Im Schlosspark

Ausgerechnet Ali Der Teufel wollte es, dass der Typ, den ich von allen Zufallsgestalten auf meinen Wegen am wenigstens leiden konnte, bei Elke mein Vorgänger war
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Der spinnt.

Manche wussten es seit Jahrzehnten. In den Kneipen machten sie sich hinter seinem Rücken über ihn lustig, während er am Tresen mit falschem Hessisch den Einheimischen mimte. Ich kannte keinen näher, der nicht den Hau erkannt hatte, mit dem Ali durch die Welt lief.

Ali, der falsche Hesse. Eine Fehlbesetzung als Mann und Mensch.

Was für ein Affe.

Ali bildete sich ein, gediegen und gut verpackt zu sein. Er schrieb als freier freier (Mitarbeiter, im Gegensatz zum festen freien Mitarbeiter) für die Frankfurter Rundschau unendlich gedrechselte, manisch manierierte Artikel. Pomadiges und verdrehtes Zeug. Spiraligen Mist.

Ali verdrehte alles. Alle zwei Jahre verwurstete er seine FR-Feuilletons zu Prosabänden, die, das passte schon, bei Suhrkamp erschienen und Ali mit unbändigem Stolz erfüllten. Er verkaufte seine Bücher in der Kneipe, wie man das einmal mit Schwarzdrucken gemacht hatte, es war widerlich.

Er ist ein Idiot, sagten die Leute. Er weiß es nicht besser.

Vielleicht war Ali einfach nur knapp nicht behindert genug, um Anspruch auf Verwahrung zu haben. Wäre er als Bekloppter anerkannt gewesen, hätte man ihm doch alles nachgesehen. Dann hätte er sich jederzeit zu uns an einen Tisch setzen können.

Allmählich kam ich zu der Überzeugung, dass man Ali ausgesetzt hatte, um sich die Heimkosten zu sparen.

Mit der Zeit wurde es schlimmer mit ihm. Seine Selbstgefälligkeit stank zum Himmel. Er saß in der Grandiositätsfalle. Er tauchte bei Konzerten auf, ich erinnere an den Sechzigergaragenpunk der Achtziger. Die Satelliters spielten in der Galerie Fruchtig, Ali Ahnungslos schrieb die Konzertkritik. Wir klopften das lokale Feuilleton an die Küchentür, zogen einen Kreis um den Erguss und bewarfen ihn mit Pfeilen.

Manche Typen, die wir nicht leiden konnten, wurden von befreundeten Frauen in Schutz genommen, Ali nahm keine in Schutz. Er war ein Sonderfall, ständig präsent, auch körperlich mächtig und trotzdem verbannt.

Der ist ein Geist.

Das ist ein heimliches Mädchen.

Der strahlt Gosse aus.

Wie Leben geht, weiß der gar nicht.

An den Rändern meiner Freundeskreise traten Leute auf, die Ali annehmbar fanden. Keiner behauptete Freund zu sein, aber man erinnerte sich vielleicht an einen gemeinsamen Abend, der nicht ganz unerfreulich verlaufen war. Solche Außenseiter dienten mir als Informanten. Ich erfuhr: Ali führt laut Selbstgespräche und lernt sie wie ein Schauspieler seinen Text auswendig. Seine Einsichten trägt er in Sentenzen vor, gern mit Humor, der aber nicht lustig ist.

Da kommt der Versprengte.

Manche gingen dazu über, Ali nachzuäffen. Sie imitierten seinen schleifenden Gang, grunzten und griffen sich unter die Achseln, wenn sie ihn auf einer Parkbank sitzen sahen.

Ali wehrte sich mit Vorspiegelungen. Er betrieb Standfestigkeitstravestie. Er soff sich täglich durch die Gemeinde, hatte vorher aber immer Sport getrieben. Ich sah ihn im Schwimmbad, in den Parks, das mit dem Sport stimmte.

Der Idiot war fit.

Gibt es etwas Absurderes als einen wehrhaften Tropf? Wäre er wenigstens für Fußball zu interessieren gewesen. Bloß für ein paar Takte am Tresen, meine ich.

Dann kamen die Neunziger und ich kriegte mit, dass Leute bei Ali abschrieben. Leute, die ich richtig fand. Sie klauten Formulierungen und Ideen, niemand kümmerte das. Ali fing in einer Kneipe an zu arbeiten, das war mal was Neues. Wir machten die Kneipe zu unserem Stammlokal und schikanierten den Ungelernten. Mit Alis Chef bin ich zur Schule gegangen, er war immer schon ein böser Piesacker gewesen.

Ali war so einer, dem wollte man beim Selbstmord helfen.

Ende der Neunziger war Ali kein Thema mehr. Es gab ihn fast nur noch als Küchenhelfer in der Burg und wankend auf den anliegenden Strecken. So oder so erschien er als feistes Gespenst, stets unangebracht leutselig oder abwesend.

Ali legte seine Küchenhelferschürze nicht mehr ab, ich sah ihn so im Aldi in der Schlange, er stank wie der Kübel für die Schweine, mit einigen Zusatznoten. Er war nicht der einzige unserer Generation, der seine Tageslichttauglichkeit verloren hatte, aber er war garantiert der einzige Erblasste, der immer noch als öffentliche Person wahrgenommen wurde.

1999 fasste ich mir ein Herz und fragte Ali, warum ausgerechnet er, der große Taube, Konzerte besprochen hatte.

„Du hast damit allen weh getan“, sagte ich.

Die Erklärung war erschütternd. Man hatte Ali in eine Interessenkollision mit dem Literaturbetrieb hinein gejazzt, da er doch Bücher schrieb und deshalb ein Kandidat für Gefälligkeitsberichterstattung auf der Spur einer Karriere war. Erschütternd fand ich, dass man wegen Ali so um die Ecke gedacht hatte. Karriere! – Ein Idiot macht keine Karriere. Der stümpert eine Runde im Kreis, dann verschwindet er im Bierkeller, wo er weiter Blindekuh mit sich selbst spielen darf.

Sie ahnen, ich wäre so ausführlich nicht, hätte ich Ali aus den Augen verloren wie so viele Randerscheinungen im öffentlichen Raum. Der Teufel wollte es aber, dass der Typ, den ich von allen Zufallsgestalten auf meinen Wegen am wenigstens ertrug, bei Elke mein Vorgänger war.

Morgen mehr.

11:24 31.01.2016
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