Ich sagte Mama zu ihm I.

#IchsagteMamazuihm Die erste Geschichte, die Akira Thorne mir zu meiner Unterweisung erzählte, hätte ich mir auch selbst erzählen können. Deshalb erzähle ich sie später in meinen Worten.
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In diesem Hexenhaus auf Stelzen richtete der isländische Spionagedienst Snorre Kyrill einen Horchposten ein

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Telefonierten wir, nannte ich ihn Mama, um in ihren Tarnkitteln unsichtbare Lauscher*innen zu verwirren.

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Die erste Geschichte, die Akira Thorne mir zu meiner Unterweisung erzählte, hätte ich mir auch selbst erzählen können. Deshalb erzähle ich sie später in meinen Worten. Vier Stichworte gab mir Thorne am ersten Instruktionsnachmittag auf einer vom Wetter gefällten Birke im Darßer Urwald mit auf meinen Weg: Liebreiz/Rache - Schmauch – Verschulung/Entkernung - Elchtest. Für die Nachzügler*innen und Blitzmerker*innen fasse ich noch einmal zusammen.

Radikale Solidarität der dem Rechtsstaat Verpflichteten

Im Kampf gegen die beiden Fredos Junior & Senior kommt mir der pensionierte Agent Akira Thorne zur Hilfe. Ein mir nicht näher bekanntes „Wir“ hat ihn zu meiner Unterstützung abgestellt. Ich hoffe, der Verfassungsschutz steckt dahinter. Ich will die Staatsmacht mit Sondereinsatzkommandos unversöhnlich gegen die eiternden Fredos intervenieren sehen. Radikale Solidarität der dem Rechtsstaat Verpflichteten.

So geht es weiter.

Rache

Thorne spricht von einer klassischen Kleinfamilie - Vater - Mutter - Sohn. Manchmal nimmt Adorno am Küchentisch Platz, manchmal bedankt sich Habermas bei der Hausfrau. Eine Mildenberger Fabrikantentochter namens Gerda Müller schaltet sich mit ihrem Liebreiz ein. Zunächst erscheint sie als Geliebte des Sohnes. Der Patriarch gerät außer sich und bestürmt die dreißig Jahre Jüngere mit einem Eifer, der seine Energie aus der Angst bezieht, die mit dem aufziehenden Alter einhergeht. Gerda lässt sich den Ansturm gefallen. Ein Millionenvermögen gesellt sich bei dem Entflammten zu einem Ruf wie Donnerhall. Ein Gründervater der alten Bundesrepublik steht in Flammen. Dessen Beziehung zum Sohn strafft sich bis zur Gegnerschaft. Der Alte vergisst sich. Er legt seiner Frau nah, sich scheiden zu lassen. Ihr Einvernehmen soll dem Sohn das Erbe sichern. Sie schickt sich aus Liebe zum Sohn. Närrisch und gemein setzt der Alte Gerda in alle Rechte ein. Er übergeht den Sohn, die Geschiedene stirbt und wird weit weg vom Familiengrab beerdigt.

Das Familiengrab liegt an der Friedhofsmagistrale in einer Reihe mit den großen Toten der Stadt, ob ihr eingeboren oder verdienstvoll zugezogen.

Der Alte stirbt. Gerda übernimmt sein Geschäft. Was hat sie mitgebracht außer ihrem Liebreiz? Der Enkel eines Berühmten startet einen Angriff auf das Geschäft. Er scheitert und stirbt.

„Gerda hat nichts mitgebracht und alles mitgenommen“, sagte Thorne.

Gemeinsam betrachteten wir die Manöver einer vom Wind wieder und wieder zurückgeschlagenen Möwe. Manchmal schien sie in der Luft zu stehen.

Die Geilheit eines alternden Mannes ist für sich genommen nicht gefährlich. Sie ist eine Melancholie – ein Trauerspiel ohne Bedeutung – der Preis für ein langes Leben. Betrachtet man die Vorgänge aus der Perspektive des Mannes sieht man nichts. Diese Perspektive hilft absolut nicht weiter, solange man noch etwas verstehen will.

Es geht in dieser Geschichte nicht um nachlassende Kräfte, sondern um Rache.

„Manchmal nimmt Rache die Gestalt einer jungen Frau an.“

„Verführung ist die wahre Gewalt.“ Schiller

„Davor werden Sie sich hüten müssen“, verkündete Thorne. „Wenn Sie längst glauben, es sei alles vorbei und sie könnten leben wie alle, sind Sie vor Rache doch nicht sicher.“

Mir war das klar. Ich wusste, dass ich bis zu meinem Tod kampfbereit bleiben musste und noch weniger als andere zu Vertrauen Anlass haben würde.

Schmauch

„Ob Sie draufgehen oder nicht: das spielt keine Rolle“, sagte Thorne.

Ich hob die Schultern zum Beweis meines Unmuts. Ich habe es nicht gern, wenn man mir Selbstverständlichkeiten im Brustton der Belehrung verkündet. Meine Bedeutung erschöpfte sich darin, dass im Zuge der Auseinandersetzung mit den Fredos etwas sichtbar geworden war, dass sonst verborgen geblieben wäre. Ich rede von einer Struktur, die wie ein Spinnennetz Europa überzog, in der alle Register der Konspiration, der Gewalt und der Insubordination gezogen wurden und deren Fäden vor meiner Nase zusammenliefen. Eher ging ein Kamel durchs Nadelöhr als das ein Unberufener einen Blick in diesen Untergrund erhaschte. Niemand, den ich als Parteigänger*in der Gegenseite wahrnahm, wusste etwas davon. Diese Kegel wähnten sich in einer Konstellation der Neuen Sozialen Bewegungen. Sie hielten sich für Kompliz*innen einer Gesinnungsformation. Sie machten mit beim kreativ-fröhlichen Widerstand. In Wahrheit wurden sie gelenkt. Sie waren Rädchen im Getriebe eines Kartells.

Heute Morgen sage ich „die Fredos“, doch tatsächlich gibt es nur einen Fredo, der andere ist Fredos Vater, ein Pate und Puppenspieler wie aus einem Bilderbuch der Mafia. Weil der Sohn sich mir gegenüber aufzuspielen versucht hat und dabei krachend ausgerutscht ist, weiß ich das alles. Fredo ist zu blöd, um eine leere Schublade aufzuräumen. Das bedeutet Stress für den alten Puppenspieler. Er sieht aus wie ein verschnarchter Schnurrbart.

Schmauch nennt die Fachwelt jene Spuren, die ein Kampf nach sich zieht. Vorn, wo die Kegel fallen, ist Schmauch unvermeidlich. Hinten, wo die Geheimnisse geheim gehalten werden, ist Schmauch eine Katastrophe. Da darf es keinen Schmauch geben.

Doch in diesem Kampf war Schmauch am Ende der Fahnenstange womöglich nachweisbar. Es gab eine Chance, den alten Puppenspieler aus dem Spiel zu nehmen. Er sollte für die Fehler seines Sohnes bezahlen.

Elchtest

Zeigt sich Schmauch da, wo die Macht ist, kommt es zum Elchtest der Struktur. Das passiert selten. Es gibt dafür keine Regeln. Wie bei einem sinkenden Schiff kollabiert die Ordnung aller Ernstfallübungen zum Trotz. Es muss improvisiert werden, während Wasser eintritt. Die Ereignisse haben den Chaoscharakter einer Evakuierung.

Der Elchtest überlastet die Systeme. Sie schalten sich ab. Käme es zum Elchtest, könnten sich der Puppenspieler und sein Fredo auf nichts mehr berufen.

Verschulung

Vorspann

Ein japanischer Ritter sah in einem japanischen Bauern so wenig seinesgleichen wie in einem japanischen Hund. Eine Nationalisierung der Gesellschaft auf allen Ebenen fand erst nach der erzwungenen Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert statt. Der Homogenisierung des Volkskörpers folgte die Einführung einer bürgerlichen Verfassung im Geist des Code civil. Andere Monarchien bremsten den Fortschritt, Mutsuhito, der 1867 vierzehnjährig den Thron bestieg, seine Residenz von der ewigen Kaiserstadt Kyōto nach Edo verlegte und im Zuge der Meiji-Restauration einer westlich orientierten Oberschicht Raum gab, beschleunigte den Fortschritt, um Fremdherrschaft zu vermeiden. Zum ersten Mal in der Landesgeschichte war unter seinem Vater eine Invasion nicht vollständig abgewiesen worden.

China in Agonie vor Augen, suchten westliche Potentaten ihren Vorteil mit der Vorstellung, Japan ließe sich so erniedrigen wie andere asiatische Staaten.

In Rekordzeit fand ein mittelalterlicher Militärstaat Anschluss an die globale Zukunft. Das Tempo war Staatsräson. Die Industrialisierung brachte die Mittel für eine Aufrüstung. Die Kriegsräte frohlockten: Wenn das nächste Mal ein amerikanisches Kanonenboot vorbeischwimmt, schießen wir es mit Gaijin-Knowhow zu Klump.

Um 1900 war Japan eine im Gegenwartsanzug versteckte Feudalgesellschaft mit moderner Armee. Das Kastendenken verschmolz mit dem Nationalismus in den Kasernen.

Entkernung

Nun bemerkten die westlich informierten Vordenker der Volksgesundheit, dass es auf Okinawa nicht nur viel mehr Hundertjährige gab als auf der Hauptinsel, sondern das viele Greise fitter waren als anderswo die uniformierte Blüte der Nation.

Ansonsten galt Okinawa natürlich als rückständig.

Man bildete ein Komitee und stattete eine Delegation aus, die sich auf der Insel herrschaftlich umtat. Bald entdeckte man einen Zusammenhang zwischen der agilen Langlebigkeit und einer seit Jahrhunderten kultivierten Selbstverteidigung und ihren volkstümlich-sportlichen Ablegern. Die Sache hieß noch nicht lange Karate. Man beauftragte Experten eine massentaugliche Veranstaltung daraus zu machen. Die Experten entzogen dem Karate einen tödlichen Kern und verschulten es. Das war der Anfang des Sportkarate. Interessanterweise verbesserte die verwässerte Form die Fitness der Schüler, Studenten und Wehrpflichtigen nicht.

Das ist eine selten erzählte Geschichte.

Aus seinem traditionellen Mantel geschlagen, verlor Karate seine magische Wirkung. Die Adepten verbesserten ihre Fähigkeiten nicht. Ihre potentielle Langlebigkeit ließ sich nicht überprüfen. Man stellte das Projekt ein. Karate wurde in Japan zu einem Orchideenfach. Wer was auf sich hielt, übte Kendo.

Wie viele Krieger seiner Generation war Thorne als Karateka in Glasgow jahrelang ins Leere gelaufen. Die Kompetenz kam aus der Kneipenkampf- und Türstehererfahrung eines Lehrers. Ein anderer streute seine Box- und Ringkampfkenntnisse ein. Die Besten wurden Boxer.

Die vermeintlich reine Lehre des Karate machte Thorne ratlos.

Es funktionierte nichts Spezifisches.

Es ist doch lächerlich, die weltweite Quintessenz der äußerlichen Techniken Karate oder einem anderen System als Leistung zuzuordnen. Überall gibt es Schläge, Tritte, Stöße, Feger, Würfe, Hebel. Überall findet man athletische Varianten, die spektakuläre Aktionen gestatten, sowie militärische Ausführungen mit wenig Athletik.

Das alles ist nicht Karate.

Wenn einer vier Systeme lernen muss, um sich mit Karate sicher zu fühlen, was ist dann Karate wert?

Auf der Suche nach einer Antwort vertiefte sich Thorne in Bunkai – der Erforschung des ursprünglichen Sinns von Techniken.

Er sagte: „Diese bäurischen Burschen waren doch nicht spitzfindig. Im Grunde haben sie einfach nur White Crane Gong-fu verhackstückt und auf den eigenen Typus zugeschnitten. Sie rangen wie die Mongolen, tranken wie die Russen, waren lustig ohne Unterlaß, und zeugten noch mit neunzig. Kurz gesagt, das was ich suchte, konnte nicht kompliziert sein.“

Ich glaubte die Antwort zu kennen, doch Thorne überraschte mich.

„Ich habe zehn Jahre wie ein Blöder und dann noch mal zwanzig mit Verstand trainiert. Erst danach verstand ich das Alleinstellungsmerkmal. Es besteht allein in der Abhärtung der Gliedmaßen. Mit abgehärteten Gliedmaßen bewegen Sie sich automatisch anders. Dann bewegen Sie sich nämlich so wie ein Karateka im 19. Jahrhundert, als die Stände noch viel kürzer vorgeschrieben waren.“

Das war beinah alles, was Thorne mir an diesem Nachmittag in einem norddeutschen Urwald zu sagen hatte:

„Härten Sie ihre Hände ab und Sie werden Karate begreifen.“

Ich begann noch am selben Tag mit der Kur.

Bald mehr.

06:53 16.07.2019
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