Im Schlosspark I

Frankfurt am Main Unter dem letzten Fischladen des Quartiers war ein Eiskeller, der am Main endete
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Elke war bei Els-Schweizer, der Kunstbuch-Verlag residierte in der Münchner Straße auf drei Etagen. Der Verlag war das Hobby eines Erben, jeden Abend zog Els-Schweizer mit seinen Leuten um die Häuser im Bahnhofsviertel. Mittags fiel er beim „Schenk“ auf. Unter dem letzten Fischladen des Quartiers war ein Eiskeller, der am Main endete. Der Keller diente den sonderbarsten Schwärmen als Spielplatz. Ich komme darauf zurück.

Els-Schweizer war ein lärmender Langweiler, das sagte ihm keiner. Er umgab sich mit Günstlingen, kaufte alle. Ich glaube, von daher kam mein Interesse zuerst. Ich wollte wissen, ob Elke so eine war.

Sie wohnte in einer Art Teeküche auf dem Dach des Verlagshauses. Sich auf der Terrasse sonnen zu dürfen, war was. In den Liegestühlen gingen Karrieren los. An manchen Nachmittagen lag der Verlag geschlossen da wie am Strand.

Elke arbeitete Els-Schweizer zu, sie war die einzige, die sich nicht irgendwie auch als Künstlerin sah oder zumindest hauptsächlich mit Künstlern zu tun haben wollte. Sie bewahrte einen schroffen Abstand zu den Hungrigen und zu den Gierigen. Kleinen Lichtern und lieben Leuten schanzte sie Aufträge zu, manchmal sah ich, wie ihr Atem stockte.

Wir waren Nachbarn, trafen uns im Viertel. Es gab beruflichen Kontakt. Ich sah sie mit Ali, allein deshalb konnte ich mir bei ihr nichts vorstellen. Diese Verbindung blockierte. Ich fand Elke scharf, sie faszinierte mich – doch Ali untergrub meine Faszination so effektiv, dass ich kaum Kontakt zu der Faszination hatte.

Ali verrottete öffentlich. Er war geschmacklos.

Er blies sich vor Elke auf, machte auf Mann aus dem Leben. Er war ein Liebhaber der deutschen Bierstube, die nun ausstarb. In ihren letzten Vertretungen mümmelte die erste Garnitur von Neunzehnhundertsiebzig, unfassbar verwitterte und verbogene Gestalten, ich will das Thema nicht folkloristisch vertiefen.

Ali verschleppte Elke. Die letzten Löcher machten Elke Spaß. Vielleicht hatte das wenig zu bedeuten, Elke schien Spaß auf der ganzen Linie ihres Lebens zu haben.

Sie war stets dabei, Obst und Gemüse zu kaufen und die standdiensthabenden Türken mit dadaistischen, prickelnd hintersinnigen Bemerkungen hellhörig zu machen. Mit mir redete sie wie mit jedem im Quartier. Dass sie überhaupt nicht auf mich abfuhr, empfand ich wie einen Missklang. Ich glaubte, ich sei ihr zu kantig, zu strukturiert. Zu bewusst. Zu kritisch. Sie wollte gewiss keinen Mann, dem die Farbe von Küchenkacheln nicht egal ist.

Morgen mehr.

11:30 01.02.2016
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