Im Kriechraum des süchtigen Selbst

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„Lips Lackowitz, der Frontmann der Band Tough Luck ... seit fünfzehn Jahren nüchtern, kam ins Seneca House*, um ein Konzert zu geben, und wurde kurz darauf rückfällig.“

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Leslie Jamison zieht poetische Prisen aus biografischem Trübsal. Sie durchforstet Erzählungen anonymer Alkoholiker:innen, die sich im Rahmen der AA-Gesprächskultur rituell offenbaren. Rückfallgeschichten bilden ein eigenes Genre. Sie handeln vom schlagartigen Kontrollverlust, jäh wie Bremsversagen; von völlig unerwarteten Niederlagen an vermeintlich sicheren Orten.

Man wähnte sich längst außer Reichweite des Nervengifts und ganz und gar jenseits des beklemmend engen Kriechraum des (süchtigen) Selbst“.

*„Das Haus (steht) ... am Seneca Creek, kurz bevor ... (der Fluss) in den Potomac mündet, dicht am ehemaligen Chesapeake-and-OhioTreidelpfad. In den 1920er Jahren war es eine Pension“, in der Gegenwart ist es schon lange eine Einrichtung für Suchtkranke.

Im Weiteren listet Jamison auf. Die Sozialarbeiterin Gwen, die Getränkepulver in ihren zimmerwarmen Wodka kippte, während die Pfadfindergruppe ihres Sohnes zu Besuch war. Die Journalistin Shirley, die das Kristallgeschirr ihrer Schwiegermutter im Vollrausch zerschmiss. Marcus, der seine Suchtsozialisation im Verein mit Basketballmannschaftskollegen im Overflow absolvierte. Man betrank sich und spielte dann die ganze Nacht, und erlebte das als Freiheit und als doppelten Rausch. Man glaubte, immer high sein zu können.

High und glamourös verdiente Marcus Geld. Er übersah die Stoppschilder, vom Erfolg geblendet.

*

Ich lese zwei Bücher von Leslie Jamison nahezu zeitgleich. Überwiegend rede ich über

„Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“, aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, 18.-

Gerade gefällt es mir,

„Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer“, aus dem amerikanischen Englisch von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, 12,-

zur Erweiterung des Erörterungsbereichs heranzuziehen.

Morgens Kaffee, abends Koks

„Alle reden unablässig und schmerzerfüllt über den Drogenkrieg, und währenddessen wird ständig gekokst.“

„Während der 1920er Jahre gab es in Mexicali achtmal so viele chinesische (Arbeiter:innen) wie (Mexikaner:innen), ... Tunnel verbanden ... Opiumhöhlen und Bordelle mit den (Amerikaner:innen) auf der anderen Seite der Grenze, wo die Prohibition die Begierde hochtrieb.“

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Auf einer Westernfolie/Die Landschaft als Genre/Borderline-Romantik

Leslie Jamison fährt zu einem Autor:innentreffen „in Tijuana und Mexicali …morgens wird es Kekse zum Kaffee in Styroporbechern geben. Abends wird es Koks in Toilettenkabinen geben.“

Sie passiert die Grenze in San Ysidro, einem Quartier in San Diego. „Das Verkehrsaufkommen am San Ysidro Port of Entry ist nach dem am Johor–Singapore Causeway das zweitgrößte der Welt zwischen zwei souveränen Staaten. Innerhalb der westlichen Hemisphäre ist es das stärkste ... Die US-Interstate 5 mündet in die mexikanische Carretera Federal 1. Außerdem endet hier eine Linie der Straßenbahn von San Diego (Blue Line).“ Wikipedia

Ich kann das nicht lesen, ohne an Class Relotius zu denken. Die dramatisch illustrierten, tausend Bilder pro Minute abwerfenden Verwerfungs- und Schattenlinien im Grenzland, das nomadisch-tribale Flüchtlingselend und die territorial-tribale Drogenkriminalität gehören programmatisch zur mehrfach ausgezeichneten Relotius-Romantik. Eine entfesselte Mordbereitschaft erzwingt ihre Erwähnung. Ich assoziiere die Ingredienzien auf einer Westernfolie in einer Landschaft voller Kakteen und Tequila-Schwemmen. Die Gegend wird zum Genre.

Jamison erlebt das genauso wie ich.

„Die Avenida Revolución (in Tijuana ) ist gesäumt von den entkernten Hüllen des Billigtourismus. Menschenleere Bars stehen herum ...“

Die Autorin betrachtet markante Punkte der chinesischen Einwanderung. Sie überfliegt Sino-Latino-Phänomene. In den Vereinigten Staaten etablierten sich Chines:innen als Dienstleister:innen mit Schwarzer Kundschaft. Da sie zunächst keine Häuser besitzen durften, hausten sie in ihren Läden. Manche Familien hielten ihre Betriebe an 365 Tagen von morgens bis nachts in Gang.

*

Eine Weile jobbte Leslie Jamison als „Darstellerin von Krankheiten“. „(Medizinstudent:innen) mussten erkennen, woran sie (vorgeblich) litt.“ Nicht nur die diagnostischen Fähigkeiten wurden beurteilt. Auch das Einfühlungsvermögen unterlag einer Schätzung. Nach der viertelstündigen Begegnung füllte die Simulantin einen Evaluationsbogen über die Performances der angehenden Ärzt:innen aus.

Gemeinsam mit Kolleg:innen erfüllte/erfühlte Jamison Funktionen in einer „demographischen Menagerie: Da (gab) es die Sportskanone mit dem Kreuzbandriss und den Manager mit dem Koksproblem. Die Tripper-Oma (hatte) gerade ihren Ehemann betrogen, mit dem sie seit vierzig Jahren verheiratet (war)“.

Die Darsteller:innen verfügten über eine eigene Druckkammer im Krankenhaus; einen Raum, um Dampf abzulassen.

Am liebsten bewies Jamison ihr Mimikry-Talent in der Rolle einer „Dreiundzwanzigjährigen, die an einer sogenannten Konversionsstörungleidet. Die Trauer über den Tod ihres Bruders äußert sich bei (Stephanie Phillips) in Krampfanfällen.“

Soziale Lähmung

Laut Skript weiß Stephanie nicht, woher die Zuckungen kommen. Jede Verbindung zwischen ihrer Trauer und körperlichen Reaktionen erscheint ihr abwegig. Die Anfälle und den Verlust kriegt Stephanie nicht zusammen.

Bei einer ausufernden Party war der Bruder betrunken ertrunken. Bruder und Schwester hatten einen gemeinsamen Nebenverdienstarbeitgeber. Inzwischen geht Stephanie gar keiner Beschäftigung mehr nach. Ihr fehlt selbst die flachste Reflexionsebene. Deshalb versteht sie nicht, wie weitreichend ihre soziale Lähmung ist.

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Addiction Drive

Je trostloser die Lage, desto grandioser die Erklärungen

Endlich entdeckt Leslie Jamison die Banalität der Sucht. Als Gewährsmann wählt sie Charles Jackson, dessen Roman Das verlorene Wochenende die Totaltristesse einer Trinkerexistenz auf ihre erbärmlichen Punkte bringt. Jackson „verweigerte sich der Vorstellung vom Trinken als einer Pforte ins Reich der Metaphysik”. Der Addiction Drive seines Helden ist „traurig, armselig und repetitiv”.

„In der Wissenschaft wird Sucht beschrieben als Dysregulierung der Neurotransmitterfunktionen im mesolimbischen Dopaminsystem.“

„Sucht ist eine pathologische Usurpation der Überlebensinstinkte.“

*

Die Alkoholikerin im Flecktarn der vorsorgenden Gastgeberin

„Während meiner mundtrockenen Vormittage in Nicaragua kam ich Kater auf Kater schließlich mit etwas in meinem Inneren in Berührung, etwas, was nicht stimmte, etwas, was ungeschützt, schweißfleckig, schlampig war.“

Jamison belügt Verkäufer:innen, um vor ihnen nicht als Alkoholikerin dazustehen. Sie geriert sich als vorsorgende Gastgeberin, die sich mit Weißwein für ein großes Abendessen eindeckt. Mit solchen Manövern erweitert sie ihr Repertoire des Selbstbetrugs in „New Haven ... (einer) grauen, widersprüchlichen Stadt voll mit Sozialbauten ... viktorianischen Häuschen ... neogotischen Studierendenwohnheimen und eindrucksvollen, im ... brutalistischen Stil erbauten Hochhäusern“.

Jahre später interviewt sie eine Ärztin, die Sucht als „Verengung des Repertoires“ beschreibt, während die Schriftstellerin Alkohol als Bedingung von etwas Unerschöpflichem erlebt. Der Rausch gehört zu ihren Liebesgeschichten so wie zu den Geschichten, die sie schreibt. Was zählt, hängt mit Drogen zusammen.

„Wie die den Rhythmus klatschenden Hände einsetzten: There isn’t much I feel I need, a solid soul and the blood I bleed. Eines Nachts tanzten wir in einer Spelunke im Stadtzentrum auf dem Tresen, die Jukebox schepperte, und wir traten zwischen die Gläser mit den bierschaumverkrusteten Rändern. An einem anderen Abend rauchten wir Haschisch.“

Die richtige Hautfarbe

„Meine Haut hat die richtige Farbe, um mir den Rausch zu erlauben.“

Die Gleichsetzung von Devianz und Delinquenz führt im Kontext der Sucht in die Quellgebiete des Rassismus. Zwei Narrative existieren vollkommen unverbunden nebeneinander. Das Schwarze Äquivalent zur Sucht ist die (vermutete) Kriminalität. Die Gefängnisse sind voll mit Leuten, die zu ihrem Nachteil heftig auf Verhalten reagiert haben, dem Leslie Jamison nie ausgesetzt war. Sie selbst weist auf die Differenz hin.

Sie nannten es War on Drugs, aber es war ein Krieg gegen Schwarze

„John Ehrlichman, damals Nixons Chefberater für innere Angelegenheiten, (brachte es auf den Punkt): 'Wussten wir, dass wir über die Drogen gelogen haben? Natürlich wussten wir das!' (Ehrlichman) sagte, die Nixon-Administration habe es schließlich nicht verbieten können, schwarz zu sein, aber sie habe die Schwarzen mit Heroin in Verbindung bringen können: 'Wir konnten ihre Anführer verhaften, ihre Wohnungen durchsuchen, ihre Versammlungen beenden und sie so Abend für Abend in den Nachrichten verunglimpfen'.“

*

Im Präsens des aktiven Suchtgeschehens; Iowa um die Jahrtausendwende. Leslie Jamison studiert Kreatives Schreiben und lässt sich ständig volllaufen.

Nie hält ein Polizist sie an, obwohl sie oft betrunken Auto fährt.

„Meine Haut hat die richtige Farbe, um mir den Rausch zu erlauben. Im Kontext der Abhängigkeit lässt sich der abstrakte BegriffPrivilegiertheitletztlich auf die Frage herunterbrechen, welche Art von Geschichte über deinen Körper erzählt wird: Muss ein Unheil von dir abgewendet werden – oder muss verhindert werden, dass du Unheil anrichtest?“

Die politische Dimension des Leidens

Jamison versteht, dass ihre „Beziehung zum eigenen Leiden, eine Beziehung, die sich zutiefst privat anfühlte, eigentlich überhaupt nicht privat war. Der Ursprung (des) Leidens war Narrativen geschuldet, die es einem weißen Mädchen sehr leichtmachen, zu leiden und Schmerz zu empfinden: Narrativen, in denen sein Schmerz interessant zu sein scheint.“

Leser:innen, die sich in Jamison County auskennen, stoßen auf wiederkehrende Motive. Da ist die im Sterben liegende Großmutter, in deren „lichtdurchflutetem“ Haus die Enkelin zu ihrer ersten großen Niederschrift ansetzt.

Das Haus steht auf einer kalifornischen Kuppe, die Debütantin bewohnt „ein kahles Zimmer ohne nennenswertes Mobiliar“. Sie rühmt den Stoizismus der Großmutter. Das Sepia-Setting der Romanproduktion erfüllt alle Bedingungen der amerikanischen Romantik, der Beat Prosa/Poesie um Kerouac und Ginsberg.

Die Banalität der Sucht

Endlich entdeckt Jamison die Banalität der Sucht. Als Gewährsmann wählt sie Charles Jackson, dessen RomanDas verlorene Wochenendedie Totaltristesse einer Trinkerexistenz auf ihre erbärmlichen Punkte bringt. Jackson „verweigerte sich der Vorstellung vom Trinken als einer Pforte ins Reich der Metaphysik”. Der Addiction Driveseines Helden ist „traurig, armselig und repetitiv”.

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Aus der Ankündigung des Dörlemann Verlags

„Manhattan 1936, East Side. Don Birnam trinkt. Und der Schriftsteller hat längst jenen Punkt erreicht, an dem »ein Drink zu viel ist und hundert nicht genügen«. Seit dem letzten Absturz kaum wieder auf den Beinen, widersetzt er sich erfolgreich allen Versuchen seines Bruders Wick, ihn zu einem langen Wochenende auf dem Land zu überreden, und bleibt fünf Tage in der gemeinsamen Wohnung allein. Dort nimmt das Schicksal seinen Lauf: Don trinkt, beschafft sich Geld, verliert es, besorgt sich neues, landet auf der Alkoholstation, trinkt weiter. Schwankend zwischen Euphorie und Verzweiflung, Selbsterkenntnis und Selbsttäuschung, Inspiration und Panik, glasklarem Denken und tiefer Umnachtung, fällt Don zunehmend ins Delirium.”

Sozialer Übersetzungsfehler

„Verworrenheit und harsche Brüche“ als dominanzgesellschaftliche Abweichungsmittelmäßigkeiten

Leslie Jamison zeigt, wie konventionell-schäbig die Devianz saufender Schriftsteller:innen tatsächlich ist. Ich gendere fröhlich vor mich hin. Jamison macht das nicht. Sie bricht die Differenz zwischen männlichem und weiblichen Alkoholismus aus der Verpackung einer geschlechtergerechten Sprache. Lesen Sie selbst. Die alkoholkranke Autorin erwartet keine Akzeptanz. Sie gilt als gescheitert - und zwar im familiären Bereich. Die unzulässige Gleichschaltung erfolgt automatisch.

Arbeitsmittel Alkohol

Ich mache da jetzt nicht weiter. Noch glaubt die studierende Jamison, dass „der Alkohol ihr die Augen öffnet“. Sie sammelt die (auf dem Campus biblisch begriffenen) Geschichten berühmter Vorgänger:innen. Sie destilliert das stereotype Element der Rezeption: Der alkoholkranke Schriftsteller verausgabt sich an der Literatur, leidet und gewinnt trinkend die Luzidität des weißen Rauschs (nach Jack London). Er verlässt die Frau, mit der er als Studierender eine Familie gegründet hat, das heißt, er verlässt die Frau und die Kinder, und gründet mit einer aktuell Studierenden seine nächste Familie.

Ich versuche das weibliche Gegenstück zu erfassen. Es gelingt mir nicht; als würde eine alkoholkranke Autorin einfach vom Radar der zuständigen Agenturen verschwinden.

John Cheeverfantasierte davon, genauso zu sterben wieJohn Berryman; Berryman stellte sich vor, in die torkelnden Fußstapfen von Poe, Crane und Baudelaire zu treten.“Denis Johnsongab an, während seiner Zeit in Iowa nurMalcolm LowrysTrinkerdramaUnter dem Vulkangelesen zu haben. Die Autoren übertrieben beinah ihre Abhängigkeit. Betonten Sie so eine Form der Zugehörigkeit?

Zweifellos wurde die Sucht als Qualitätsmarke und Stammeszeichen verstanden. Man musste sich gegenseitig nichts vormachen. Die Studierenden ließen sich zum Trinken animieren. Stellen Sie sich das heute vor. Ein Dozent, der Studierende zum Trinken verleitet, wird seine Stelle kaum behalten.

Tresengrandiosität

„Sollte John Berryman das tatsächlich geglaubt haben – dass das Trinken ihm dabei half, die fatale Intensität seiner eigenen poetisch visionären Kraft auszuhalten?“

Die Personalisierung von Absturzgeschichten mündet in aberwitzigen Redunanzen und witzlosen Zuordnungen. „Verworrenheit und harsche Brüche“ lassen sich in jedem Fall feststellen. Der eine kommt aus Connecticut, ein anderer aus Louisiana. Sobald die Kandidat:innen den Campus von Iowa City erreicht haben, gehen sie dazu über, die familienferne Freiheit im Verein mit dem Reputationsgewinn als Verlängerung der Kneipenkreditlinie zu erleben. Das ist ein sozialer Übersetzungsfehler.

Jamison verdient aufmerksame Leser:innen auch deshalb, weil es ihr gelingt, den puritanischen Urschlick und Mutterboden freizulegen. Sie gräbt so tief, dass man ganz einfach versteht, wie konventionell diese amerikanische Avantgarde bleiben muss; da sie ein Produkt der weißen Mittelklasse ist, das von den Pilgrim Parents vorgebetet wurde. Der Suff und das Schreiben sind im Iowa'er Kontext dominanzgesellschaftliche Abweichungsmittelmäßigkeiten. Und so stößt man jemanden auch auf eine Weise vor den Kopf, die alleNimby-Bedingungen erfüllt. Die Barrymans und Carvers können sich gar nicht so daneben benehmen, dass ihr Verhalten sie ausschließt. Sie bleiben nicht nur im Rahmen, sie reüssieren sogar als Vorbilder.

Sie stiften Legenden. Sie beweisen mit ihrer Extrawurstigkeit, wie daheim sie im Haus des Homo Faber sind, als Ingenieure der Selbstzerstörung und der Sprache. Sie kommen nach Hause, wenn der nüchterne Nachbar seinen Morgenlauf absolviert. Jeder ist froh, nicht in der Haut des anderen zu stecken. Das ist auch ein Irrtum. Man steckt in einer Haut und kommt nicht raus.

Denken Sie an die ketterauchenden Rationalist:innen vergangener Tage. Das waren staubnüchterne Selbstmörder:innen, die sich selbst für absolut mitteschnittig hielten. Heute würde jede(r) schreien, wie krank ist das denn. Vor dreißig Jahren waren das die maßgeblich Gesündesten weit und breit.

Tresengrandiosität

In Iowa City treibt Leslie Jamison ihre eigeneRecherche du temps perduvoran. Auf ihrerVoyage au bout de la nuitpassiert die mit Burroughs im Gepäck alsInvisible WomanReisende die Atolle, an deren Gestaden berühmte Vorgänger:innen episch strandeten. Ich trete das so pompös und mythenschwül breit wie Jamison selbst, obwohl ich weiß, dass im Dunstkreis der Iowa State University zu Beginn des Jahrtausends eine extrem schüchterne, von Peinlichkeitsallergien gezeichnete Debütantin mit Harvard-Meriten in die Arena trat, um in den Fußstapfen von Dinosauriern der allertrivialsten Tresengrandiosität entgegenzustreben.

Die junge Frau „fühlt (sich) hingezogen zu eben jenen verstörten Funken eines charismatischen Chaos“ in einer kanonisierten, historisch extrem gut gesicherten Sphäre akademischer Verwilderung. Jamison bemüht Susan Sontag, die neben anderen bemerkte, dass das bürgerliche 19. Jahrhundert „Krankheiten zum inneren Dekor des Körpers“ zählte, Gesundheit hingegen für „banal“ hielt.

Die berühmten Vorgänger:innen schwelgen (im Pathos ihrer ewigen Bedeutungsgegenwärtigkeit) in Begründungsräuschen. Der Suff ist ihnen heilig im Jetzt der verdunsteten Jahrzehnte. Jamison sucht nach Geniezeichen bei den Epigonen aus der eigenen Kohorte. Sie stört es nicht, als Trophäe wahrgenommen zu werden. Im Gegenteil, Jamison erlebt das erotische Interesse der Kommilitonen als Aufwertung, nach einer Mauerblumenjugend.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber meines Erachtens stapelt Jamison mitunter so tief, dass man ihr als älterer Mensch gar nicht mehr in die Degradierungskeller nachsteigen will. Für mich riecht der ganze LJ-Braten nach einer total effektiven Verwertung bis zum schäbigsten Kneipen-Beifang. Jamison ist produktiv bis zum Anschlag. Sie jobbt als Patientinnendarstellerin und wumms, schon macht sich daraus einBuch. Sie haut sich fünf Wodka Tonic in einer Studierendenspelunke rein und rauscht dramatisch auf in einem imaginären Defilee mit den Großmeister:innen ihrer Zunft.

Wenn der ewig blaue Depp von nebenan als ISU-Dozent aufdreht

Jamison unterschlägt den Reiz der Konstellation. Aus ihrer Isolation gesprengte, hoch heikle Schreibidiot:innen geraten als Vorturner:innen von Kreativschreiber:innen in einen Sog individueller Bewunderung und offizieller Wertschätzung. Unter ihren Jünger:innen sind immer welche, die ihre Körper ins Spiel bringen. Die Begünstigten revanchieren sich mit Verstiegenheiten und die kursieren dann als letzte Wahrheiten. In Wahrheit sind das freibierbasierte Brunstlappenbinsen.

Weißer Rausch/Scharfe Nachtbilder

In manchen Romanen vollzieht sich das Tagesgeschäft in der Unschärfe eines verkaterten und sonnenbrillendunklen Blicks; während Nachtbilder gestochen scharf erscheinen. Leslie Jamison erzählt ihre Geschichte einer Genesung mit großer Sympathie für das schwarze Suff-Setting. Nach einer Faustregel von Jack London unterscheidet sie hellsichtige von schwachsinnigen Trinker:innen. Sie beschreibt die Saufhöhlen- und Räucherkammeratmosphäre im universitären Geltungsbereich. Jenseits der akademischen Demarkationslinie beobachtet die Autorin im Kontext der Sucht ganz andere Szenen; wenn auch alle Akteure vor der selben Postkartenkulisse ihre Krankheit verleugnen. Alle sehen Maisfelder bis zum Horizont. Doch die Landwirt:innen und Armeeveteran:innen machen sich nicht gemein mit dem Exaltierten, die sich von Halluzinationen illuminiert wähnen, und den Budikenzauber fetischisieren.

Die Dozent:innen sagen: Keine Kultur ohne Rausch. Die Rancher:innen halten halsstarrig dagegen.

„Für sie (ist) der Rausch kein mythischer Brennstoff, sondern eine tägliche, betäubende Entlastung.“

Sie leben in ihren eigenen Trugburgen. Immerhin können sie darin nicht Opfer der Verstiegenheit werden, „die fatale Intensität (der) eigenen poetisch visionären Kraft“ mit Alkohol gegen größere Gefahren zu versichern.

Lieber ein Schwein schlachten als ein Buch lesen, sagte man in meiner Kindheit zur Abwehr von Intellektualität.

Ein einsamer Tod beendet ein geselliges Leben

Seine überbordende, breit dokumentierte Hilfsbereitschaft erklärte der Schriftsteller Andre Dubus mit einer katholischen Prägung.

Geboren 1936 in Lake Charles, Louisiana, wächst Dubus unter Schwestern auf, die Baton Rouge und Lafayette heißen. Er absolviert die Christian Brothers’ Cathedral High School und studiert am McNeese State College. Dubus verkörpert den Typus (die amerikanische Figur) des professionellen Lebensretters, wenn auch nicht im Baywatch-Surfer- oder Bodyguard-Style. Dubus zählt zu jenen muskulösen Christen, die zu den Marines gehen und im Glauben unter Druck immer fester werden. Er verlässt die Armee als (mit Patricia Lowe) verheirateter Hauptmann. So erwachsen nimmt er ein Zweitstudium an der Iowa State University auf. Ich überspringe einiges, um gleich darauf zurückzukommen.

Dubus, inzwischen ein Autor “of some distinction”, geschiedener Vater von vier Kindern, Dozent am Bradford College in Massachusetts, und Partner einer Studentin, beginnt “a rocky hand-to-mouth existence that would take (him) from one run-down former mill town to another along ... (the) Merrimack River“.

Eines Tages wird er als helfender Zeuge eines Unfalls von einem Auto erfasst und irreversibel verletzt. Schließlich stirbt er einsam am Herzschlag.

Die Autorin überliefert einen von Dubus studentischen Empathie-Exzessen im trüben Licht einer Kneipe namens „Airliner“, siehe “Oldest bar in Iowa City. Welcome to The Airliner, where our famous pizza has kept us an Iowa City hotspot for over 7 decades. Our passion is quality products:“

„Als Richard Yates mal wieder eine schwere Zeit durchmachte, bot ihm sein Student Andre Dubus an, ihm seine Frau auszuborgen.“

Kleine Kneipenkunde/Cash only

Mit spürbarem Genuss veröffentlicht Jamison ihre Kneipenkenntnisse. Im Deadwood kommt (in der Keimzeit eines neuen Jahrtausends) die Angry Hour noch vor der Happy Hour und lockt mit sturzbachartigen Preisnachlässen.

Aus den Kommentarspalten

“The Deadwood is a dive bar through and through. The carpets aren't new, the bartenders don't put up with attitude, and it's cash only.”

Ich muss wieder darauf hinweisen, dass die Autorin ihre Geschichte einer Genesung einigermaßen freihändig erzählt. So behauptet Jamison, sie sei nirgendwo anders als an der Iowa State angenommen worden. Wikipedia weiß es besser: „... studierte an der Harvard University, besuchte den Iowa Writers’ Workshop und promoviert seit 2016 an der Yale University.“

Drink & Drive Community

„Wir zwei haben zusammen nichts anderes getan, als zu trinken.“

Diese Essenz einer Freundschaft charakterisiert das Verhältnis von Raymond Carver & John Cheever in Iowa.

“When we were teaching in the Iowa Writers’ Workshop in the fall semester of 1973, he and I did nothing but drink … We made trips to a liquor store twice a week in my car.” RC, Quelle

JOHN CHEEVER AND RAYMOND CARVER AT THE IOWA HOUSE

Bei Jamison heißt es „Zu Hause hatte (Cheever) seine Flaschen unter dem Autositz versteckt und seinen Eistee mit Gin versetzt. In Iowa musste er keine Fassade mehr wahren. Carver fuhr ihn jeden Morgen zum Getränkemarkt – der öffnete um neun, also fuhren sie um Viertel vor neun los –, und Cheever machte die Autotür schon auf, bevor der Wagen gänzlich zum Stehen gekommen war.“

Jamison beansprucht eine künstlerische Freiheit, die den Leser dazu zwingt, sich auf Rückstöße der Narration gefasst zu machen. Das erzählende Ich ist einmal wieder nicht identisch mit der trockenen Autorin. Jamison extrahiert Hörensagen und universitäre Memorabilia. In Carvers Erinnerung öffnet der Schnapsladen um zehn, und zwei Mal pro Woche ist nicht jeden Tag.

Die Zitate noch einmal zum direkten Vergleich:

Raymond Carver: “When we were teaching in the Iowa Writers’ Workshop ... he and I did nothing but drink … We made trips to a liquor store twice a week in my car ... But the store didn’t open until 10:00 a.m ... (One) morning, John got out of the car before I could get it properly parked.”

Leslie Jamison: „Carver fuhr (Cheever) jeden Morgen zum Getränkemarkt – der öffnete um neun, also fuhren sie um Viertel vor neun los –, und Cheever machte die Autotür schon auf, bevor der Wagen gänzlich zum Stehen gekommen war.“

Bei der Gelegenheit möchte ich anmerken, wie reizend ich immer schon den Standard-Abriss des Cheever’schen Universums finde.

„In satirischer Form warf er einen Blick hinter die Fassade der (in white suburbia) zur Schau gestellten Wohlanständigkeit und zeigte, dass sich hinter den kurzgeschorenen Rasenflächen, den immergleichen Vorgärten und Häusern eine gewaltige Leere auftat, die mit Alkohol, Partnertausch und Intoleranz gegenüber allem Fremden gefüllt wurde.“ Wikipedia

Das ist (nicht ganz) der amerikanische Achternbusch (aus dem Gedächtnis): „Die Gegend hier hat mich kaputt gemacht. Jetzt bleibe ich so lange hier, bis man der Gegend etwas davon anmerkt.“

Historische Abstürze

„Man kann wissen, wie man siegt, ohne fähig zu sein, es zu tun.“ Sunzi

Leslie Jamison liebt verwegene Vergleiche. Glühwürmer auf einem Gartenfest lassen sie an „Blicke eines schüchternen Gottes“ denken. Weiße Hosenbeine leuchten „wie Scheinwerfer in der Dunkelheit“.

LJ studiert an der Universität von Iowa. Unter den Laufwegen des akademischen Parcours fließen wie „unterirdische Wasseradern“ Eskapadenerinnerungsrinnsale.

Suffschoten und Liquorlegenden werden zu Initiationstexten hochgejazzt. Die Debütantin memoriert Überlieferungen „alkoholbedingten Fehlverhaltens … (in) traumhaften Mythen ... Raymond Carver und John Cheever, wie sie in den frühesten Morgenstunden mit quietschenden Reifen auf Supermarktparkplätze (fahren), um ihre Alkoholvorräte aufzufüllen; John Berryman, der in der Dubuque Street anschreiben lässt“.

Leslie Jamison, „Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“, aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, 18.-

„Homer aus der Gosse“

“I fear those big words, Stephen said, which make us so unhappy.” James Joyce

Man vergisst leicht, wie Suff riecht und schmeckt. Seine natürliche Umgebung, die Kneipe, bleibt als Umschlagplatz von Ausdünstungen unschlagbar. Selbstverständlich wird überall geraucht. Die Kombination von Alkohol und Nikotin geht beim Austausch von Körperflüssigkeiten in eine furchtbare Verlängerung. Da riecht garantiert nichts besser als die vergessene Socke in der nie geputzten Ecke einer Umkleidekabine.

Die Autorin hört nicht auf, ein romantisches Bild von der saufenden Schriftstellerin zu zeichnen. Außerhalb ihrer Blase würde sie von jederfrau einer nüchternen Kritik ausgesetzt. In der Blase stolpert sie mit Denis Johnson* „in jene Schlucht … in der die gescheiterten Götter sich betrinken“.

Einst beschrieb der Spiegel Johnson als „großkotzigen Homer aus der Gosse“.

*„Er selbst sagte, unter anderem habe er Angst gehabt, keine Texte mehr schreiben zu können, wenn er einen langweiligen und nüchternen Lebensstil gehabt hätte.“ Wikipedia

Narrative Flaute*

*„Wenn Suchtgeschichten sich von der Dunkelheit nähren, von der hypnotisierenden Spirale einer fortgesetzten, sich ausweitenden Krise, dann erscheint die Genesung oft als narrative Flaute, als glanzloses Territorium des Wohlergehens.“

*

Iowa Apartments Near Campus – So heißt eine Agentur, die den Wohnraum für Studierende in Downtown Iowa City makelt. Da landet die Kalifornierin Leslie Jamison in der Dodge -, Ecke Burlington Street. Sie ist einundzwanzig und von jetzt auf gleich ständiger Gast auf den Gartenfesten der Nachbarschaft. Die akademischen Zerstreuungen folgen einem schlichten Schema mit Leuchtgirlanden, Glühwürmern, Grillgut, Stechmücken und „Einmachgläser voller Rotwein“.

„Ich war hier, um am Iowa Writers’ Workshop meinen Master in Kreativem Schreiben zu machen, einem Studiengang, der vor Geschichtsträchtigkeit nur so strotzte. Ich hatte den Eindruck, als verlangte der Studiengang in einem fort Beweise, dass man es verdient hatte, hier zu sein.“

Jamison bewegt sich in einem Milieu, das täglichen Alkoholkonsum als Normalität im Rahmen einer aufgeschlossenen Gemütlichkeit erscheinen lässt.

Nachts treibt die angehende Schriftstellerin Unruhe auf die Straße. „Ich (fuhr) raus aus der Stadt, vierzig Meilen auf der Interstate 80 nach Osten, zur größten Lkw-Raststätte der Welt“.

„IOWA 80 - der größte Truckstop der Welt - Nach seinem Ausbau 1996, der etwa 3,5 Millionen Dollar kostete, ist der Iowa 80 auch offiziell der größte Truckstop der Erde und allein schon aus diesem Grund ein Paradies für Trucker.“ Quelle

Jamison lässt ihre Rauschzeit aufleben. Vor einer Kulisse aus Campus und Maisfeld kokst sie zum ersten Mal in der Gesellschaft eines Kommilitonen, dessen Interesse ihr interessant genug erscheint.

„Eigentlich waren es ja immer die anderen, die wahrgenommen wurden, die Felicitys dieser Welt, aber jetzt legte dieser Typ hier Blood on the Tracks auf.“

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Rituelle Überschreitung

Mit fünfzehn trinkt sie zum ersten Mal heimlich. Die Überschreitung vollzieht sich beinah rituell in einer Gemeinschaft Gleichaltriger. Die Heranwachsenden formieren sich zu einer Geheimgesellschaft im Schutz eines Elternhauses. Abwesende garantieren die Abschirmung, während alle Anwesenden nicht wissen, wohin die Reise geht.

In dem Verstoß steckt ein Vorstoß. Die Autorin schildert die Begleitumstände einer Unvermeidlichkeit. Die Jugendlichen trinken, was die Bestände hergeben, und so auch den „Chardonnay, der zwischen Orangensaft und Mayonnaise im Kühlschrank“ steht.

Perfekte Punkte

Fortan liegen Drogen nah. Ihre besitzergreifende Wirkung kommt nicht im Bewusstsein der Gefährdeten an. Die Sachen sind einfach nur in ihrer Reichweite. Eine Konfrontation mit der richtigen Reihenfolge, nach der sie in die Reichweite und in den Sog von Suchtstoffen geraten ist, käme ihr wie eine Verkehrung der Realität vor. Als die Pubertierende zum ersten Mal dem Begehren eines Jungen einen Finger reicht, ist Alkohol im Spiel. Der erste feste Freund „schießt sich gern ab“. Den Point of no Return überschreitet Jamison vollkommen arglos:

„Vielleicht hat der Beginn meines Trinkens auch weniger mit konkreten Momenten zu tun als mit dem Einschleifen von Verhaltensmustern – dem täglichen Trinken. Das begann in Iowa City“.

Die Autorin erreicht in den Zirkeln der lokalen Avantgarde „perfekte Punkte“ erst zwischen dem zweiten und dritten, dann zwischen dem dritten und fünften Wodka Tonic. Auf der Ziellinie „leuchtet (das) Leben von innen“.

Redundanz versus Originalität

Es ist gewiss auch für (wie mit der Brechstange) brutal Belehrte schwer, sich den suggestiven Wirkungen dieser Erinnerungen zu entziehen. Die meisten Alkoholiker:innen in meinen Fächern haben als Aktivsüchtige Meister:innenwerke der in mehr als einer Hinsicht ertrunkenen Literatur gelesen, ohne selbst die Flasche abzusetzen. Ich nenne Malcolm Lowrys „Unter dem Vulkan“. Der Roman schmeckt wie Tequila.

Das Fest des Lebens besteht für süchtige Schriftsteller:innen darin, Trinken, Schreiben und Lesen zu können so viel sie wollen/müssen.

Auf die Reihenfolge kommt es an.

„Von außen betrachtet mag das Trinken als willentliche Selbstzerstörung erscheinen – für (Alkoholiker:innen) ist es so unausweichlich wie der nächste Atemzug“, schreibt Jamison in einer Vorbemerkung.

Der Satz hat es in sich.

Die Brüder Grimm verwahrten sich gegen modische Originalität. Sie wollten die treue Überlieferung, die in der mündlichen Wieder- und Weitergabe den narrativen Kern im traditionellen Kleid transportierte. Märchenerzähler:innen legten ihren Stolz dahinein, feststehende Formulierungen variantenfrei (vulgo fehlerfrei) zu repetieren.

Der Text war Allgemeingut so wie die liturgische Liedlyrik.

In den Kreisen der Anonymen Alkoholiker:innen ächtet man die Eloquenz zugunsten der braven Einsicht, als Alkoholiker:in nichts Besonderes zu sein; keine besondere Geschichte zu haben. Das meldet jedenfalls Jamison.

Aus der Ankündigung

Manchem Künstler, von Raymond Carver über Billie Holiday und David Foster Wallace bis Amy Winehouse, erschien (Alkohol) gar ein Quell der Inspiration. Und auch Leslie Jamison trank, weil sie ihre Mängel verbergen und um jeden Preis besonders sein wollte. Doch dann war das Ausmaß der Selbstzerstörung so groß, dass sie sich Hilfe suchen musste. Und sie erkannte, dass sie erst genesen würde, wenn sie nicht mehr auf ihrer Originalität beharrte.

Mitreißend erzählt Leslie Jamison von ihrer Abhängigkeit und dem harten Weg hinaus. Davon, dass die Loslösung vom Alkohol bedeutet, sein Bild von der Welt und von sich selbst radikal zu hinterfragen und zu verändern. Die Klarheitist eine persönliche und kollektive Geschichte des Trinkens und des nüchternen Lebens – klug, bewegend aufrichtig und von unverhoffter Schönheit.

Zur Autorin

Leslie Jamison, 1983 geboren, wuchs in Los Angeles auf, studierte in Harvard und promovierte in Yale. 2010 erschien ihr Roman The Gin Closet. Jamison ist die Autorin von Die Empathie-Tests, einem der meistdiskutierten Bücher 2015. Sie lehrt an der Columbia University und lebt mit ihrer Familie in New York.

Kettenraucher:innen hinter Maschendrahtzäunen

„In Paradise Lost sieht man eine Menge Highways. Man sieht deswegen so viele Highways, weil West Memphis sehr viele Highways hat. Die Stadt liegt da, wo sich zwei der größten Fernstraßen des Landes – die Interstate 55 und die Interstate 40 – am Mississippi kreuzen.“

„Das verlorene Paradies – Die Kindermorde in Robin Hood Hills“

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Die Autorin bemerkt auf dem Schauplatz ihrer Recherche „viele Menschen mit schiefen Zähnen. Nur die Zähne von (Rechtsanwält:innen und Polizeibeamt:innen) sind hier gerade“. Die Beobachtung sagt auch etwas über den von Jamison persönlich überblickten Zeitraum aus. Das Amerika ihrer Kindheit und Jugend zog den weißen Limes der Zahnkosmetik über die Demarkationslinien der High Society hinaus. Der Kronenkult kennzeichnete nun auch die Mittelschicht markanter als jede Automarke. Bleaching entsprach auf diesem Feld einer neuen Norm. Deshalb fallen der anspruchsvoll aufgewachsenen, mit den Standardmerkmalen ihrer Klasse ausgestatteten Jamison schiefe Zähne sofort als Armutsmerkmal auf. Wäre sie älter, könnte sie sich vielleicht daran erinnern, dass viele zeitgeschichtlich relevante Persönlichkeiten des XX. Jahrhunderts weniger makellose Zähne hatten als heute die meisten Establishmentakteure.

Armut, Jamison spricht von „white trash“, definiert Opfer und Täter in einem sadistisch-satanistisch gedeuteten Mordfall. In den Täterrollen agieren auf einer brüchigen Basis vorgeführte, achtzehn Jahre nach der Verurteilung eher halbherzig rehabilitierte und freigelassene Personen, die zum Verhaftungszeitpunkt Jugendliche waren. Die Leichen ihrer vermeintlichen Opfer fand man in einem Forst namens Robin Hood Hills, einem Höhepunkt des West Memphis Three Trial*.

*“On a warm sunny May day 1993 three eight-year-old boys set off on a bike ride around their hometown of West Memphis, Arkansas.” Quelle

Man ahnt Versäumnisse der Zivilgesellschaft und das Versagen des Rechtsstaats. Beschuldigt wurden Damien Echols, Jason Baldwin und Jessie Misskelley. Jamison befasst sich zumal mit Damien Echols, der für sich erstaunliche Lösungen fand und in keiner Resilienzstudie übergangen werden sollte. Er entdeckte die große Freiheit in sich, während er im Todestrakt seiner Hinrichtung entgegen atmete, bis das Urteil abgewandelt wurde.

Die Unterwanderung der Wirklichkeit

„Wenn alle Gründe dagegen sprechen, und man es trotzdem durchzieht - das sind die Erfahrungen, von denen wir später erzählen.“ Charlie Engle, Spiegel Online am 30.04.2018, 08.55 Uhr

„Mark Jefferson behauptet, dass Sentimentalität eine Frage der Entscheidung sei. Seiner Theorie nach wählen Menschen die verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit, um in Reaktion darauf etwas zu empfinden. Er beschreibt Sentimentalität als spezifische Ausprägung einer vererbten Verzerrung, einer Fiktion der Unschuld.“

Die Unterwanderung der Wirklichkeit verlangt nach dem Komplementär „der Boshaftigkeit“. Aus gefühlslasch und gemein entsteht „vulgäre Antipathie“. Leslie Jamison addiert die Positionen und ihre anayltischen Klimaxe so, dass sie wie Laborresultate im Umkreis von Experimenten mit Pilzkulturen erscheinen. Sie fürchtet die „überspannten Gesten … (und) gebrochenen Versprechen“ der Sentimentalen.

Doch was widerfährt uns, wenn wir Sentimentalität abweisen? Jamison zählt auf: „Ermattung, Ironie, Kühle.“ Wieder scheint das Schlechte gleich gut verteilt. Wer es darauf anlegt, kann alles Mögliche im „sentimentalen Zyklus“ wiederfinden: Schuldgenuss, die stumpfe Vermählung mit dem Tragischen, die Flucht in „verflüssigte oder eingefrorene Ersatzgefühle“.

*

Im nächsten Erzählaugenblick installiert sich Jamison in Fayetteville (West Virginia). Der Highway 19 teilt die Stadt. Das größte Ding vor Ort ist die New River Gorge Bridge. Die Autorin bemerkt Wohlstand, mit dem sie offenbar nicht gerechnet hat.

„Es ist früh am Morgen, und ich bin auf der Suche nach Vierteldollars. Die ... (City) ist beschaulich und voller stattlicher Häuser: Bergbau-Geld wahrscheinlich. Wir befinden uns im Herzen des Kohlereviers.“

Jamison ist auf dem Weg zu Charlie Engle, einem Extremsportler, der wegen Betrugs im Gefängnis sitzt und da Marathondistanzen absolviert.

„Charlie und ich haben uns vor zwei Jahren bei einem Ultramarathon in Tennessee kennengelernt, nur wenige Monate bevor Charlie des Hypothekenbetrugs überführt und zu zwanzig Monaten … verurteilt wurde.“

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3472

und

https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3468

und

https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3466

und

https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3470

und

https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3471

Demographische Menagerie

Eine Weile jobbte Leslie Jamison als „Darstellerin von Krankheiten“. „(Medizinstudent:innen) mussten erkennen, woran sie (vorgeblich) litt.“ Nicht nur die diagnostischen Fähigkeiten wurden beurteilt. Auch das Einfühlungsvermögen unterlag einer Schätzung. Nach der viertelstündigen Begegnung füllte die Simulantin einen Evaluationsbogen über die Performances der angehenden Ärzt:innen aus.

Gemeinsam mit Kolleg:innen erfüllte/erfühlte Jamison Funktionen in einer „demographischen Menagerie: Da (gab) es die Sportskanone mit dem Kreuzbandriss und den Manager mit dem Koksproblem. Die Tripper-Oma (hatte) gerade ihren Ehemann betrogen, mit dem sie seit vierzig Jahren verheiratet (war)“.

Die Darsteller:innen verfügten über eine eigene Druckkammer im Krankenhaus; einen Raum, um Dampf abzulassen.

Am liebsten bewies Jamison ihr Mimikry-Talent in der Rolle einer „Dreiundzwanzigjährigen, die an einer sogenannten Konversionsstörung leidet. Die Trauer über den Tod ihres Bruders äußert sich bei (Stephanie Phillips) in Krampfanfällen.“

Soziale Lähmung

Laut Skript weiß Stephanie nicht, woher die Zuckungen kommen. Jede Verbindung zwischen ihrer Trauer und körperlichen Reaktionen erscheint ihr abwegig. Die Anfälle und den Verlust kriegt Stephanie nicht zusammen.

Bei einer ausufernden Party war der Bruder betrunken ertrunken. Bruder und Schwester hatten einen gemeinsamen Nebenverdienstarbeitgeber. Inzwischen geht Stephanie gar keiner Beschäftigung mehr nach. Ihr fehlt selbst die flachste Reflexionsebene. Deshalb versteht sie nicht, wie weitreichend ihre soziale Lähmung ist.

Aus der Ankündigung

In einer virtuosen Mischung aus Reportage, Kulturkritik und persönlichem Erzählen schreibt Leslie Jamison ein radikal aufrichtiges Buch über Empathie – und wird verglichen mit Susan Sontag, Joan Didion und David Foster Wallace.

Ist Empathie eine naturgegebene Qualität oder eignen wir sie uns kulturell an? Ist sie wirklich immer von Vorteil oder kann sie auch destruktiv wirken? Wo fängt Mitgefühl an, wo endet es? In ihren fesselnden wie schonungslosen Essays lotet Leslie Jamison genau diese Grenzen aus. Sie schreibt über das Verhältnis von Ärzten und Patienten, über Elendstourismus, über weiblichen Schmerz. Und sie führt ihren eigenen Körper ins Feld, beschreibt persönliche Leidenserfahrungen und beobachtet sich im Umgang mit sorgenvollen Mitmenschen.

Immer wieder stellt sie dabei die Frage, wie weit wir dabei gehen können, wie sehr wir uns in andere hineinversetzen können und weshalb sich Empathie zu dem Modephänomen unserer Zeit entwickelt hat.

Zur Autorin

Leslie Jamison, 1983 geboren, wuchs in Los Angeles auf, studierte in Harvard und promovierte in Yale. 2010 erschien ihr Roman The Gin Closet. Jamison ist die Autorin von Die Empathie-Tests, einem der meistdiskutierten Bücher 2015. Sie lehrt an der Columbia University und lebt mit ihrer Familie in New York.
17:06 05.08.2021
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