Im Faltboot auf dem Ärmelkanal V.

Arbeitslose rudern. Ein Kapitän instruiert: „Ich darf Ihnen versichern, dass man im Ausland jeden Ihrer Schritte bewacht und unser Volk danach beurteilt. Nützen Sie Deutschland.“
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Was vorher geschah.

Mein Opa Hans Conrady und sein Freund Walter Leinweber überquerten 1928 den Ärmelkanal in einem Klepper-Faltboot. Sie mischten London auf, gründeten die Beatles und befuhren den Shannon River bis Limerick. Da trafen sie einen Mann von Siemens. Er baute The Shannon Scheme - Die Kanuten erlebten die Geburtsstunde des größten irischen Wasserkraftwerks.

The Shannon Scheme

http://www.irish-society.org/_/rsrc/1282993861407/home/hedgemaster-archives-2/history-events/the-shannon-scheme-for-the-electrification-of-the-irish-free-state/Shannon_Scheme_electrification.jpg

Bildnachweis: irish-society.org

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Karl Valentin.

Sie wächst in einer von keltischen Ursprüngen noch berührten, Burgunden Bäuerlichkeit auf. Die Milieuverfassung stammt aus dem Mittelalter. Andererseits gibt es da die rauschend republikanisch-antiklerikale Bürgerlichkeit der Eltern. Die Freiheitsideen des 19. Jahrhunderts brennen nach.

Die Mutter ist eine Erscheinung zwischen Engel & Furie. Der kriegsversehrte Vater gibt den zwanghaften Charmeur so wie ein Beispiel für hochfahrendes Gebaren. Als Politiker scheitert er. Gemeinsam nehmen Tochter und Vater Balzac durch, Sidonie, sieben soeben, fühlt sich eingenommen und wiedergeboren. Das erlebt sie zwei Jahre später noch einmal bei Saint-Simone. Bei der Einverleibung von Shakespeare sind die himmlischen Empfindungen schon abgenutzt und die Einsicht in ihre Reproduzierbarkeit eine Einsicht in die Mechanik des Lebens. Sidonie kann sich in einem Werk verlieren und wiederauferstehen von den Toten nach Belieben. Sie stutzt bei der Vermutung, dass nicht jeder sich dieses Vergnügen bereiten zu können scheint, obwohl es doch so einfach ... .

Weil keiner in Frage kommt, kann jeder es sein – Sidonie heiratet einen deutschen Ingenieur, bald werden die Freunde Hans & Walter ihm begegnen.

Am 28. September 1928 begrüßt die „Irish Times“ Hans (Elektriker ohne Berufserfahrung) und Walter (Mechaniker mit Berufserfahrung) als „Studenten“. Die Studenten befahren den Shannon, sie kommen „durch herrliche Landschaften“, vorbei jedoch an „zerfallenen Häusern, verkommenen Gärten“. Da sind ganze Nachbarschaften nach Amerika aufgebrochen.

In seinen Erinnerungen beschwört Opa das Dasein in „Häusern, wo noch am offenen Feuer gekocht“ wurde.

Die Hauptindustrie der Iren sei die zum Export nach Amerika bestimmte Kindererzeugung, sagt man den Freunden/Fremden.

Wieder schreibt ein deutscher Kapitän Landsleuten ins Fahrtenbuch. Seine Widmung koppelt Appell an Dramatik.

„Erhalten Sie unserem Vaterland ihren Wagemut und ihren Idealismus. Ich darf Ihnen aus eigener Erfahrung versichern, dass man im Ausland jeden Ihrer Schritte bewacht und unser Volk danach beurteilt. Nützen Sie unserem Vaterland.“

In Limerick begegnen die Freunde einem von Siemens nach Irland geschickten, deutschen Bauleiter. Der Ingenieur errichtet ein Wasserkraftwerk nahe Ardnacrusha, einem Nest in der Nähe von Limerick. The Shannon Scheme wird bald alle Rekorde brechen. Hans und Walter genießen einen Abend im Haus des Ingenieurs und seiner Altholden, einer französischen Sidonie.

In Limerick endet die Faltbootarie. Die Deutsche Botschaft verschafft den Kanuten eine Passage nach Frankreich. In Paris besteigen sie einen Zug nach Barcelona – mit Überwinterungsabsichten. Hans registriert Volksküchen im Hafenviertel und öffentliche Feuerstellen.

„In einer Posada konnte man sich das Essen selbst richten. Der Wirt lebte allein vom Verdienst am Wein.“

Walter macht sich dünn Richtung Ruhr, mein Opa heuert auf einem schwedischen Frachter an. Unverdrossenheit belebt die Eintragungen. Bedenkt bloß, wie hart das Leben in der Heimat gewesen sein muss, wenn Winterfahrten auf einem Pott, der Fracht aufnahm, wo immer Fracht zu kriegen war, besser war als Dortmund. Der Seefahrer hatte keinen Strohsack in seiner Koje. Im 29er Winter kletterte er im Frost ohne Handschuhe auf vereisten Stahltrossen.

Schweden verweigert ihm, wie jedem Ausländer, die Einreise. Hans kehrt nach Deutschland zurück. Er landet in Hamburg, findet kurz Arbeit in Bremen auf einer Werft. Wieder in die Arbeitslosigkeit geworfen, macht er aus sich einen Organisator von Lehr- und Freizeitveranstaltungen für Erwerbslose. Er lässt sich die Haare schneiden und schließt sich dem Freiwilligen Arbeitsdienst an.

Das steht schon nicht mehr im Fahrtenbuch.

Was bleibt? Eine etwas undeutliche Dokumentation der ersten Überquerung des Ärmelkanals mit einem Faltboot. – Ein Zeugnis des Lebensmuts in harten Zeiten gewiss.

Vor allem bleibt Opas Fahrtenbuch ein Dokument des entkräftigten Idealismus. Wurde Opa mir gegenüber eindringlich, redete er vom Geld; ohne Geld sei nichts zu machen. Es ging dann um Wurst und Käse, sprich Häuser, Grundstücke und Pferde.

Und doch … Opa bewahrte sich als eine Gestalt wie von Hermann Hesse. Die übergroße Bereitschaft dieses westfälischen Elektrikers in seiner Jugendblüte zu Gemeinschaft und Geistigkeit war höchst widerstrebend, nur unter dem exzessiven Druck von Jahrhundertverwerfungen preisgegeben worden.

Morgen mehr.

12:01 28.10.2015
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