Ich gewinne, aber es fehlt der Biss

Aya Cissoko wechselt das Fach und mischt sich unter die „englischen Boxer“.
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Aya Cissoko

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Es fällt ihr schwer, sich unterzuordnen. Man muss sie mit Leistung überwältigen und einen sagenhaften Vorsprung haben, um sie führen zu dürfen zu ihrem Vorteil. Als man Kyokushin Kaikan Gründer Ōyama Masutatsu nach dem Geheimnis des Karate fragte, entgegnete er schlicht: „Schweiß.“

Es ist noch nichts Besseres als Zucht und Drill erfunden worden, glaubt auch Aya Cissoko auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in der Obhut von Yves Gardette – einer stockkonservativen Kampfkunstpersönlichkeit, die Liebe und Leidenschaft zu wecken und zu erwidern vermag, sofern eine Begabung die Gefühle adelt. Er hat das ungestüme Straßentalent geformt, mit dem Cissoko als Halbwüchsige in seine heiligen, im Winter eiskalten Hallen kam. Nun ist sie Weltmeisterin.

Gardette, der Cissoko noch einmal erschaffen hat, zählt sich zur Garde von gestern. Er verabschiedet sich von seiner Meisterschülerin, die sich zwar gern schindet, aber nur von einem Kongenialen in Form gebracht werden will.

Das erzählt Cissoko in ihrem ersten Roman.

Aya Cissoko, „Ma“, Deutsch von Beate Thill, Roman, Wunderhorn, 188 Seiten, 24.80,-

Nach Gardettes Demission erkennt die Athletin einen Leidenschaftsverlust. Sie verliert ihren Biss, die Unbedingtheit und Bedenkenlosigkeit … die Bereitschaft, in jedem Training durch die Wand zu gehen und alles zu geben, um in die zweite Luft zu kommen – le deuxième souffle. Für jede Kämpferin ist das die Sphäre einer Wiederauferstehen vom Kreuz des Leidens. Man passiert den Schmerz und verdoppelt sein Vermögen. Jetzt ist da keiner mehr, dem Cissoko so sehr gefallen möchte, dass sie für ihn das Letzte aus sich herausholt. Noch ist sie zu jung für die autoerotische Supervision.

Sie braucht die Anerkennung eines Mannes, dessen Achtung ihr alles bedeutet.

„Ich gewinne, aber es fehlt der Biss“, stellt Cissoko resigniert fest.

Sie wechselt das Fach und mischt sich unter die „englischen Boxer“.

In Frankreich unterscheidet man zwischen boxe anglaise und boxe française. Das englische Boxen entspricht dem westlichen Faustkampf, in dem Mike Tyson nicht zuletzt reüssierte. La boxe française aka Savate ist ein Hafenhybrid, ein Stil, in dem Hand- und Fußtechniken kombiniert werden. Er entwickelte sich im 18. Jahrhundert in Marseille vor maritimer Kulisse zur Ertüchtigung von Seefahrern. In frühen Mantel- & Degen-Verfilmungen lieferten die Kaskadeure u.a. Savate-Kunststücke ab.

Cissoko bewirbt sich bei Jean Rauch, dem Spiritus Rector des „Boxing Club Paris 20éme“.

„Ich will Boxen.“

„Ich trainiere keine Tussis.“

„So redet er, der Jeannot, ein Titi, eine echte Pariser Schnauze.“

Bald hat er Cissoko ins Herz geschlossen, ihr Riesentalent beweist sich einmal mehr; sie wird zum Glanzlicht der Nachrufe, die 2017 Rauchs Vermächtnis auflisten.

Rauch verlangt von Cissoko, dass sie über den Tellerrand des Boxens hinaussieht.

„Schau dir die Welt an, meine Tochter.“

Cissoko schreibt: „Wo ich herkomme, ist es wichtig, sich gegenseitig Selbstverständlichkeiten zu sagen.“

Da ist sie wieder: die grundsätzliche Unsicherheit des Einwandererkindes.

Bald mehr.

08:06 01.07.2019
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