Im Jetzt von Damals

#Leben Verbesserungen des molekularbiologischen Verfahrens zur Identitätsbestimmung führen zur Festnahme der Bankangestellten Heartbeat Beaverbeer ...
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Milli löst Fälle wie eine Polizistin, die Philosophie studiert hat.
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„Die Azteken töteten auf der Spitze ihrer Pyramiden im Sonnenlicht“, berichtet Georges Bataille in „Gilles de Rais“. „Sie kannten nicht die Weihe, die im Haß auf den hellen Tag liegt. Umgekehrt ist im Verbrechen eine theatralische Forderung enthalten … daß der Verbrecher entlarvt (seine Tat an den Tag gebracht) werde.“ Das Verbrechen, das Brain (nicht Brian) Thundergod* unter Strom setzt, erscheint nach Aktenlage verjährt. Die Tat kostete der 1957 aus Wynnewood nach Memphis prekär migrierten Fischfabrikarbeiterin Addison Parker das Leben. Die Täterin tauchte in der Nacht ihrer Unfassbarkeit unter. Dreiunddreißig Jahre später erscheint sie im Jetzt von Damals als eine Andere.
Verbesserungen des molekularbiologischen Verfahrens zur Identitätsbestimmung führen zur Festnahme der Bankangestellten Heartbeat Beaverbeer. Ihre Einlassungen widersprechen der DNS-Analyse nicht, Heartbeat will Addison nach ihrem Tod gefunden und sich einer kompromittierenden Lage lediglich entzogen haben. Die Journalistin Milli Grænmeti recherchiert, zügig nähert sie sich der Annahme von Heartbeats Unschuld.
Investigativer Journalismus wirkt auf Milli wie eine Droge. Ihr Jagdtrieb wird stimuliert, etwas Ursprüngliches setzt sich durch. Reich geboren, fällt es ihr leicht, die Privilegien ihrer Klasse gering zu schätzen. Milli lebt für ihre Arbeit, das Privatleben verelendet auf hohem Niveau. Sie argumentiert mit Clausewitz, Hobbes und Nietzsche. Ihre Gegner:innen vermutet sie in Chef:innenetagen.
Am liebsten nimmt Milli in der Halbwelt der Reichen Witterung auf. Da vermutet sie auch die Mörderin von Addison Parker.
Milli löst Fälle wie eine Polizistin, die Philosophie studiert hat. Sie geht methodisch vor, systematisch überschreitet sie Grenzen eingeschränkter Sichtweisen. Sie überschreitet die Demarkationslinie zwischen „Arbeit und Sucht“. Sie ist eine Beißerin und war Ringerin. Sie hat nicht nur für sich gerungen, sondern für alle Frauen, die noch nicht im Modus sind und erst noch den Arsch hochkriegen müssen.
Milli fragt sich, warum Heartbeat nicht vehementer zu ihrer Verteidigung ausholt. Offenbar kennt Heartbeat eine größere Angst als die Angst vor der Verurteilung. Ihr Charakter erscheint Milli keineswegs als Fundgrube niedriger Beweggründe. In Millis Betrachtungen dreht sich Heartbeat an einem Spieß kaltblütiger Genauigkeit. Milli erlangt die Einsicht, dass gewisse Umstände zum Zeitpunkt der Tat, Heartbeat zwar als Täterin ausschließen, nicht aber als Mitwisserin.
Die Journalistin bedrängt Heartbeats Lebensgefährtin. Sie nötigt Polizist:innen zu Verstößen gegen Vorschriften. Sie befragt auf Lustmorde spezialisierte Spezialistinnen. Sie steht selbst unter Beobachtung, auch ihr Hals steckt in einer Schlinge.
Eine Spur endet vorläufig in Túathadé. In der Gemeinde an der Westküste von Céitinn Island ging Heartbeat zur Schule. Ihr Vater brachte sich um, nachdem ihm in der Fischfabrik gekündigt worden war. Die Tochter glaubte, dass er auf der Spitze einer kapitalistischen Pyramide im Sonnenlicht geopfert worden war. Heartbeats Sturm und Drang richtete sich gegen die einzige Arbeitgeberin auf der Insel. Das Unternehmen gehört inzwischen der chinesischen Marktführerin.
Gleich mehr.
06:19 31.05.2021
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