Im Faltboot auf dem Ärmelkanal IV

Arbeitslose auf großer Fahrt
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Hans Conrady und Walter Leinweber befuhren 1928 in einem Klepper-Faltboot die Flüsse Europas. Sie stellten sich als Journalisten oder Troubadoure dar. Sie kamen aus der bündischen Jugend und lebten mit einem Reinheitsbegriff. Alkohol, Tabak, Fleisch und das Nachtleben vermieden sie. Sie suchten die Nähe zu Lehrern und Pastoren. Das war natürlich nur eine Phase. Zeit seines Lebens bedauerte Hans Conrady in seiner Dortmunder Volksschule zu wenig gelernt zu haben. Ich fand aber, dass er alles konnte und verdammt gut aussah. Gemeinsam entwurzelten wir Bäume, schlugen Zaunpfosten ein, pulverisierten abwechselnd Beton mit einem Presslufthammer von Bosch. Wir hoben Gruben und misteten Stallboxen aus. Wir dengelten unsere Sensen. Wir ritten zum Hufschmied nach Bretten. Auf Straßen, die nur für den land- und forstwirtschaftlichen Verkehr freigegeben waren, durfte ich mit zehn schon Auto fahren. Keinem Polizisten fiel es ein, Opa mit der Straßenverkehrsordnung zu behelligen. Kein Wunder, dass ich glaubte, den größten Opa der Welt zu haben.

Hans Conrady (links) und Walter Leinweber 1928

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Bildnachweis: Getty Images

Die Londoner „Evening News“ nennt meinen Großvater „Happy Hans“. Das Blatt zitiert ihn mit einem emphatischen, geradezu olympischen Bekenntnis zur Völkerverständigung.

„We make paddling to see the world and make friends with all peoples and also for sport.“

Die Engländer fahren auf Athleten ab. Die Dortmunder Germanen werden herum gereicht. Die Deutsche Botschaft finanziert einen zweiwöchigen Londonaufenthalt.

Hans Conrady kann auftreten. Er ist ein Hüne in seiner Zeit, die kleinen Verhältnisse seiner Herkunft perlen an ihm ab.

Sein Gardemaß kehrte als Thema in den großmütterlichen Konversationen wieder. Wie groß Opa war, erzählte Oma oft. Obwohl ich das selbst sehen konnte. Andere konnten das auch. Trotzdem schien man es ihnen sagen zu müssen.

Opa war groß genug für Hitlers Leibstandarte (gewesen). Das kam oft. Wie Hitler persönlich anfragte und Opa (der Vorzeigearier) dankend ablehnte. Oma machte für Opa Propaganda, kein Mensch wusste wieso. Dass er der Größte war, sah ein Blinder mit dem Krückstock.

Oben: Oma und Opa

Mitte: Opa als Wirtschaftswunderkapitän

Unten, von links: Uroma Pauline, genannt Oma Peule, Tante H., Oma, der Autor mit seiner schönen Mutter

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Aus Gründen, die mir nie plausibel wurden, reichte das Offensichtliche nicht. Man musste mit Lob hinter Opa her kehren. Jedenfalls meistens. War Oma auf den Chef schlecht zu sprechen, machte sie sich zum Zentralorgan des Pforzheimer Bürgertums ihrer Jugend, das in Opa einen Dahergelaufenen gesehen hatte. Nach Opas Tod standen greise Verehrer sofort auf der Matte und wollten mit achtzig nachholen, was sie mit zwanzig verpasst hatten. Das schmeckte Omas Eitelkeit. Oma wies die Herrschaften zwar ab. Sobald sie sich verzogen hatten, ging aber das Geratsche los. Welchen Rang die Familie des Abgewiesenen in der Pforzheimer Gesellschaft (um 1930) eingenommen - welches Auto der Abgewiesene als jugendlicher Freier zu seiner Verfügung gehabt hatte.

Das überraschte mich dann doch. Wie wichtig Automarken für Oma waren. Wie oberflächlich sie sein konnte.

Opas Gardemaß und Hottes Bugatti.

Einen gut aussehenden (stattlichen) Mann gehabt zu haben, zählte. Die Spritztouren im Schwarzwald zählten.

Schilanglauf (schon) mit den Kindern im Aichachtal.

Picknick auf dem Dobel.

Der Reiz fremdstämmiger Wörter wie Picknick und Teenager.

Aber auch:

Kann man das nicht auf Deutsch sagen.

Gerade fällt mir ein, dass meine Oma von Leuten ihrer Generation Hex und Hexlein genannt wurde. Sie konnte mit siebzig noch Räder schlagen. (Sie gab vor dem Enkel mit Beweglichkeit an.) Bei jeder Gelegenheit schwamm sie ihre tausend Meter. Das Schwimmbad hatte selbstverständlich Opa „gebaut“.

Das Fahrtenbuch gibt kaum Aufschluss darüber, was Hans Conrady und sein Freund Walter Leinweber im Londoner Herbst Achtundzwanzig unternahmen. Aus Aufzeichnungen, die Opa später veranlasste, geht hervor, dass die Freunde nach Belehrung strebten. Sie mieden das Nachtleben und suchten die Nähe zu Lehrern und Pastoren. Sie waren gemeinschaftsorientiert, antikapitalistisch gesinnt und gegen Ausschweifungen empfindlich.

Morgen mehr.

07:31 26.10.2015
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