Hirnfreie Bespielung der Maschinensäle

Jugendliche Greise Wer nach dem Abitur nicht sofort nach Berlin gegangen war, verblieb als von der Welt Abgesprengter in Kassel. Folglich gab es das Phänomen der neunzehnjährigen Greise.
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Van Gogh im Barberini - Eben vor dem Pantinenpic in Potsdam sagte jemand: Sieht aus, wie mit Geruch gemalt.

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„Ich habe immer die Macht genossen, die ich über Männer hatte. Einfach nur die Straße entlangzugehen und meinen mandolinenförmigen Hintern vor ihren Blicken zu wiegen und zu schwenken.” Erica Jong

Manche Leute machen es nicht unter la folie à deux. Manche Leute tun so, als würden sie es nicht darunter machen. In meiner Jugend nannten Poeten der Straße solche Kandidaten Hirnfreier. Ich erinnere an den halbirren Benno Montana, der in einer aufgelassenen Zeltfabrik neben dem Hallenbad Ost seine Künstlerkarriere als menschlicher Wachhund begann. Es hatte sich ein Verein gegründet zur Bespielung der Maschinensäle, die nicht in jedem Fall ausgeräumt waren.

Die Hallen protzten mit Hall

Wir schlugen auf Metall.

Wer nach dem Abitur nicht sofort nach Berlin gegangen war, verblieb als Hängengebliebener und von der Welt Abgesprengter in Kassel. Folglich gab es das Phänomen der neunzehnjährigen Greise. Nun hatten sie ihren Spielplatz gefunden. Doch bevor zum ersten Mal so etwas Ähnliches wie Kunst & Kultur stattfand, zeigte sich die Notwendigkeit einer langen Beratungsphase, in der ununterbrochen gekifft wurde. Die Versager hatten alles: große Altbauwohnungen mit Flügeltüren, die so gut wie nichts kosteten, Ausmusterungsbescheide, zahlende Eltern, Berge von Gras, Autos und Sex, aber sie waren Gezeichnete; gebrandmarkt von ihrer buchstäblichen Zurückgebliebenheit.

Wir lasen Romane auf der Suche nach Sexstellen, die wir uns dann vorlasen.

„Angst vorm Fliegen“ erschien Mitte der Siebziger auf Deutsch. Erica Jongs Debüt erreichte mich aus dem auf allen möglichen Heimwegen zusammengetragenen (es gab noch an jeder innerstädtischen Ecke eine Buchhandlung, nicht selten mit einem hugenottischen Namen) vom Feuilleton kaum beeinflussten Bestand meiner Mutter. Der Roman löste ähnliche Empfindungen aus wie Geschichten über Reiche auf Sylt, Summerhill, Marianne Bachmeiers Rache, die New Yorker Mafia und Uschi Obermaiers breit diskutierte Liebe zu Dieter Bockhorn, dem ganz Anderen im Vergleich mit Rainer Langhans.

Wir waren die Überinformierten am Republikrand, schon halb in der DDR.

Unsere Schmonzetten-Illustrierte war der „Stern”. Sie erschien jeden Donnerstag neu, während die Rote Armee Fraktion jeden Abend und deshalb immer abgenudelter in den Nachrichten auftauchte. Wörter wie Kontaktsperre und Eduscho gehörten genauso wie die Schwarten meiner Mutter: zur Reihenhausgemütlichkeit.

Wir definierten die Provinz.

Das war ein anderes Deutschland. Mit der Berliner Republik und der gehetzten Häme vieler Verkehrsteilnehmer*innen hatte das Land lediglich viel gemeinsam. Erica Jong schrieb so wie Siedlungskinder redeten. Trotzdem diktierte gesellschaftlicher Ehrgeiz den Text. Da war eine blendende Attitüde.

Auch Montana, von manchen das kranke Hirn genannt, las Erica Jong in seinem Verschlag, der in Wahrheit ein Palast der Jugendrebellion war, aber eben genauso schwer zu beheizen wie die Burgen der alten Ritter, die unter uns Greisen ausgedient hatten, ohne dass auch nur eine vom Vater auf den Sohn gekommene Spielzeugritterburg im Mülleimer gelandet wäre. Solche Dinge hatten ihren Platz im Keller der Eltern.

Montana hatte in seiner Einfalt gute Einfälle. Er vermutete, dass sich die DDR in der Schießlust ihrer Chefs offenbare. Die Proleten an der Macht hätten von den Feudalherren vergangener Tage das Dümmste übernommen, so wie überhaupt nur das Dümmste weitergegeben würde. Der Nachsatz war wieder so eine montan‘eske Verstiegenheit und historisch unwahr bis nach Weimar. Die Verstiegenheit eines jungen Mannes, der wusste, dass es das Wort Hanken nur als Plural gibt, während die meisten gar nichts wissen von der Anatomie der Hinterhand des Pferdes.

Ja, Montana konnte reiten und fast zwei Minuten die Luft anhalten. Er war auch einer von Holgers Wölflingen, also kartenkundig sowie mit Waldwissen beschlagen. Wir teilten eine perverse Schwärmerei für Erica Jong.

Vom Debüt zum Resümee

Die flugängstliche Autorin gestattete ihren Lesern keinen Zweifel, dass sie mit dem erzählenden Ich namens Isadora Wing einigermaßen identisch ist.

Vierzig Jahre später heißt die beste Freundin der Angst-vorm-Sterben-Heldin Isadora. Das aktuelle Ich kennt keine Flugangst. Vielmehr fühlt sich Vanessa Wonderman nirgendwo wohler als „im Luftraum zwischen New York und Los Angeles“. Im Gegenzug bedürfen ihre sexuellen Höhenflüge auf der anderen Seite des Geschehens pneumatischer Unterstützung.

Erica Jong, „Angst vorm Sterben“, aus dem Amerikanischen von Tanja Handels, S. Fischer, 352 Seiten, 19.99 Euro

Viagra verstimmt den „abgöttisch geliebten“, gerade einmal zwanzig Jahre älteren, hoch vermögenden Gatten. Während Asher nur noch am Leben bleiben möchte, verlangt Vanessa von dem Greis Sex, um sich lebendig zu fühlen. (Als Mittel gegen die Angst vorm Sterben.) Sie betrügt den Hinfälligen mit einem Schauspieler aus der Abteilung, in der man erst James Bond spielt und dann weitere Hauptrollen übernimmt.

Der Debütantin wurde Militanz vorgeworfen, Kritiker brachten sie mit „Women‘s Liberation“ in Verbindung, während die Frauenbewegung Erica Jong zur Fünften Kolonne des Patriarchats stempelte.

Damals punkteten Frauen, indem sie sich als Männerversteherinnen präsentierten, ich erinnere an Esther Vilar. Männlichkeit galt als Sanierungsfall, in der prä-grünen Alternativbewegung war Männlichkeit ein Auslaufmodell.

Als krasse Erica machte Jong Furore und Karriere im trauten Gleichschritt mit Isadora. Die New Yorker Dichterin fliegt mit Ehemann B. Wing zu einem Psychoanalytiker-Kongress nach Wien. Dort verfällt sie vorüberreisend einem Adrian Goodlove, der nicht hält, was er verspricht.

Das ist schon der ganze Riemen, den „Angst vorm Sterben“ mit Lasten der zweiten Lebenshälfte beschwert. Eine trocken-süchtige Tochter ist kompliziert schwanger, die Eltern sind sterbensalt. Vanessa kümmert sich effektiv um ihre Lieben, sie erholt sich in katastrophal ablaufenden Verabredungen mit auf Spontanfickdotcom gedateten Sonderbotschaftern des Sex.

Für einen Langweiler wie mich liest sich das vor allem nach zu viel Aufwand. Männer, die mit einem Latexanzug anreisen. Männer, die sich hündisch in den Flur pinkelnd als Leibsklaven empfehlen ... mir ist Erica Jong einmal über den Weg gelaufen, damals nannte man mich die Allzweckwaffe der Frankfurter Rundschau oder auch The Fastest Gun In Town. Das hatte Nebenwirkungen. Es führte dazu, dass ich mir von Reich-Ranicki erzählen lassen musste, wie gut Charlotte Link sei. Er zappelte, der Speichel rann zur Kinnspitze, seine Frau saß entrückt daneben. Es war so offensichtlich, was Reich-Ranicki entzückte, es hatte geschneit, der Schnee war liegen geblieben, eine halbe Stunde später sah ich Sandra Maischberger und Shire Hite falsch fröhlich (demonstrativ) an einer Ampel frieren. Montana tauchte auf. Wie ich hatte er Berlin links liegengelassen und war nach Frankfurt gegangen. Er sagte etwas über Paula Kissinger, was Paula für eine tolle Frau immer schon und immer noch und haste nicht gesehen, noch mit siebenundneunzig Kettenraucherin auf der Fifth Avenue, der emigranten Den-kennste-doch-bloß-wie-heißt-der-noch-mal-Allee. Der Abend entwickelte sich so, dass ich zwischen einer Unbekannten und Montana klemmte. Ich war in den Achtzigern nicht im Kino gewesen und wusste deshalb nicht, dass ich neben Sharon Stone* stand. Sie behauptete eine große Affinität zur Literatur.

*Es gab sie vor Basic Instinct, sie hatte mit Woody Allen gedreht, in Frankfurt schneite es weiter.

Je mehr Not sittliche Antriebe abstumpft, umso sicherer wird der versunkene Mensch sich neue Götzen schaffen. Denn etwas muss er haben, wovor er knien kann. Jacob Burckhardt

Der ältere Montana

In seinen Endvierzigern legte sich Montana neu auf. Wir waren doch noch in Berlin gelandet, jeder auf seinem eigenen Ticket der allmählichen Verwahrlosung. Montana zog bei einem Schauspieler namens Frieder Light ein, der schon in richtigen Filmen mitgespielt hatte, wenn auch in der sogenannten Unschärfe. Er besaß seinen Vorsprung ohne jedes Prestige.

Light führte uns in eine Loge ein, die angeblich den Alten Westen repräsentierte und unter der Woche nachmittags im Kaufhaus des Westens residierte. Die Verschworenen spielten mit ihren Champagnerflöten unter einem Schild, auf dem Spätkauf stand.

Montana nahm ich nur noch als Fleisch gewordene Zitterpartie war. Er hatte alles. Migräne, Zahnschmerzen, Hämorrhoiden. Mit der lächerlichen Penetranz heillos Verspäteter erkannte er einen Zusammenhang zwischen Monotheismus und gesellschaftlicher Stabilität. Montana setzte der eigenen Leblosigkeit Denkmäler.

19:24 16.01.2020
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