Blutige Operette

Artaud/Colette Peignot Bei aller Inszenierungsopulenz und Freude an der blutigen Operette bleibt Artaud ein luzider Betrachter des historischen Panoptikums
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“Even the most powerful human being has a limited sphere of strength. Draw him outside of that sphere and into your own, and his strength will dissipate.” Morihei Ueshiba, gesehen auf Instagram

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When the spirit shows up it looks exactly like that, gesehen auf Instagram

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Selten wird eine Ohrfeige historisch

Vergessen habe ich, von wem Antonin Artaud (1896–1948) spektakulär geohrfeigt wurde, noch zu der Zeit, als er rund lief im Kreis der Surrealist:innen. Artaud überwarf sich mit André Breton. War es Breton, der jenen schlug, der dem Pariser Spiel seinen intrinsischen Ernst einimpfen wollte?

Die Bretons und Batailles nutzten die Produktivkräfte des Wahnsinns, ohne sich in dessen Labyrinthen zu verirren. Die Kontrollierten wirkten magnetisch auf Grenzgänger:innen. Batailles Lebensgefährtin Colette Peignot (1903 - 1938) behauptete: „Der ganze Mensch ist bloß eine Krankheit.“

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Im Referatspräsens

Peignot arbeitet sich in ihrenSchriften an der katholischen Kirche und ihrem Personal ab. Man fragt sich nicht, ob sie in einer säkularen Gesellschaft glücklich geworden wäre. Zu offensichtlich ist der Zug zum Krawall und zur pompösen Geste. Doch variiert dieser Karneval des Obszönen stets nur den Kopulationsveitstanz von Troppmann und Dirty in einer spanischen Kirche als einem Batailles Darstellungshöhepunkt. SieheDas Blau des Himmels.

Peignot ...

„Erzengel oder Hure/.../Alle Rollen/sind mir gegeben“

... geht weiter. Sie ruft sich bei ihrem Künstlernamen Laure. Sie beruft sich auf diesen Namen im Titel einer Geschichte, um keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, wer neben anderen „unbekümmert in einen Weihwasserkessel scheißt“.

„Dann wuschen sie sich den Hintern mit dem Abendmahlstuch, das mit Weihwasser angefeuchtet war.“

„Sie stieg am folgenden Tag auf den Altar, um allen Gläubigen ihren Arsch zu zeigen ... (Endlich) versorgt ein heiliges Zäpchen den Arsch.“

Das liest sich wie ein Kommentar zu ArtaudsHeliogabal oder Der Anarchist auf dem Thron. Wie die Faust aufs Auge passt der Fanal- und Abrechnungscharakter von Peignots Schriften zu Artauds Ansichten der heiligen Stadt als Schauplatz olympischer Orgien in einem Wettstreit von Wüstlingen aller Geschlechter.

Bei aller Inszenierungsopulenz und Freude an blutigen Operetten bleibt Artaud ein luzider Betrachter des historischen Panoptikums. Auf den Vater kommt es nicht an, sagt er beinah im ersten Satz, zumal es jeder gewesen sein könnte, der den kaiserlichen Titelhelden zeugte. Belangreich ist allein die Mutter als irdische Agentin einer orientalischen Sonnengöttin, die mit ihrem syrischen Lifestyle die Leute am Tiber verstört.

Heliogabal aka „Elagabal (204 - 222) war vom 16. Mai 218 bis zu seiner Ermordung römischer Kaiser. Ursprünglich hieß er Varius Avitus Bassianus. Als Kaiser nannte er sich Marcus Aurel(l)ius Antoninus, um wie sein angeblicher Vater Caracalla an die Antonine anzuknüpfen. Der Name Elagabal, den der von ihm verehrte Gott trug, wurde dem Kaiser erst lange nach seinem Tod beigelegt.“ Wikipedia

Zwischen Manie und Manier - Mehr zu Laure

„Ich habe keine Lust, über das Wesentliche zu reden.“ In einem Brief an Bataille

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„Es gab diese Waschfrauen, die ich glücklich glaubte, ihre Hände in die Seine zu tauchen.“

Eingebetteter Medieninhalt

Ein Kind, nachtwandelnd im „langen weißen Hemd“, kniet endlich vor den Devotionalien des Stubenschreins. Es „murmelt“ hin zur Jungfrau Maria jene formelhaften Schuldbekenntnisse, die ein erpresserischer Gott fordert. Nicht versteht es den Nutzen der Aufzählung, da Gott „alles sieht und alle Gedanken kennt.“

Das Kind fühlt sich aufgeschmissen und ausgeliefert. Es fürchtet nicht nur Gott, sondern auch Gespenster. Lauter Bedrückungen machen sein Schafzimmer zur Schreckenskammer.

Laure, „Schriften“, herausgegeben von Bernd Mattheus, Matthes & Seitz

Es empfängt Nachrichten aus der Hölle; es befleißigt sich einer surrealistischen Suada, die ihre Herkunft nicht verleugnen kann. Colette Peignot schreibt nach der Mode ihrer Zeit im Traumtagebuchstil; wobei die Träume gestaltet sind. Gestaltete Träume erzählen zutiefst von sozialer Ohnmacht.

Die Autorin ermächtigt sich in den Dimensionen eines Nähkästchens.

„Colette Peignot (1903 - 1938) war eine französische Schriftstellerin. Sie veröffentlichte überwiegend unter dem Pseudonym Laure ... die meisten (ihrer Werke) wurde(n) ... postum veröffentlicht.“ Wikipedia

Kartenhäuser aus Beton

Ein Hirsch verirrt sich am Horizont. Ein erzählendes Ich taucht auf.

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Paris erscheint als Menagerie des Absonderlichen. Zum Ausgleich gibt es die Provinz. Sie bietet bizarren Schäfer:innenstücken Schauplätze. Die Erzählerin lernt „alle Arten von Schilf zu unterscheiden“. Sie sammelt aus dem Nest gefallene Waldkäuze ein. Sie verliert sich in Anverwandlungsräuschen. Sie imaginiert sich als Spinne aus der Ordnung der Weberknechte, daheim zwischen einer Bruchsteinmauer und Efeu.

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Laure musste sich nicht an den Gedanken gewöhnen, alt zu sein.

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Die Erzählerin schämt sich auf einer Beerdigung wegen ihrer trockenen Augen. Sie exaltiert sich in einer kotseligen Anrufung: „Ich grüße dich! Maria, Scheiße, Gott“. Ein Abbé, mit der Macht eines „schäbigen Rasputins“, zieht ihre Schwester in Ecken. Ohne Lust und Ekel lässt jene alles Mögliche geschehen.

Die Erzählerin wendet sich erst von der Religion und dann von der Musik ab. Sie bemerkt viel abgestandenes Kunstgewerbe und aufgesetzten Somnambulismus auch bei sich selbst. Einen Hut schmückt sie mit einer Feder. Sie prüft den Effekt in der Gesellschaft eines Priesters. Die Begegnung beschäftigt sie weniger als die Einsicht in eine verfehlte Wirkung des Schmucks.

„Ich ging wieder in mein Zimmer, wo es meine erste Sorge war, die Feder abzutrennen.“

10:38 26.08.2021
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