Im Schlosspark III

Frankfurt am Main „Weißt du“, sagte Elke ernst wie ein Henker, „der Ali ist nicht so gern im Bahnhofsviertel. Das ist ihm hier zu Multikulti.“
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Frankfurt am Main 1999. Elke war mit allem schnell bei der Hand. Sie kannte keine Geduld und fand immer sofort eine Lösung. Ich gewöhnte mich daran, sie mittags zu treffen. Ich genoss es, ihr zuzusehen, wie sie sich Vorzugsbehandlung erschlich, im Grunde mit krummen Touren. So gewohnheitsmäßig wie manche einstecken, was nicht niet- und nagelfest ist. Vielleicht sogar zwanghaft. Sie taxierte Leute, schätzte ihr Gewicht, experimentierte. Elke zog alle über ihren Scanner.

Elke wirkte gerade heraus und nachgiebig. Sie war nichts weniger als das.

Sie hatte den kürzesten Weg zum Arbeitsplatz und einen im Legendären siedelnden Ausblick von der Dachterrasse des Verlagshauses. Elke trainierte im Interconti, wo die Ausgeschlafenen sich fit hielten. Sie trainierte mit den unterdreißigjährigen Millionären.

Eines Mittags, es gab Muscheln und Bier, sagte Elke: „Solche Männer wissen mit dreiunddreißig noch nicht, was Stress ist, doch mit fünfunddreißig sind sie schlagartig ausgebrannt.“

Die Zeit mit Elke war so wertvoll, dass ich lieber mit klebrigen Fingern am Tisch blieb als auf dem Klo von Elke getrennt zu sein. Man konnte nicht in Frankfurt leben, jedenfalls nicht so wie ich, und sie nicht kennen: die Smarten, die oft sehr freundlich und eher leise waren. Man sah sie morgens auf Rädern. Sie trugen Laufschuhe an den Füßen und die englischen Handarbeiten um den Hals an den Schnürbändern.

Sie trugen keine Schlüpfer, nichts Italienisches. Sie flogen, um sich ein Spiel anzusehen, nach London, sie verloren darüber abgemessene Bemerkungen, die suggerierten, dass kein Wort in der Sache verloren worden war. Sie kamen aus London, setzten sich zu Elke oder zu Sandra und nannten sie so oder so Sonnenschein. Sie führten dieses Leben mit den Junkies im Publikum bis fünfunddreißig, dann verschwanden sie von den amüsanten Bildflächen. Von einem Tag auf den nächsten waren sie abends auf dem Sprung.

Elke flirtete mit ihnen und schlief mit Ali. Sie machte ihn zum Zeugen grandioser Sonnenaufunduntergänge. Sie, die Auswärtige, zeigte ihm, dem besessenen Hessen, die große Glaswanne auf dem Dach des „Solvent“. Das „Solvent“ oszillierte zwischen Hotel, Restaurant, Bar, Club und Galerie, man musste Mitglied sein, um viel Geld da lassen zu dürfen. Für das Vergnügen, Mäuschen am Tisch der Reichen zu spielen, reichte es nicht, den Putzkolonnenführer zu kennen oder jemand von der Rezeption oder vom Sicherheitsdienst. In solchen Häusern handelten Inspektoren nicht eigenmächtig. Klärung und Kontrolle waren die Schlüsselbegriffe. Kein Barkeeper drehte nach Feierabend eine Runde im raffiniert leuchtenden Schwimmbad. Die Leute, die am Rand saßen, wollten militant unter sich bleiben. Damals kamen ihre Freundinnen aus Osteuropa, Tschechinnen waren in Mode. Die Tschechinnen hörten immer noch George Michael. Sie hatten studiert und Aura, es wäre keinem eingefallen, auch nur zu denken, was sie waren.

Elke nannte sie „Spielerinnen“ und „überteuerte Sonderangebote“.

„Sie haben die Realität für sich abgeschafft“, sagte Elke.

„Kann man in der Phantasie so leben wie in der Wirklichkeit?“ fragte ich.

„Manche können das.“

Die Bedienungsvorgänge gingen als Operetten über die Bühne, Elke zog die Beine an und meine Aufmerksamkeit darauf. Ihre Vorzüglichkeit wollte besonders von Männern wahrgenommen werden, die Elke nur die Zeit vertreiben durften.

„Bist du mit Ali schon mal verreist?“

Elke übersprang eine Abwegigkeit, wir verbrachten schon ziemlich viel Zeit miteinander. Wie war es dahin gekommen?

Mich langweilte der melancholische Gipfel, ich hatte dazu keine Melodie. Lieber spielte ich mit Elke Federball am Main. Wir sagten Strand zum Ufer, für uns lag Frankfurt am Meer. Elke sah Ali oft nicht mehr.

„Weißt du“, sagte sie mit einem abgedeckten Lachen, „der Ali ist nicht so gern im Bahnhofsviertel. Das ist ihm hier zu Multikulti.“

Ihr lacht, aber so war das. Ali sang das Hessenlied von früh bis spät. Er klagte wie ein altes Waschweib über die mehrsprachige Speisekarte im „Gemalten Haus“, wo die Japaner stets alles bestellten, was auf der Karte stand und sich kringelig lachten beim Anblick eines oder mehrerer Haspel. Der Wirt wachte streng darüber, dass das Personal die Japaner nicht mit lustigen Ansagen verprellte.

Morgen mehr.

06:05 03.02.2016
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