Ich sagte Mama* zu ihm II.

#IchsagteMamazuihm Der Dreh ist, posttraumatisches Wachstum zu fördern und gegen Belastungsstörungen Resilienztechniken einzusetzen. Natürlich kann man nicht beides ...
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Wir treffen uns im Alten Wal, einer Reiseführersehenswürdigkeit voller rotgesichtiger, sangestrunkener Kilt-Träger – einer Schwadron Pfeifer, die eben einen unglaublichen Auftritt auf dem gepflasterten Scheitel des Castle Rock absolviert hat.

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Das Gelage der Pfeifer

Wir treffen uns im Alten Wal, einer Reiseführersehenswürdigkeit voller rotgesichtiger, sangestrunkener Kilt-Träger – einer Schwadron Pfeifer, die eben einen unglaublichen Auftritt auf dem gepflasterten Scheitel des Castle Rock absolviert hat. Die Militärmusiker treten auf wie bei einer Springteufelkonkurrenz. Sie schreien sich an und steigern sich bis zur Heiserkeit. Ihre Halsschlagadern schwellen. Die Inbrunst kommt aus einer von Feen gestifteten Liturgie. Der christliche Glaube sitzt locker im dämonischen Getriebe.

Ich sehe nicht wenige hochgewichste Schnurrbärte.

Akira Thorne ist Schotte, er genießt den Aufstand in der Kneipe. Der Schankraum dient Devotionalien der martialischen Welterfahrung als Schauraum. Viele Souvenirs haben einen Safarilook. Militärtourismus. Die Teilnahme an den Ausbeutungsfeldzügen der britischen Kolonialarmee entsprach Jahrhunderte der maximalen Mobilisierung. Die Unterdrückung der anderen half über die eigene Unterdrückung hinweg. Der Highlander Stolz wurde in Indien ausgestellt.

Zweifellos werden wir beobachtet. Das scheint inzwischen auch egal zu sein.

Ich habe es mir abgewöhnt, die Paradoxien unserer Kooperation zu erforschen. Zwei Jahre war alles Konspiration und solange gab es nur zwei direkte Kontakte. Im Weiteren fand ich famose Gaben in toten Briefkästen. Zunutze machte man es sich, dass ich von jeher viel Zeit in Wäldern verbringe. Es gibt keine Organisation, die unauffällige Manndeckung im Wald gewährleisten kann.

Ich werde bezahlt wie ein mittelprächtiger Angestellter. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel verdient. Ich bekomme das Geld dafür, dass ich die Rübe hinhalte und das Feuer der militanten Humanisten, des Kinderwiderstands sowie anderer politischer Extremfolklorist*innen auf mich ziehe. Die Gruppen werden von einem alten Verbrecher gesteuert. Fredos Vater leitet die deutsche Dependance eines europäischen Kartells zur Destabilisierung von Staaten. Sein Sohn Fredo variiert die Varieténummer vom unfähigen Thronerben. Er zieht alle Register des Irrsinns. Das hat was Nordkoreanisches.

Mir macht die Sache Spaß. Wegen eines Gendefekts empfinde ich keine Angst. Der Defekt wird von Thorne als Qualifikation bewertet. Er sagt: „Die Schotten glauben, dass der beste Kämpfer ein guter Esel ist.“

Ich kenne den Vergleich. Ich war noch keine zwölf, als Holger behauptete: „Du bist der Beste, weil du nicht mehr Phantasie als ein Esel entwickelst.“

Ich wollte nichts für mich. Ich wusste gar nicht, was ich wollen sollte, solange ich satt war und nicht zu müde und ich mich gut in Schuss wähnte. Ich gehörte zu Holgers Kraftsportgruppe „Roter Stern Waldau“. Holger formte seine Leute mit Orientierungsläufen und Guerillatraining. Wir legten im Kaufunger Wald leere Depots an. Holgers Wahn war „der Einsatz hinter feindlichen Linien”. Mit Klimmzügen und Liegestütze bereitete er mich besonders darauf vor.

Holger vertrat die taktischen Leitlinien von Colonel Aaron Bank, der 1952 die Special Forces gegründet hatte. Bank war im Zweiten Weltkrieg als Sabotagefuchs in der Koordination der Résistance mit den amerikanischen Streitkräften verwickelt gewesen. Wegweisend, zumindest für Holger, war Banks Analyse der entblößten Verbände. Die Wehrmacht hatte in besetzten Gebieten komplette Volksgruppen dazu eingeladen, am Kampf gegen die Rote Armee teilzunehmen. Nach dem Rückzug der Deutschen blieben diese Einheiten ohne Aussicht auf Pardon im sowjetischen Einfluss. Was kaum einer weiß, anti-kommunistische Partisanen hielten sich bis in die Sechzigerjahre auf der Landmasse des Warschauer Pakts im Kampf. Nach ihrem Vorbild stellten die Amerikaner in Westdeutschland eine Geheimarmee auf. Heute weiß ich, dass der Schattenoffizier Holger in seiner Kraftsportgruppe die nächste Generation rekrutierte. Er vertauschte links mit rechts, weil links in Mode war und man den Jugendlichen die langen Haare nicht abgewöhnen konnte.

Drill – Flow – Zucht - Abstand

Kreative Typen lassen sich nicht drillen. Sie verweigern die Stupidität der bloßen Zahl. Wiederholungen sind ihnen ein Gräuel. Mich konnte man schinden. Wurden hundert Wiederholungen verlangt, nahm ich mir vor, nach dem Training das Verlangte zu verdoppeln. Im zusätzlichen Einsatz rutschte ich zum ersten Mal in den Flow. Das erste Wort, das mir für den Zustand zur Verfügung stand, war Runner’s high. Holger sprach vom muskulären Rausch. In diesem Rausch erschien nichts schwierig. Er garantierte die Aufrechterhaltung der Ordnung. Der Drill führte zum Flow und der Flow erlaubte es der Zucht, angenehm zu erscheinen.

Kampf ist eine Abstandsfrage. Sonst nichts. Die Voraussetzungen für den optimalen Abstand ergeben sich aus Drill, Flow und Zucht.

Der Drill konstituiert die Kämpferin. Der Flow hält sie am Laufen. Die Zucht sperrt ihren Zorn ein. Sie erlaubt der Frau schnelle Erholung von Stresshöhepunkten und einen positiven Bewertungsstil (auch von potentiell negativen Faktoren). Das alles wusste ich schon Jahrzehnte, als mir Fredo und sein Vater die Chance gaben, mein Wissen dem Elchtest auszusetzen. Nun sitze ich als alter Esel mit Thorne im Alten Wal und esse auf Empfehlung der Bedienung einen lokaltypischen Eintopf; angeblich werden die Zutaten sonst nirgendwo so zusammengerührt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in der Küche auch nur ein Schotte in die Töpfe schwitzt.

Vor den Fenstern erhebt sich Arthur’s Seat, der Hausberg von Edinburgh.

Thorne studiert mich wie eine Landkarte. Jemand hat ihn aus dem Ruhestand geholt und jetzt betrachtet er den Agentenbetrieb mit klinischer Kälte. Ich bin die inferiore Größe in jeder Spielanordnung, die denkbar ist; die Durchschnittsmaus, die man zu einer Platzhirschmaus sperrt, um sie Stress erleiden zu lassen. Nur verhalte ich mich nicht wie eine überforderte Maus. Meine Neuronen feuern nicht über die Gefahr hinaus.

Überlegen ist, wer zwischen Gefahr und Nichtgefahr schnell unterscheiden kann, und in der Nichtgefahr sofort entspannt. Man entspannt, indem man alles, was sich nicht ändern lässt, distanziert.

Thorne hat in Nordirland aufgeräumt. IRA buchstabiert er: Ich lief weg – I ran away. Ich weiß nicht, was ihn nach Deutschland gebracht hat. Thorne konterkarierte jene Kohorte um die Jahrtausendwende zwanzigjähriger Westdeutscher, die von den Leerständen im Bezirk Prenzlauer Berg magisch angezogen wurden. Man wohnte auf großbürgerlichem Eichenparkett, aber mit Eisblumen auf den undichten Fenstern und dem Klo auf halber Treppe. Während die Stadt Berlin aus ihren Gehwegschäden und anderen Notlagen sowie den Altlasten der realsozialistischen Misswirtschaft ein Image zu machen versuchte, fotografierten sich die Neuzugänge aus dem Wohlstandswesten gegenseitig vor zerschossenen Fassaden – dem „Wundbrandgrind“ und „den Erinnerungsfrakturen des letzten verlorenen Krieges“ (Daniela Seel). Die Leute kamen aus „unbezahlbaren Städten“ wie Paris, London und New York in die „billigste Metropole der Welt“.

Thorne debütierte als Untermieter eines Mannes, den ein DDR-Mietvertrag adelte, und als Mitbewohner einer Schlangenbesitzerin. Er taute für das Raubtier schockgefrorene Mäuse auf und monierte die fehlende Klotür. Ein Wasserschaden veranlasste ihn, nachzusehen, was in höheren Stockwerken los war. Thorne entdeckte geräumte Wohnungen, es regnete durch offene Fenster. Der Hauptmieter zog plündert durch den Bestand. In schwelenden Ruinen fand Thorne eine Freiheit, die nicht nur ihn produktiv machte. Fast alle schrieben Gedichte.

Der Dreh ist, posttraumatisches Wachstum zu fördern und gegen Belastungsstörungen Resilienztechniken einzusetzen. Natürlich kann man nicht beides gleichzeitig: den Stress erleben und ihm ohne Vorbereitung technisch begegnen. Man muss trainiert in die Krise geraten oder eben resilient sein.

Bald mehr.

09:47 17.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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