Im Faltboot auf dem Ärmelkanal III

Arbeitslose zeigen Initiative
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In den 1920er Jahren war Arbeitslosigkeit Alltag für Millionen. Der arbeitslose Elektriker Hans Conrady und der arbeitslose Schreibmaschinenmechaniker Walter Leinweber entgingen Lethargie und Hoffnungslosigkeit auf großer Fahrt. Sie befuhren die Wasserwege Europas. Als Erste überquerten die bündisch jugendbewegten (abstinenten und vegetarisch lebenden) Freunde den Ärmelkanal in einem Faltboot.

Opa als Hippie im Kunstgewerbe - 1924 in Moers, Westfalen. Er ist der Mann, der euch anschaut.

Unten: Der Hund hieß Arno. Er war ein "Schmuser", ein "Weiberhund". Er vergaß zu fressen, wenn meine Oma verreist war. Daneben der Autor mit einer Verehrerin aka Tante.

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Bildnachweis: Privat

Sie nannten ihn „Chef“, ich sagte Opa - Hans Conrady baute in den 1920er Jahren den freiwilligen Arbeitsdienst mit auf und wurde nach der Gleichschaltung hauptberuflich Vorgesetzter im Reichsarbeitsdienst (schließlich im Rang eines Unterfeldmeisters). Er bewies außerordentliches Organisationstalent und brachte seine Familie vollverpflegt durch den Krieg. (Hunger war das Schreckgespenst der Generationen, die den Ersten Weltkrieg mit seinen Rübenwintern erlebt hatten. Zumal für meine ostpreußische Urgroßmutter war Opa deshalb ein bedeutender Mann, weil er seine Familie nicht Hunger leiden ließ.) Den Nationalsozialisten erschien Conradys (linke, kunstgewerbliche, langhaarige, alternative) Vergangenheit zweifelhaft, man versuchte ihn in Fallen zu locken, damit er sich verstricke und entlarve.

Der Chef blieb kuhl. Er machte sich keine Illusionen über die Natur des Menschen. Er drosch mir seine wölfischen Weisheiten um die Ohren. Daneben kam immer wieder solch eine Bemerkung:

Luft hat keine Balken.

Dies als Einwand gegen die Luftwaffe.

Opa hatte den faschistischen Traum vom Lebensraum im Osten geträumt. Da sollte im großen Stil gesiedelt werden. Den Dortmunder hatte es seelisch aufs Land und in die Pampa verschlagen. Städte waren ihm nichts. Hans Conrady hatte Gutsherrenfantasien, eine ausgedachte Grandezza. In seinen Erzählungen wogten Ähren in der Art von Johannes Bobrowskis Memellandübertreibungen. Bobrowski bramarbasierte als Umsiedler in Berlin:

Ein Hof in der Heimat so groß wie die ganze Mark Brandenburg.

Ein Fahrtenbuch dokumentiert die Europareise der arbeitslosen Wassersportler Conrady/ Leineweber. Bei der Erfassung bemerkenswerter Vorgänge, ich spreche von Grenzüberschreitungen, Nachtfahrten, der Natur als Widersacher so wie von feindlichen Eingeborenen, herrscht Nachlässigkeit, während Lappalien seitenlang ausgebreitet werden.

Die Freunde erreichen Dover mit der Ebbe. Die Zöllner seien freundlich, heißt es lapidar. Nicht unerwähnt bleibt eine Einladung zum Tee.

Die erste englische Eintragung stammt vom 1. September 1928 und lautet:

„All best wishes on your journeys. From an English friend.“

Nun sind sie „Adventurous Journalists“ nach einem Titel vom 8. September. „The Reporter“, das Lokalperiodikum von Gravesend, erzählt seinen Lesern:

„They had come up the river in a strange looking little craft. Both speak a few words of English in a halting way. … looking very sporty.“

Morgen mehr.

09:49 25.10.2015
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