Im Faltboot auf dem Ärmelkanal

Arbeitslose zeigen Initiative. Hans Conrady und Walter Leinweber bilden 1928 eine Arbeitslosen-Fahrgemeinschaft quer durch Europa
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Hans Conrady und Walter Leinweber überquerten 1928 im Faltboot den Ärmelkanal.

Hans Conrady (links) und Walter Leinweber

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Bildnachweis: Gettyimages.ca

Walter Leinweber und Hans Conrady im Faltboot

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Bildnachweis: gettyimages.ca

Den Achtjährigen begeistert der Auszug der Kürassiere. Ein Sieg ist ihm Geläut und Schulfrei. Als alles vorbei ist, wird an der Ruhr französisch gesprochen. Hans Conrady beobachtet, wie Männer des Freicorps „Lichtschlag“ auf dem Dortmunder Westphalendamm demonstrierende Arbeiter erschießen. Er wählt den Schillerkragen der „Bündischen Jugend“, in der „der Gymnasiast neben dem Volksschüler wandert“ und bekennt sich zu einem Leben „ohne Alkohol und Charleston“. Mit Gleichgesinnten übt er Volkstänze und singt Fahrtenlieder. Die großen Scheine von Dreiundzwanzig transportiert er im Waschkorb der Mutter. Aus der Lehre in die Arbeitslosigkeit entlassen, bezieht er mit Freunden eine aufgegebene Fabrik in Moers. Die „Werkschar“ erhält sich mit Kunstgewerbe. Das Gebäude brennt ab, die Gruppe fällt auseinander.

Conrady kehrt in seine Heimatstadt Dortmund zurück. Er existiert ohne die geringste Aussicht auf ein regelmäßiges Einkommen. Diese trübe Perspektive teilt er mit dem ebenfalls jugendbewegten Schreibmaschinenmechaniker Walter Leinweber. Beide sind Wassersportler. Sie beschließen, Europa im Faltboot zu erkunden. Zu den Reisevorbereitungen zählt die Anschaffung eines Fahrtenbuchs.

Die erste Eintragung hebt an mit der Feststellung:

„Dem Mutigen gehört die Welt.“

Eine Aufmunterung lautet:

„Willst du Städter nicht verludern, musst du schwimmen, segeln, rudern.“

Es folgen Segenswünsche mit dem Bergmannsgruß Glück auf.

Immer wieder wird formelhaft ein glückliches Gelingen gewünscht. Vieles liest sich wie Abschriften aus Schulfibeln.

Die Reise beginnt am 1. Mai 1928 mit einer Zugfahrt nach Duisburg. Ein Foto präsentiert die Männer auf dem Bahnhof, eingerahmt von Abschied nehmenden Freunden. Sie tragen Baskenmützen und Kniebundhosen und den unvermeidlichen Schillerkragen.

Die erste fremdsprachliche Eintragung datiert auf den 3. Juni. Vom selben Tag stammt das Zeugnis eines Landsmannes. Die Faltbootfahrer treffen Martin Meigen in Utrecht.

„Der ewige Wanderer“ ergießt sich in armseliger Weisheit:

„Die eine Hälfte des Lebens opfert man der Gesundheit, um Geld zu erwerben. Die andere Hälfte gibt man das Geld aus, um die Gesundheit wieder zu gewinnen. Wenn beides erreicht ist, ist das Leben dahin. Wir machen es anders und sind glücklich dabei.“

Am 6. Juni meldet eine Amsterdamer Zeitung die Ankunft von

„twee Duitsche journalisten“.

Sie finden rasch Anschluss. Die Grußadressen sind mit vielen schwungvoll kreuz und quer zu Papier gebrachten Namen unterschrieben und lassen an ein übermütiges Publikum denken. Ein Foto überliefert den Anblick Ballonkappen und Holzschuhe tragender Arbeiterkinder, die auf Kohlen hocken. Nicht weniger genrehaft wirkt die Aufnahme von Mädchen mit Hauben und bodenlangen Röcken an einem Kanal. Ein braunstichiges Bild zeigt ein abgetakeltes Segelschiff hinter einem Pferdekarren.

Über Haarlem und Den Haag gelangen die Fahrer nach Scheveningen. Den Zeitungsleuten sind sie überall ein Foto und ein paar Zeilen wert. Ihnen werden Russland und Norwegen als weitere Ziele diktiert. Die Freunde geben sich optimistisch bis zur Überschwänglichkeit. Sie lassen sich Arm in Arm mit lokalen Schönheiten fotografieren oder nach Art nomadisierender Musiker als aufgekratzte Fiedler vor ihrem Zelt. Bloß einmal klingt Beschwerlichkeit an, in einer Bemerkung von zu starker Strömung auf der Schelde. In Holland lebende Deutsche vermerken Kerniges. Es heißt, man dürfe „keine Beschränkung, keine Begrenzung anerkennen“. „Unmöglich“ müsse aus dem Wortschatz gestrichen werden.

„Kopf hoch, was auch kommen mag.“

Morgen mehr.

09:33 22.10.2015
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