Den Streit entzündete die Frage, ob der Frankfurter Unterbezirk der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken, eine Gliederung im sozialdemokratischen Lager, politische Erklärungen abgeben durfte. Der Falken-Bundesvorstand lehnte das ab.

Coogan, damals gemeinsam mit Willie Nelson und Kinky Friedman Vorsitzender der Sozialistischen Texasjugend, widersprach dem Bundesvorstand. Er focht für eine stärkere Politisierung der Falken. Allgemein empfand man „gewisse Entwicklungen in der SPD als verhängnisvoll“ (Willie Nelson).

Coogan begrüßte die Ostermarschbewegung, bei der Renovierung der heruntergekommenen Räume in der Kleinen Hochstraße war von Nutzen, dass Aktivisten vom Fach Hand anlegten. Noch hatten Oberschüler/Studenten die linke Jugend nicht von den Füßen auf den Kopf gestellt. Es gab sozialistische Arbeiter, in Frankfurt genauso wie in Texas. Coogan, Nelson und Friedman arbeiteten auf Ölfeldern. Sie organisierten die Solidarität mit mexikanischen Plantagenarbeitern. Davon berichteten sie im Club Voltaire. Sie propagierten eine „Jugendarbeit neuen Stils“ so wie „programmatische Zwanglosigkeit“. Kontakt nahmen sie zum „Berliner Ensemble“ auf und veranstalteten Klassenfahrten nach Ostberlin. Im Gegenzug reiste Helene Weigel zur Brecht-Diskussion nach Lubbock, Texas. Eine Lesung von Bruno Apitz stand 1963 „unter der zensierenden Schirmherrschaft der Frankfurter Politischen Polizei“. Ich entnahm das dem Club-Archiv. Sämtliche Fakten gehen auf eine Recherche im Auftrag der Frankfurter Rundschau 1997 zurück. Es war Sommer und ich kramte allein im Archiv. Alle anderen von der Redaktion Beauftragten hatten im Freibad zu tun und erwarteten die Erledigung ihrer Aufgaben von mir. Ich atmete Staub.

Die Pardon-Redaktion richtete im Club ihren Stammtisch ein. K.D. Wolff engagierte sich im Club für die Black Panther. Vierhundertfünfundfünfzig Personen sahen 1964 den sonst in Westdeutschland nirgendwo gezeigten Film „Der geteilte Himmel“. Eine Club-V-Veranstaltung im Volksbildungsheim. Die Hälfte versäumte die anschließende Diskussion mit Christa, Gerhard und Konrad Wolf nicht.

Georg Leber kam und informierte über „Politik aus erster Hand“.

Eintrittspreise wurden auf „Kostenniveau“ gehalten.

Robert Jungk meldete sich mit unsicherer Orthografie und väterlichem Wohlwollen aus einer Klinik.

Honorarerwartungen schraubte man herunter: „Wir sind nach wie vor recht arm.“

Vertreter west- und ostdeutscher Sportverbände fragten sich im Club: „Hat der gesamtdeutsche Sport noch eine Chance.“

Die Korrespondenz der frühen Sechziger war artig. Junge Leute wandten sich eifrig an Autoritäten. Der Bildungsauftrag schimmerte durch. Günter Eich wurde in einer Anfrage vor „jungen Menschen“ gewarnt, „die bisher noch keine Gelegenheit hatten, sich mit Fragen außerhalb ihres Lebens- und Arbeitsbereichs zu beschäftigen.“

Die Linke bekam Aufwind. Formulierungen wurden schärfer. Der Club avancierte zur APO-Zentrale. Konkret-Kolumnistin Ulrike Meinhof referierte die Frauenbewegung. John Heartfield kriegte eine Retrospektive. Gegner der noch nicht verabschiedeten Notstandsgesetze formierten sich im Club.

Ein „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“ tagte.

Algerische und palästinensische Studenten traten auf den Plan.

Ich sichtete Rechnungen und Quittungen. Die Abrechnungssorgfalt belegte, dass Christa und Gerhard Wolf bereits 1964 zwei Zimmer für eine Übernachtung beanspruchten (im Hotel Schwille).

P.S.

Ich küsse Sie mit einer Zärtlichkeit, die Sie niemals verstehen werden. Colette Peignot

Ein Abbé vergriff sich an der Schwester. Die „Vulgarität“ des Geistlichen stieß auf Gegenliebe. Seine „Manöver“ kamen an. Colette stand Schmiere vor der Tür des Geschehens.

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Bildnachweis: booknote.com

Das nördliche Mainufer verlor seinen Promenadencharakter vor dem Westhafen. Im Schatten der Friedensbrücke kreuzten Ratten die Spuren der Voortrekker.

Voortrekker zogen am Main entlang

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Bildnachweis: risingsouthernstar-africa.de

Colette Peignot erwartete mich in einem hohlen Brückenpfeiler. Da war nicht mehr Licht, als eine Taschenlampe spendete.

Colette erriet „einen gewissen unmittelbaren Sinn des Lebens“ bei Wäscherinnen mit brennenden Rücken und „frischen (in den Spiegeln der Seine betrachteten) Brüsten“, franco-lateinamerikanischen Zuhältern, die „im Herzen eine große, in Absinth ertränkte Liebe“ trugen und invertierten Zimmermädchen, die vor Scham vergingen und sich tadeln ließen von Typen wie Colettes

Morgen werde ich wieder Ihr fügsames, kleines Mädchen sein. Colette Peignot

„leichtfertigen“ („durchtriebenen“) Bruder oder jenem Abbé, der sich an der Schwester vergriff. Die „Vulgarität“ des Geistlichen stieß auf Gegenliebe. Seine „Manöver“ kamen an.

Morgen mehr.

09:38 27.09.2015
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