Im Klammergriff der Spezies

#Leben 1. Folge der Manitou-Springs-Saga von Melody Hippolyte de la Maillé-Landry - Ihre Verwegenheit gipfelt in der Verkostung eines eiskalt servierten Allegrini Amarone ...
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„Als Blume dargeboten, ist es (die Adoleszente), die auf Beute lauert. Ihre Passivität dient einem Unternehmen. Sie macht ihre Schwäche zum Werkzeug ihrer Kraft.“ Simone de Beauvoir

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Ihre Verwegenheit gipfelt in der Verkostung eines eiskalt servierten Allegrini Amarone della Valpolicella Classico des Jahrgangs 1999. Blasierte stoßen auf einen Bräutigam an, dessen Braut die letzten ledigen Stunden mit ihren Collegekomplizinnen nicht nur weit weg, sondern auch ganz anders verbringt. Odette de la Maillé-Landry (eine Cousine der Erzählerin) hat die Nase voll vom Kokain, als die Dinge anfangen, schief zu laufen. Die Tochter einer Senatorin und eines Lobbyisten der Waffenindustrie feiert den Vorabend ihrer Ehe in Manitou Springs, eine zu Wildwestzeiten von Bürgerkriegsveteranen als Kurort gegründete Gemeinde mit denkmalgeschütztem Postamt in Colorado. Leidenschaftlich registriert sie die Leerstellen nachlassender Verbindungen und die Kränkungen aus Zurückweisungen und Missverständnissen. Besonders anfällig ist das Verhältnis zu Abigail Palmer, einer Urenkelin jenes General William J. Palmer, der Manitou Springs auf die Landkarte setzte. Abigail teilte sich mit Odette ein Collegezimmer und leitet von daher weitreichende Ansprüche ab. Sie spielt gerade den grundtraurigen Trotzkopf, wie er in einer Trommel unerfüllter Wünsche durchdreht. Als Fleisch gewordener Fußfetischistentraum übernimmt Abigail gewohnheitsmäßig Nebenrollen im Leben von Männern, die wissen, dass ihre schlechten Angebote und Absichten ausreichen. Nachts isst sie Frühstücksflocken. Fressanfälle sind zentral im Alltag der Lehrerin.

Als Abigail im Wunderland der Zerealien will sie sich demnächst neu erfinden. Die in Scheidung lebende Anwältin Ilana Daleyza und die vegane Aktivistin Destiny Madison waren als Studentinnen ein Paar, das vor der Liebe durch Hintertüren floh. Diese beiden stehen sich immer noch näher als den anderen. Bleibt die Kanadierin Presley Laoureux, die als Außenseiterin mitschwimmt. In einem Alter, das andere in der Obhut ihrer Familien absolvieren, bereiste Presley im Tross einer wahnsinnigen Sektenführerin Europa, Amerika und Asien von Athen über San Francisco und Honolulu bis nach Yokohama - als Gekidnappte.

Antikes Randori

Und, hat es mir geschadet?könnte Presley jederzeit fragen. Ohne Unterlass düpiert sie den Anschein. Aber natürlich wird sie von Ilana und Destiny auf den Radikalitätsstrecken um Längen geschlagen. Destiny zitiert Simone de Beauvoir: „Die Schwangerschaft ist eine anstrengende Belastung, die der Frau keine persönlichen Vorteile bringt.“

Odette hofft, schwanger zu sein. Sie kennt sich aus und weiß deshalb, dass Beauvoir die Unterjochung der Frau nicht allein dem Mann zuschreibt. Vielmehr spricht sie vom physiologischen Körper im Klammergriff der Spezies.

„Als Blume dargeboten, ist es (die Adoleszente), die auf Beute lauert. Ihre Passivität dient einem Unternehmen. Sie macht ihre Schwäche zum Werkzeug ihrer Kraft.“ Simone de Beauvoir

Plötzlich kreuzt Addison Harper unter dem Kneipenhimmel auf. Die Germanistin aus Ulysses am Cimarron River im Bundesstaat Kansas wäre die Ingeborg Bachmann als Romy Schneider in einem europäisch-antiken Randori. Dramatisch verwandelten sich Inge und Romy in Verrauchte. Beide Ikonen zerriss die Spannung zwischen gewöhnlichen Bedürfnissen und außergewöhnlichen Fähigkeiten. Beide waren schließlich Gezeichnete. Der Alkohol- und Medikamentenmissbrauch schenkte dem Unglück Jahrhundertgesichter.

10:44 27.05.2021
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