Hungeratem

Kurze Sachen Teichmann begreift das herausfordernde Dekolleté seiner Nachbarin als Aufforderung wenigsten einmal richtig hinzugucken.
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Die Leere ist eine Schlüsselkategorie der Lehre von der befreiten Hand/dem befreiten Geist/der Kommunion des befreiten Geistes mit dem befreiten Körper ... Karate/Okinawa-Te - Te heißt Hand. Das muss man immer wieder neu verstehen. Für die alten Meister waren Fußtechniken Spielereien, abgesehen von Fegern, Stoßtritten bis zum Knie und (auch gesprungenen) Kniestößen. Sie setzten auf Rumpfrotation, eingedenk der Flügeltechniken des White Crane Ursprungs. Hier ist es wieder wichtig, sich klar zu machen, dass in den Nachahmungen von Kranichbewegungen Bewegungsmuster eines Nicht-Beutegreifers (eines friedlichen Tiers) priorisiert wurden. Sieht man genau hin, erkennt man, dass jede Abwehr ihrem Wesen nach ein unspektakulär über die Gelenke umgeleiteter Angriff ist.

Eingebetteter Medieninhalt

Ein Krümel Erinnerung auf einem Trottoirtisch

Das Paar auf der Bühne hat sich seiner Mitspieler*innen entledigt. Vom Nahkampf erschöpft, gräbt sie sich bei ihm ein. Mit ihrem Hintern malt sie eine Kurve in die Luft. Er dreht sich in die stabile Seitenlage, sich so höflich wie möglich abgrenzend. Die Kulisse wird unter die Saaldecke gezogen. Dunkelheit wächst, bis nur noch das Paar in einer Lichtpfütze liegt.

Teichmann sitzt vor dem Theater, leichtsinnig befasst mit dem Geschehen an den Trottoirtischen. Das Theaterrestaurant liegt im Keller, die Kellnerinnen bewältigen ein hartes Pensum in steifgebügelten Uniformen, während alle anderen vor sich hinplätschern und dabei so leger erscheinen, als würden sie nie arbeiten.

Die gastronomische Angelegenheit hat eine Vergangenheit als Geheimtipp. Jetzt serviert man Speisen, die einer Popularisierung gerecht werden. Die Schmalzbrote, Frikadellen und der Kartoffelsalat, schön essigsauer und mit Schalotten (Schalottengemüse sagten manche) gehören zum Es-war-einmal.

Der Opa am Trotteltisch

Teichmann begreift das herausfordernde Dekolleté seiner Nachbarin als Aufforderung wenigsten einmal richtig hinzugucken. Die Frau segnet die Kurzaufgabe der Selbstbeherrschung, indem sie selbst kurz nachlässt und ihre Prahlerei einstellt.

Guck nur, Opa, sagt ihr Blick.

Das geht Teichmann zu weit. Er hat nichts nötig. Er weiß, dass man sich nicht bedürftiger zeigen darf als man ist. Ohnehin glauben viele, man sei leichte Beute, bloß weil man schwerfällig und geizig geworden ist, schlecht sieht und sauer riecht.

Teichmann zieht Lust daraus/ auszugehen/ ohne etwas auszugeben. Das fügt sich wunderbar. Es passt wie die Faust aufs Auge zu der Unlust gebügelter Kellnerinnen den alten Sack am Trotteltisch (eingeklemmt zwischen parkenden Autos) als Gast zur Kenntnis zu nehmen.

Eiskalt

greift einer zu seiner Büchse im Trapperbeutel, zückt sie wie das weiße Kaninchen und reißt sie auf.

Sein Gesicht

zerläuft in einer Schaufensterspiegelung.

Ungläubig betrachtet er

Faltenwürfe seiner Haut. Seit er sich nicht mehr gern sieht, sieht er auch sonst keinen mehr gern (abgesehen von …). Jedem annehmbaren Geruch traut er zu, sich zu verflüchtigen und einer Geruchskatastrophe Platz zu machen.

Er riecht zwanghaft/hündisch in seiner Umgebung herum. Einem Bekannten rät er zu Parfum und Deo, dem Teufelszeug seiner Jugend. Er denkt an den Hungeratem magersüchtiger Mädchen, die ihr Krankheitsbild nicht kannten.

Kernseife und Frotteeunterhosen liegen auf einem Handtuch der Erinnerung.

Teichmann

hat kein Repertoire mehr für die freundliche Person, die es selbstverständlich findet, ihm einen Kaffee anzubieten. Er fühlt sich geheiratet und muss sich zusammenreißen, um nicht im Überschwang alles zu verderben.

Es scheint, als sei Älteren Überschwang verboten.

In seiner Jugend war beige die Farbe des Alters. Heute sind die Alten bunt und haben die Grünen mitgegründet.

Besser noch mal vorsichtshalber

Das besser noch mal vorsichtshalber gehört jetzt auch zu seinem Leben. Nach dem Besuch einer Ausstellung triften Regina und Teichmann im Sanitärsouterrain beschwingt-routiniert auseinander. Jeder auf ein anderes Klo. Man trifft sich wieder und entwickelt gemeinsam eine bescheuerte Neugier für den Betrieb vor den Schließfächern.

Wieder und wieder kommt ihn eine Verwunderung darüber an, dass er sein Leben als Kulturheinz verbummelt. Obwohl er sich noch nie nicht gelangweilt hat in einem Theater oder im Kino oder in einer Ausstellung oder bei einer Lesung. Sein einziges genuines Interesse zielt auf Sport.

Wehmütig betrachtet Teichmann

junge Männer, die sich fit machen. Sie sind ihm so sympathisch. Sie allein betrachtet er mit ungetrübtem Wohlgefallen. Ob es ihm einmal verboten sein wird, sie unverhohlen anzusehen? Jedenfalls darf er keine Frau so angucken, so fachmännisch die Partien prüfend; so kenntnisreich ihre Stärken und Schwächen aufklärend.

Es gibt neue Liegestützvarianten.

Ankauf von privat

Teichmann registriert ein nie ganz verklungenes Erstaunen, dass auch intellektuelle Frauen sich mit ihrer Garderobe aufhalten. Sogar M. genoss Mode. Sie nähte Jacken und Röcke, solange sie sich gefiel. Die Singer-Nähmaschine hatte ein Sphinx-Motiv, einen Tretantrieb und war versenkbar.

Ich, du, er, sie, es ...

ich habe sie für fünfzig Mark gekauft. Ankauf von privat. Die Hausfrau erklärte umständlich, warum sie sich von dem guten Stück zu trennen bereit war. Sie hatte sich mit einer modernen Maschine ausgestattet und wollte mitfühlend eine junge Familie mit der alten Maschine versorgt wissen. Einkleiden und bekochen waren die zwei Seiten einer Medaille. Der Mann besaß die Ernährerkompetenz. Er zog Geld aus dem Gesellschaftskörper, er schwang sein Schwert. Um alles andere kümmerte sich (im Zweifelsfall) die Frau.

Die Hausfrau hielt so lange wie möglich Körperkontakt mit dem antiken Apparat.

Sah eben nach. Solche Sphinx-Singer-Nähmaschinen kosten jetzt um die achtzehnhundert Euro.

In der Nachbetrachtung fasziniert mich die Freude am alltäglichen Kleinklein. Ich hatte einen geräumigen Renault. M. redete mit der Hausfrau, bis einer Abfahrt nichts mehr im Wege stand. Dann nahm sie Platz, kurbelte das Seitenfenster herunter und drehte sich eine Zigarette. Ihre Mutter hatte dem Programm einen Namen gegeben:

„Der Koffer soll kommen.“

Zu der Zeit spielten wir oft Boule auf der Löwenburgwiese. Wir gefielen uns als Selbstpflückerinnen von Erdbeeren. Stets wurde für alle mitgepflückt und eingekocht.

Im Geheimen triumphierte die fabelhafte Schwartau-Marmelade, die meine Großmutter schon deshalb auftischte, um den Sparzwang meiner Eltern bloß zu stellen, über die selbstgemachte Erdbeermarmelade. Das hätte ich nie zu sagen gewagt. M. wusste trotzdem Bescheid. Wo immer ich zum Dissidenten wurde, zeigte sie sich wie aus dem All informiert. Meine kleinen Verrätereien, wie etwa, ihre Marmelade nicht allein für göttlich zu halten, wurden nur scheinbar übergangen, vielmehr stets sanktioniert.

Du sollst keine Göttinnen haben neben mir.

M. lernte nebenbei Russisch. Sie verbesserte ihr Türkisch und ihr Französisch. Machte den Motorradführerschein und kaufte sich eine Kawasaki in Einzelteilen, die in einer Garage liegenblieben. Steuererklärungen und Aktienverkehr bewältigte sie so wie andere Leute Kreuzworträtsel lösen. M. hat für mich ohne Vorbereitung einen Betriebswirtschaftsschein gemacht. Das war indes alles nur aus dem Gelenk geschütteltes Beiwerk.

Nie sah ich M. im Stress, kaum je aufgeregt.

Antifaschistische Edelfrau

Was für eine Geschichte. Audrey Hepburns Mutter war eine niederländische Edelfrau - Baroness Ella van Heemstra. Hepburn entstammt dem friesischen Adel, nachweisbar seit 1492. Die Mutter sagte sich von der Familie los, weil kollaboriert wurde.

Die Wolfgang-Welt-Welt

„Ich war nie eine von den Selbstsicheren.“, erklärt F. Sie fährt fort: „Das machte manchem Mut, der sich dann unerwartet unverfroren zeigte.“

F. sieht so aus, als läge ihr noch an einer Erklärung. Als Jugendliche hätten wir einen Bogen umeinander gemacht. Ich erwäge, F. mit einer Antwort zu verblüffen. Lasse es lieber. Ich nenne es das Wolfgang-Welt-Phänomen. Wolfgang Welt schildert unverhohlen seinen unbeholfen-rumpeligen Umgang mit Frauen. Die Manier ergab sich aus einem Mangel in der täglichen Praxis. Man weiß als männlicher Heranwachsender wenig über Mädchen und Frauen, wenn sie nicht in erheblicher Zahl das Bedürfnis haben, einen um sich zu scharen und einzuweihen – zu initiieren. Der Initiierte wird in die richtige Form gebracht. Selbstverständlich gilt das nur für seine Generation. Der nächsten Generation erscheint man als Scheusal.

Immer wieder misslingt die Stilllegung einer Person

In einem wiederkehrenden Traum erscheint mir eine Person äußerst vertraut und zugleich weiß ich, dass ich sie nicht kenne. Der Schauplatz einer paradoxen Nähe, die in Jahren nie plausibler wurde, sollte mir vertraut sein. Ich erkenne aber nichts wieder. Letzte Nacht gipfelte die Absurdität in dem Satz:

„Immer wieder misslingt die Stilllegung einer Person, weil der Fahrzeugschein fehlt.“

Limbus

„Limbus bezeichnet in der katholischen Theologie einen Ort, an dem sich Seelen befinden, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel und der ewigen Anschauung Gottes ausgeschlossen sind.“ Wikipedia

Das Eigengewicht der Dummheit

„Die drei Gedichte, die ich für mein Leben nötig hatte“, dröhnt A.

„Was also wäre eine Poesie, die sich dem Kapitalismus gewachsen zeigt?“ fragt Sergio Raimondi. Raimondi vergleicht die Ausdrucksfähigkeit eines Gedichts mit der Belastbarkeit eines Containerschiffs. Das macht Transportlogistik zum Thema und einen Hafen zum Vers.

In der gröbsten Skizze einer Entwicklung, in der die Welt auf den Kopf gestellt wurde, hat die Longue durée des Kapitalismus ihren Ursprung am Mittelmeer. Von da zieht sich eine Linie über den Atlantik zum Pazifik und darüber hinaus. Mit einer Illumination, die plötzliches Begreifen gestattet, beginnt Raimondis Nachdenken über das Verhältnis eines maßlosen Verlangens zu einem maßlosen Verlangen. Adornos Forderung nach einer Poesie auf der Höhe des Kapitalismus, den er „Hochindustrialismus“ nennt, entspricht einer Radikalität, die gegen eine negative Hypertrophie Stellung bezieht. Raimondi übertrifft Adorno, indem er feststellt, dass der Kapitalismus gegen die Dichtung keine Chance hat.

„Der Kapitalismus ist niemals auf der Höhe der Poesie.“

Und jetzt kommt dieser moribunde A. mit seinen drei Gedichten, die er noch nicht mal selbst geschrieben hat. Er wähnt mich tief genug auf der Bedeutungsleiter, um mein Einverständnis vorauszusetzen. Vor fünf Jahren war A. ein vollkommen heruntergerocktes Gebrauchstextschreibsel. Heute bläst er mächtig die Backen auf. Man erkennt seine Zeit daran, wer im Geschäft bleibt und wer vom Eigengewicht der Dummheit über die Ränder gerissen wird.

Equilibristik

Das Leben gelingt und misslingt equilibristisch.

N. passte mich auf dem Weg zum Klo ab. Er drückte mich gegen eine Wand, ich entwich dem Druck wie mit einem Achselzucken. Schon stand ich im Rücken des Feindes. Ich hätte ihn umreißen können, vermied aber jeden Aufwand. Wer einen gescheiterten Überfall mit der vollen Gegenanstrengung beantwortet, schadet sich am meisten.

Schon wieder A. Ich weiß, wo ihn das Schicksal am Kragen packen wird. Er ist noch mal zurückgekommen, gegen jede Wahrscheinlichkeit. Nun gibt ihm eine Verehrerin, die dreißig Jahr jünger ist, den Rest. Sie verehrt ihn zu Tode.

Diese Entspannung

beim Anblick von John Wayne auf einer großen Leinwand. Ich komme aus einer Welt, in der John Wayne den Helden hypostasierte. Jetzt ist er eine Klamauk-Type in der Wahrnehmung der Nachkommenden, so lächerlich wie Chuck Norris.

Frage an Chuck Norris:

„Wie viele Liegestütze kannst du?“

Antwort von Chuck Norris:

„Alle.“

Zwar ist die Maskulinität von John Wayne und Chuck Norris obsolet, trotzdem schmäht man den Feind immer noch, indem man ihn mit einem kleinen Penis ausstattet, und immer noch wollen alle so kämpfen können wie Bruce Lee und Chuck Norris im Kolosseum.

„Das Leben ist vorbei, ein angenehmes Gefühl. So könnte das Leben ewig dauern.“

„Mein Vater hätte wegen mir nie etwas Verbotenes getan“, verkündet A. ungefragt. Ich sehe ihn bei einer Geburtstagsfeier, die Animositäten wachsen sich aus.

Irgendwer fragt:

„Wie kann man sich nur in einen Schauspieler verlieben?“

A. wäre nicht Gast, hätten nicht ein Vater und dessen Sohn jahrelang falsch auf A. eingewirkt. Falsch aus der Perspektive von Vater & Sohn. Die beiden haben eine in die Tausende gehende Verwandtschaft europaweit gegen A. „mit allen Mitteln“ ins Feld geführt und leiden inzwischen gravierend an den Folgen ihrer Blödheit. A. hat sie ausgesessen, ohne je Aufwand zu treiben. Er hatte denselben Lehrer wie Teichmann, er weiß:

„Alles, was du mitbringst, kann gegen dich eingesetzt werden.“

Einfach keine Angebote machen. Die Internalisierung solcher Kampfbinsen führt dazu, dass man staubtrocken wird. Eine ständige Affekthemmung besorgt das. Zwei Typen bestimmen den Habitus: der spagatirre Onkel und der fluffig Versteinerte. Teichmann schwankt zwischen ihnen.

Michael Rutschky schreibt:

„Das Leben ist vorbei, ein angenehmes Gefühl. So könnte das Leben ewig dauern.“

Das ist der Samurai-Standpunkt.

Wird fortgesetzt.

18:44 23.06.2019
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