Hoheitlicher Anstrich

#Leben Silvano Coniglietto aka Huitzilíhuitl Beaverbonneur hält Garibaldi für eine Marionette, die im Piratenkostüm an den Fäden des Königs von Sardinien-Piemont zappelt ...
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Mailändischer Makkaroninotstand

Zur historischen Umgebung der Geschichte

„Der heutige italienische Staat entstand während des Risorgimento im Jahr 1861 durch die Eingliederung der alten italienischen Staaten in das von den Savoyarden regierte Königreich von Sardinien-Piemont. Der letzte König Sardinien-Piemonts, Viktor Emanuel II., war unter diesem Namen, und unter Beibehaltung dieser Zählung, erster König von Italien. Die piemontesischen Institutionen wurden damals auf ganz Italien ausgedehnt und in italienisch umbenannt, weswegen fast alle Institutionen des heutigen italienischen Staates älter sind als dieser selbst.“ Wikipedia

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Von Herzen sind die Sizilianer:innen Separatist:innen und Sezessionist:innen. Die Reichseinigkeit im nationalen Überschwang, der Garibaldis freibeuterischen Durchmarsch begleitet, bis plötzlich die ganze Angelegenheit einen hoheitlichen Anstrich erhält, bedarf aller Parfums der Adelskameraderie und Karambolage-Kumpanei im Casinostil zum Trotz einer Gewöhnung.

Capitano Silvano Coniglietto* aka Capitaine Huitzilíhuitl Beaverbonneur hält Garibaldi für eine Marionette, die im Piratenkostüm an den Fäden des Königs von Sardinien-Piemont zappelt. Sardinien war lange spanisch gewesen, bis es im 18. Jahrhundert an den Herzog von Savoyen kam, der zwar den Königstitel übernahm, aber trotzdem weiter im Piemont residierte. Das um Turin kreisende Fürstentum bildet den Grundstock des neuen Staates unter der Führung von Viktor Emanuel II.

*Die Coniglietto sind eine im frühen 20. Jahrhundert erloschene Dynastie aus dem Rollo-Klan. Rollo war der erste Graf von Rouen, Vater von Wilhelm Langschwert und Urururgroßvater von Wilhelm dem Eroberer (1027–1087). Silvanos Ahnen eroberten als Gefolgsleute von Tankred von Hautevilles Söhnen Robert (Guiskard) und Roger 1061 Messina.

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Mit einer maskierten Herabsetzung erlöst sich der ebenso feudal wie unterbemittelt geborene Silvano von seiner Befangenheit. Er macht sich lustig über einen Makkaroninotstand in Mailand, den zu kennen, ihn als einen Mann mit Zukunft ausweist.

Silvano hat seine nichtsnutzige Familie vor öffentlichen Erniedrigungen bewahrt, indem er sich rechtzeitig auf die Sieger:innenseite schlug. Mit der Volte verbunden war der Verrat an seinem König, dem nun abgehakten König beider Sizilien. Die Abtrünnigkeit spielt keine Rolle. Silvano trumpft in der richtigen Uniform auf und verhilft als Offizier des künftigen Königs seinem dünkelschwer-unpraktischen, aber keinesfalls taktisch unklugen Vater Rollo* zu einem erstaunlich großen politischen Kredit.

Don Rollo hält sich aber selbst für den Retter seines Hauses. Reite ich mit Silvano, siehe ich die Welt so wie der Stürmer & Dränger. Döse ich gemeinsam mit Old Rollo, dann wirkt der Sohn auf mich wie der leicht unterbelichtete Erfüllungsgehilfe eines Spin-Doctors.

Wenn Kolonisierte sich nur in den Spiegeln der Kolonist:innen wahrnehmen können

Don Rollo singt das Lied von der sizilianischen Indolenz und Todessehnsucht. In seinem Arbeitszimmer ermüdet er sich und das Publikum mit einem Referat über die innere Zersetzung eines Landes, das für ihn nur ungefähr Italien bedeutet. (Hallo, wir stecken mitten im 19. Jahrhundert.) Don Rollo resümiert Folgen Jahrtausende währender Fremdherrschaft. Er ist ein Anführer von Kolonisierten, ein Chieftain, nicht mehr, so erschöpft und verbraucht wie die gemeinen Sizilianer:innen im Allgemeinen angeblich.

Der Vortrag, den Rollo in der Gegenwart seines Sohnes und ein paar Unerheblicher, vor allem jedoch vor einem Delegierten der Turiner Usurpator:innen hält, dient der Verschleierung räuberischer Raffinesse. Ohne sich einmal aus dem Sessel zu erheben, passt der Don seine kleine Welt dem großen Umbruch fugenlos an.

Rollo quatscht den Fadenschein von den verschimmelten Wänden, um sich nicht im neuen Staatsparlament als Senator vor einem fremden König verneigen zu müssen. Um tausend Ecken erzählt er von (s)einer alten Familie und der Notwendigkeit eines Klan-Relaunch.

Zumindest vorderhand macht ihm niemand seine lokale Vormachtstellung streitig. Rollos Urteil gibt in jedem Fall den Ausschlag, während die Wertschätzung des lebenden Denkmals schwindet. Ahnen von weit geringerer geistiger und körperlicher Größe übertrumpften den Don spielend, da sie in einfacheren Zeiten zur Herrschaft berufen waren.

Rollo ist eine bloßgestellte Figur auf dem italienischen Brett. Sein Chef war bis eben der König beider Sizilien Francesco II. Maria Leopoldo, kurz Franz, abschätzig Fränzchen. Garibaldi hat Franz abserviert. Das Reich, in dem der Rollo Kämmerer war, existiert nicht mehr. (Aber auch Garibaldi hat seinen Zenit schon überschritten.)

Rollo fehlt die Jugend, um sich neu freischalten zu lassen und irgendwo einzusteigen; sich einzukaufen mit dem Prestige seines Namens. Einige seiner Vorgänger:innen konnten in fliegenden Loyalitätswechseln dem Wappen Fortbestand im Hagel der Interferenzen sichern. Jene provinzabsolutistischen Besitzstandswahrer:innen fielen keiner Chronistin je als Verräter:innen oder auch nur als wankelmütige Charaktere auf. Sie hatten bloß das Richtige getan, wie unter ihnen das biegsame Gras in der Mehrzahl seiner Halme.

Die flamboyante Variante des Retters mit fliegenden Schößen übernimmt Familienhusar Silvano. Seine Mannschaft ist seit tausend Jahren im Spiel. Sie dient der Macht, wer immer sie hat. Rollo wäre nur zu gern an Silvanos Stelle. Er hasst seinen Platz auf dem Brett als abgehalfterter Günstling eines kaltgestellten Königs.

Der gedeckelte Aristokrat würde viel lieber seinen astronomischen Neigungen nachgeben, als den Angelus Novus (Turiner Emissär) zu schmieren, um ihn mit einer Ermüdungsrede gleichzeitig fertig zu machen. Angestachelt von der Aussicht auf Ruhe und Frieden in seiner Festung noch vor Ablauf der nächsten vierundzwanzig Stunden, schmettert Don Rollo seine Schwurbelarie zu Ehren der neuen Herrschaft. Er beschwört die Größe Italiens im Geist des Imperiums, dessen einzige legitime Erbin das Haus Savoyen sei. Er spickt die Eloge mit unnachweisbaren Gemeinheiten. Jedes Lob höhlt er für eine Invektive aus. Kontrolliert lässt er die Ladungen hochgehen. Die perfekt camouflierten Beleidigungen verursachen dem Botschafter Schnappatmung. Rollo stößt und stößt und stößt ihn vor den Kopf mit lauter Zustimmung. Er gibt auch der eigenen Erschöpfung nicht nach.

Bald mehr.

13:46 12.05.2021
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