Im Augenblick verweilen

Göttingen 1983 Im Türkischen unterscheidet man zwischen weichen und harten Konsonanten. Harte Konsonanten erscheinen am Wortende: ç – f – h – k – p – s – ş – t.
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Sie hieß Hita und fand den Namen „phonetisch idiotisch“, wie sie sagte. Ich deutete ihn als Abkürzung von Anahita, aber davon wollte Hita nichts wissen. Sie litt unter der Angst, ich könne ihr etwas weismachen, um mir ihre Aufgeschlossenheit zu erhalten; während sie sich die Geschichte so erzählte, dass ich der Beifang eines Fischzugs war, der ihr Anatol eingebracht hatte.

Hita verzehrte sich nach Anatol, ich durfte keine Zeichen setzen, die an Anatols Übergröße heranreichten. Wir verbrachten Zeit in einer Kammer hoch über der Straßengärung. Bei guter Sicht erkannte man die fossil anmutenden Rippenbögen der von Wind und Wetter entkleideten Arche Noah auf dem Ararat. An einer Schnur, die quer durch den Raum gezogen war, vertrockneten Blätterbündel neben Zetteln.

Es tut nie gut, sich auf jemanden einzulassen, der besonders originell sein will. Doch das wusste ich damals noch nicht. Ich war Anfang Zwanzig und studierte Turkologie in Göttingen. Die Veranstaltungen hatten einen privaten Charakter. Man saß maximal zu zehnt am Tisch, es war noch kein Abiturtürke dabei. Ich war der einzige männliche Studierende.

Der berühmte Professor war Armenier, polyglott bis zum Anschlag. Er schien wie aus Asche gemacht. Ich schrieb so schön wie ich nur konnte:

Im Türkischen unterscheidet man zwischen weichen und harten Konsonanten. Harte Konsonanten erscheinen am Wortende: ç – f – h – k – p – s – ş – t.

Der nicht berühmte Professor war Bulgare und sah aus wie der armenische Nationaldichter Chatschatur Abowjan. Dann gab es noch einen unakademisch wirkenden Mongolen, den ich oft im Institut für Leibeserziehung traf, wo er am liebsten Volleyball spielte.

Wenn das Suffix mit einem Vokal beginnt, wird der letzte Buchstabe weichgemacht. Beispiel

kitap – Buch – kitabım – mein Buch.

Das gilt jedoch nur für mehrsilbige Wörter.

Ich hatte vorher Jura studiert und in Massenveranstaltungen unter Minderwertigkeitsgefühlen gelitten. Nun genoss ich das milde Fluidum der exotischen Philologie. Umgekehrt wurde ich als Bereicherung empfunden. Meine Kommilitoninnen mochten nämlich jene Leisetreter überhaupt nicht, die sich von allen Seiten an sie heranschlichen, ausgehend von der Annahme, nicht mit harten Reaktionen rechnen zu müssen.

Ich war ein Verehrer marzipanischer Frauen mit Modigliani-Gesichtern, hatte aber nur selten das Vergnügen, weil die Hitas dieser Welt mir die Wege abschnitten und mich konsequent als Unter- und Nebenmann einsetzten.

Das ist eine noch nicht richtig erforschte Position. Ich war vom Pubertätsstart an in dieser Rolle. So lange in der Musiktruhe meiner Generation Rock’n’Roll lief, blieb ich ein Nebenmann lyrisch-robuster Frauen, die übrigens alle mit einer donnernden Unzufriedenheit geschlagen waren.

Hita holte mich ab. Sie zog mich aus dem Kreis der Philologinnen; es waren schon einige Aufbrüche abgebrochen worden. Die Vertagung einer Abteilung in das nächste Eiscafé hatte den Spielraum vergrößert und die Verhandlungen absurd weitläufig gemacht. Meldegängerinnen dekorierten die sonnengefleckte Fläche ohne die geringste Eile. Ich verstehe heute nicht mehr, warum es so schwer war, auseinanderzugehen. Bei einsilbigen Wörtern bleiben die Konsonanten unverändert. Beispiel at – Pferd – atım – mein Pferd. Sonja stoppte den Entführungsversuch. Sie fiel Hita in die Arme, die sich freundlich berührt fühlte und einnehmen ließ. Wir verweilten im Augenblick.

12:20 21.06.2019
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