Humor als Waffe

Christoph Hein plaudert auf der Studiobühne im Berliner Ensemble
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Alles ist vielleicht nicht klar, nichts vielleicht erklärlich, und somit, was ist, wird, war, schlimmstenfalls entbehrlich. Christian Morgenstern

Da sitzt er, der taubengraue Herr Hein. Er bewahrt sich eine jugendliche Note und suggeriert das Nachbild eines selbstsüchtigen Knaben, der es fertigbrachte, die Konterbande seiner Vorlieben und Ansichten im Steingut des gesellschaftlich soeben noch Tragbaren zu transportieren. Hein verrät seine Schliche zum Abitur und zu einer unerklärten Wehrdienstverweigerung in Schwejk'scher Manier.

Ich hatte einen pensionierten Soldatenonkel im kapitalistischen Ausland. Den beförderten mein Bruder und ich in den aktiven Generalsrang. Man riet uns förmlich vom Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee ab.

Offensichtlich ist Heins Vergnügen an der erinnerten Hinterslichtführung. Das Auditorium begeistert sich zerebral auf einem historischen Schauplatz der DDR-Intelligenz. Brecht war hier, bevor Müller kam. Auch der Held in Heins jüngstem Roman “Glückskind mit Vater” besitzt die Begabung, sich nicht im Säurebad fremder Forderungen aufzulösen. Konstantin passiert im Sommer der Befreiung den Geburtskanal.

Befreiung, so sagte man in der DDR.

Konstantins Erzeuger war ein im Taumel der Befreiung hingerichteter NS-Unternehmer. Konstantins Niedlichkeit schützt die stigmatisierte Mutter. Sonst schützt sie nichts. Das stellt Hein klar im Gespräch mit Ralph Schock, einem Redakteur des Saarländischen Rundfunks.

Sie kam aus einer großbürgerlichen Familie, wuchs mehrsprachig auf. Diesem SS-Übernazi als Ehefrau in die Hände gefallen zu sein, war furchtbar für sie.

Bis Einundsechzig könnte Konstantins Mutter jederzeit das Land wechseln und in der Bundesrepublik ein Erbe antreten. Sie bleibt und erträgt ein Berufsverbot.

Konstantins Vater bleibt gegenwärtig in der Stadt seiner größten Wirkung. Hein nennt den Toten ein Gespenst. Angeblich existiert kein Bild von ihm. Der Autor lässt Konstantin von einem Gesichtslosen träumen. Er behauptet, Konstantin Boggosch nach dem Bild eines fremden Freunds gezeichnet zu haben. Der wahre Konstantin habe über den Vater nicht sprechen können. Vorsätzlich kinderlos geblieben sei er wegen der väterlichen Verbrechen.

Trotzdem müsse man sich Konstantin als einen glücklichen Menschen vorstellen. So wie seinen Schöpfer:

Wenn ich jeden Tag meinen Stein rollen kann, geht es mir gut.

Grundsätzlich sättigt Hein seine Geschichten mit der eigenen Biografie, um aus dem Vollen zu schöpfen. Der Autor wählt eine Formulierung, mit der Thoreau “Walden” einleitet. Es steckt Bedauern darin, so auf das Selbstich angewiesen zu sein.

Hein umkreist den Mond der Preisgabe; am Ende könnte wieder nicht mehr wahr sein als eingeflochtene Träume. Schock nagelt ihn auf der Stelle.

Ist vielleicht nicht alles erfunden?

Hein löst sich ominös vom Nagelbrett, Schock findet seine Gemütlichkeit wieder. Konstantin lernt (wie Hein einst) französisch in Marseille, noch steht die Mauer nicht im Roman.

Ob es ihn am Schreibtisch notfalls weiterbrächte, Marseille zu googeln, fragt Schock.

Ich brauche den Geruch einer Landschaft im Ohr ... Hafenstädte haben alles Schreckliche & Schöne schon gesehen, bevor ein Schwabe davon auch nur gehört.

Das Kriegsverbrecherkind kuschelt mit der Résistance im Ruhestand. Es kehrt zurück, das neue Deutschland schließt sich gerade ab. Konstantin findet Aufnahme an der Babelsberger Filmhochschule und wird umgehend relegiert. Der Direktor gestattet sich eine unzulässige Offenheit in seiner Begründung.

Hein nutzte seine eigene Relegation als Vorlage. Dem stellvertretenen Minister für Kultur war er ein Dorn im Auge. Jetzt kommt die schönste Geschichte des Abends, Horst Brasch hieß der Funktionär.

Horst Brasch war Vater auch von Thomas B., der hier um die Ecke am Schiffbauerdamm seine letzten Jahre als Nachbar von Claus Peymann, den er Payman nannte, verbrachte. In den Sechzigern sahen sich Brasch und Hein jeden Tag. Der alte Horst hielt Hein für den Verderber seines dem Staat allmählich von allen Schippen rutschenden Sohnes. Übrigens sei Horst Brasch als Kofferkind in England “im falschen Exil” gewesen und als Westemigrant nie vor gewissen Verdächtigungen gefeit gewesen.

...

Hein gesteht eine Namensmanie. Nicht den richtigen Namen für eine Romanperson parat zu haben, führe zu Blockaden und einem bloßen Verstreichen der Zeit.

Der Autor muss seinem Personal gehorchen, er hegt Vermutungen wie gegenüber Leuten aus Fleisch und Blut. Das wollte ich noch schnell sagen, ohne deshalb einen Übergang bauen zu müssen.

10:54 08.04.2016
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