Im Faltboot auf dem Ärmelkanal I

Arbeitslose zeigen Initiative. Mein Großvater Hans Conrady und sein Freund Walter Leinweber überquerten 1928 als Erste den Ärmelkanal in einem Klepper-Faltboot
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Hans Conrady links mit Schillerkragen, rechts in der Uniform des gleichgeschalteten Arbeitsdiensts.

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Bildnachweis: Privat

Opas Fahrtenbuch hatte einen Ehrenplatz im Haus. Die Aufmunterungen der Schriftführer waren zu Maximen einer erfolgsorientierten Existenz geworden.

Ein Geschäftshaushalt zieht viele Leute an. Allen war klar, dass an den „Chef“ (sogar meine Urgroßmutter und ihre Tochter (meine Oma) sagten Chef zum Opa) keiner heranreicht. In dem pferdeverrückten Wirtschaftswundermann, den ich kannte, den Vagabunden zu entdecken, von dem das Buch erzählte, war nicht leicht.

Opa wollte, dass ich Soldat werde. Weil „Soldaten immer gebraucht“ werden. Man hatte sich nämlich nützlich zu machen. Es gab eine Menge Knarren im Haus, der Chef hatte seine Waffen nicht abgegeben. Wir ballerten wie die Cowboys auf Büchsen und Flaschen. Ich wuchs in einem Western auf.

Ich erinnere mich an Zureiter zum Fürchten. Sie hatten diese verbrannten Kriegsgesichter – Legionärsfressen. Der Chef verbrachte mit solchen Männern Abende im „Reiterstübchen“. Ich durfte dabei sein. Die Männer machten mir klar, dass man gar nicht hart genug sein konnte. Kruppstahl war da nur der Anfang.

Obwohl Opa nicht martialisch war, hatten Zureiter Respekt vor ihm. Opa machte seine Witzchen, er sagte „Mutterle“ zu Oma, er wollte seine Schnittchen. Hatte er Einfälle, musste Oma gegebenenfalls auch morgen um halbdrei noch zum Diktat.

Opa und ich tranken Wasser aus der Quelle vor dem Haus, das viele Wasser auf dem Grundstück war ein Problem, Opa trank seinen Eierlikör im Auto. Er steuerte mit durchbrochenen Lederhandschuhen, nobel geht die Welt zugrunde. Fand er es angebracht, vor einer roten Ampel zu halten, nahm er einen Schluck.

Dazu sagte meine Oma: „Ich bin froh, dass ich keinen Trinker zum Mann habe.“

Gemeint war: „Keinen Mann, der in die Kneipe geht.“

Männer, die in die Kneipe gingen, waren für Oma und ihre Freundinnen das Letzte. Die Männer der Freundinnen waren überwiegend Ingenieure und beim Bosch oder Daimler oder bei Porsche beschäftigt.

Für mich war der Greis (Mann in den besten Jahren) im Porsche ein vertrauter Anblick. Oft war er auf dem Weg zur Jagd. Man drückte mir jede Flinte in Reichweite in die Hand, damit ich mich daran gewöhne. Es gab eine an Paranoia grenzende Angst, dass ich vom Glauben an die Gewalt abfallen könne und zu einem Renegat mit pazifistischen Anwandlungen werden würde.

Leute, die ihre Väter oder Männer im Krieg verloren hatten, und deshalb eine negative Einstellung zum Krieg hatten, waren verdächtig.

Krieg war grässlich, musste aber sein.

Es führte kein Weg daran vorbei.

Wir (der Nachwuchs) waren amerikanisiert, unsere Gehirne gewaschen.

Was deutsch ist, wussten wir nicht mehr. Das stimmte. Ich fühlte texanisch, wenn ich auf der „Koppel“*Äpfel im Lagerfeuer briet.

*Wir lebten auf der Koppel. So hieß das Anwesen im Familienmund. Es gab auch einen Koppelruf.

Lagerfeuer waren eine große Leidenschaft von Opa. Lagerfeuer und Reiterlieder.

Besonders interessant fand ich Opa beim Abklappern seiner Pächter. Das waren in ihren Räumen bedeutende Männer, Männer mit eigenem Grund, die sich bloß noch was vom Chef dazu gepachtet hatten. Aber Opa war bedeutender als jeder und das sprach sich aus.

Immer ging es um klare Verhältnisse.

Opa war mit vierzehn aus der Schule gekommen. Vermutlich war er Legastheniker, eine Krankheit, die es genauso wenig gab wie Heuschnupfen oder Bulimie. Nichts Schriftliches von seiner Hand durfte Fremden in die Hände fallen. Oma hatte Tag und Nacht Gewehr bei Fuß zu stehen, um Einfälle vom Chef zu notieren oder nächtliche Schnittchenwünsche zu erfüllen.

Ich fand das vorbildlich. Ich wusste schon als Knirps, dass an der Frauenemanzipation was faul war. Meine Oma war geradezu besessen davon, dem Chef zu gefallen und wurde für ihren Eifer von den Freundinnen gelobt. Diese alten Frauen konnten ungeheuer knattern, wo ihnen was nicht passte. Sie wollten dominante Männer. Was anderes kam ihnen nicht in die Tüte.

Weiter aus dem Fahrtenbuch. Siehe auch „Im Faltboot auf dem Ärmelkanal – Arbeitslose zeigen Initiative – Hans Conrady und Walter Leinweber bilden 1928 eine Arbeitslosen-Fahrgemeinschaft quer durch Europa“:

Am 13. Juli erreichen die Freunde Antwerpen, fünf Tage später sind sie in Gent. Ein Landsmann wünscht:

„Stromheil“.

Opa mit langen Haaren ... in einem besetzten Land

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Morgen mehr.

11:28 23.10.2015
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