Horizontlinientreibgut

Georges Simenon gelingt es, in dem 1940 zum ersten Mal erschienenen, für Zeitungen komponierten Roman „Maigret im Haus des Richters“ mit den Zutaten Kanäle, Moore, Kuhweiden ...
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Georges Simenon komponiert in dem 1940 zum ersten Mal erschienenen, für Zeitungen geschriebenen Roman „Maigret im Haus des Richters“ eine Stimmung mit den Zutaten Kanäle, Moore, Kuhweiden.

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Das Département Vendée heißt so nach einem Fluss und liegt im Westen Frankreichs. Dahin wird Maigret verbannt. In der Ländlichkeit gibt sich die Urbanität des Pariser Kommissars zu erkennen. Im Bäurischen verliert das Bürgerliche seine Bügelfalten. Maigret erscheint eingangs so einfältig wie ein Provinzpolizist, der den wegen eines Mordes vorstellig gewordenen Hauptstadtkollegen die Wege zeigt.

Georges Simenon, „Maigret im Haus des Richters“, Roman, Deutsch von Thomas Bodmer, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 220 Seiten, 12,-

Simenon komponiert in dem 1940 zum ersten Mal erschienenen, für Zeitungen geschriebenen Roman „Maigret im Haus des Richters“ eine Stimmung mit den Zutaten Kanäle, Moore, Kuhweiden.

Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie es dem Autor gelingt, über das Triviale hinauszukommen. Jedes Mal kriegt er die Kurve mit einer Bemerkung, die den Gebrauchstextcharakter aufbricht.

Simenon geizt nicht mit Beschreibungen wie aus dem Baumarktkatalog. Was der Miesmuschelzüchter braucht und wie das Wasser murmelt. Er versammelt Schraffuren und Silhouetten, Gegenlichtaufnahmen, Horizontlinientreibgut, vernebelte Gestalten, Liebespaare auf schmalen Stegen; alles so schwarzweiß wie im Kino.

Nach drei Seiten Stimmung heißt es:

„Maigret hatte kalte Füße.“

Der Strafversetzte studiert seine neue Umgebung wie eine Zeitung, er gewinnt einen Überblick in der Herstellung schlichter Zusammenhänge.

„Es gibt keine dummen Berufe.“

Die von Adine Hulot, genannt Didine, verbreitete Binse findet Maigrets Zustimmung.

Ich glaube, wie sind uns einig, dass es nicht darum geht, steinalte Romane nachzuerzählen. Jeder „Maigret“ hat seine Wikipedia. Alarmiert von Madame Hulot und unterstützt von deren Gatten, einem Ex-Zöllner mit exzellentem Beobachtungsvermögen, beobachtet Maigret eine filmreife Szene, erzählt im Jargon des Film noir.

„Die Szene hatte etwas Gespenstisches, denn der Richter ahnte nichts. Er glaubte, in der Tiefe der Nacht allein zu sein.“

Die Rede ist von dem Friedensrichter Forlacroix, der gerade eine Leiche fortschafft und gleich darauf gestellt wird.

Simenon lässt alle abtreten, bis auf den Kommissar und den Richter. Die Herrschaften begegnen sich in einer Duellsituation.

Man weiß, wie Simenon Maigret sah, nämlich abweichend von seiner Paradeverkörperung, die Jean Gabin vollbrachte. Gabins Gesicht liefert dem umlaufenden Maigret-Steckbrief das Konterfei. Tatsächlich erschien Maigret seinem Schöpfer eher noch robuster und weniger großartig. Der Metzger als Bürger. Simenon skizzierte eine ununterbrochen aufsteigende Linie, die von jeder Verfeinerung in Frage gestellt worden wäre. Ich halte mich deshalb damit auf, weil Simenon in der Begegnung der beiden von Haus aus staatstragenden Persönlichkeiten Forlacroix und Maigret den delinquenten Richter markiert, indem er ihn als verfeinert denunziert.

Das Haar des Richters „erinnert an eine Perücke“. Simenon schreibt Haar, nicht Frisur. Da geht das weiter. Eine Frisur kann man leicht ändern. Die Unterscheidung zwischen Frisur und Haar verläuft an der Linie ungebrochene und gebrochene Identität kurz vor Travestie.

Genau das macht Simenon. Er schildert den Schurken als körperlich erbärmliche Figur, der es dann auch zukommt, Maigret mit Armagnac zu versorgen … in einer Atmosphäre „wohlüberlegter Beleuchtung“. Im Raum befindet sich eine Renaissance-Anrichte. Wer bemerkt das? Maigret?

Der Kommissar hat einen Auftritt als Connoisseur. Seine Beobachtungen beleidigen den Gastgeber. Er wirkt so omnipotent, dass Forlacroix von Maigrets schierer Gegenwart arrestiert wird.

Dann dreht sich das Rad, und Maigret erliegt der reinwaschenden Erzählung des Verdächtigen. Vielleicht liegt ein Geheimnis von Simenons Erfolg in dem Fintenreichtum seiner Manier. Hundert Seiten später identifiziert Maigret eine „vom Lippenstift verschmierte Wange“ mit einem „hässlichen Tingeltangeltänzer“ sowie mit einer Frau, die vor Wut schäumt.

Was über heteronormative Geschlechterarrangements im Sakrament der römisch-katholischen Kirche hinausgeht, bleibt doch der Hölle vorbehalten. Eine unehrliche Wollust malt den Tänzer mit Lippenstift an.

Das wurde Jahrzehnte überlesen und wirkte sich trotzdem aus: als Informationen aus den Fegefeuern des falschen Lebens. Dem schickt Simenon einen hochintelligent wahrnehmenden, aber unterkomplex sortierenden Maigret wie einen Abfangjäger entgegen. Er hetzt seinen Metzger des Guten den Repräsentanten des falschen Lebens auf den Hals.

Warte, warte noch ein Weilchen/ dann kommt der Maigret/ und nimmt dir dein Hackebeilchen.

13:13 01.07.2019
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