Im Faltboot auf dem Ärmelkanal II

Arbeitslose zeigen Initiative II - Hans Conrady und Walter Leinweber schlossen sich 1928 zu einer Arbeitslosen-Fahrgemeinschaft quer durch Europa zusammen
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Hans Conrady als Seemann, 2. v. rechts

Leineweber (vorn)/Conrady im Klepper-Faltboot

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Bildnachweis: Privat

Am 21. Juli 1928 erreichen die Bootsfahrer Ostende. Ganze Familien tragen sich ins Fahrtenbuch ein. Die Stimmung kapriolt, das Leben auf Flüssen und im Zelt scheint mit Malaise nicht verbunden. Die jungen Deutschen kommen in den Genuss ausufernder Bewirtung. Ein Polizist weckt sie in frühen Morgenstunden und führt sie in ein Wirtshaus ab, wo sie musizieren müssen.
In Calais treffen sie am 13. August „zwei Europabummler zu Rade“, die für ihre „Brüder von der Wasserseite“ das obligatorische „gute Gelingen“ erhoffen.
Der erste Versuch einer Überquerung des Ärmelkanals scheitert. Schwimmend, mit leckgeschlagenem Boot, kehren Hans und Walter zum Festland zurück. Sie brauchen Ersatzteile und müssen darauf warten.
Am 31. August klappt die Überfahrt. Ein deutscher Kapitän hinterlässt den letzten kontinentalen Gruß.
Die Fahrt bleibt unkommentiert.
Als „Kronprinz“ der Familie verbrachte ich viel Zeit mit dem „Chef“ aka Opa. Ich war das erste Kind, das in der Sippenhaftung aus der Generation meiner Mutter kam – ich war hochwillkommen, hochintelligent, ein Wunder, künftiger Bürgermeister usw. In jedem Fall war ich ein verlässlicher Gesprächspartner meines Großvaters. Wir schliefen mit Oma in einem Bett. Gemeinsam konsultierten wir den Hausarzt von Langsdorf. Wir redeten viel wie gesagt, Opa hatte sich auch bei Clochards in Paris umgesehen, er konnte bemerkenswert unvoreingenommen sein und dann wieder strotzend vor vorgefasster Meinung. Opa schwor auf Knoblauch und Eukalyptus und auf die Ärztin Ana Aslan, die meine Leute mit ungemein wohlschmeckenden Präparaten versorgte. Opa ließ es sich nicht nehmen, Frau Doktor Aslan (man sprach über sie wie über eine Angehörige mit Anspruch auf Respekt) in Rumänien zu besuchen. Er reiste weiter in die Türkei, selbstverständlich mit Oma als Gefolge, die er selbstverständlich nicht ans Steuer unseres Opels ließ.
Also, Opa war genauso aufgeschlossen wie halsstarrig, es kam immer darauf an. Er verzapfte jederzeit gern eine Story, aber diese legendär-nächtliche Überquerung des Ärmelkanals im Klepper-Faltboot, die 1928 eine europäische Nachricht war, blieb in der Überlieferung stets blass.
Da kam nichts. Ging es um gefährliche Sachen, kriegte Opa diese abwinkende, schwindelerregende Art. Sie begegnete mir noch einmal bei dem Artisten Wolfgang Gruhle, der auf siebenundvierzig Metern Höhe den Kopfstand auf der Krone einer Peitsche meisterte, dazu jedoch nichts zu sagen wusste.
Ja, man sei auch bei der gelungenen Erstüberquerung (in einem Faltboot) beinah gekentert. Die größte Gefahr habe darin bestanden, von Schiffen überfahren zu werden.

In den Dreißigerjahren „musste“ Opas Fahrtenbruder Walter Leinweber kurz ins KZ. Das fügte der Freundschaft keinen Schaden zu. Ich war gelegentlich mit Opa und Freund Walter unterwegs in den Siebzigern. Besonders schätzten die Kameraden das Sporthotel Bühlerhöhe. Opa hatte in der Gegend „gebaut“ als Reichsarbeitsdienstführer. Mir erzählte er, dass es für ihn auch nicht immer leicht gewesen sei in der Volksgenossenschaft, da er in dem Verdacht stand, ein heimlich Roter zu sein.

Das war Opa bestimmt auch. Die „Internationale“ habe ich von ihm gelernt. Trotzdem war er ein Mann der Staatsräson. So wie er ein militanter Individualist war.
Emil Luckhardt, 1910

Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt! Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt. Reinen Tisch macht mit dem Bedränger! Heer der Sklaven, wache auf! Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger Alles zu werden, strömt zuhauf!
|: Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.

Opa (rechts vom Boot) mit Holländerin

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Morgen mehr.

09:31 24.10.2015
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