Im Schlosspark IV

Berlin-Pankow Die Transparenz der Farce gestattete es meiner Eifersucht nicht, vorstellig zu werden.
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Berlin-Pankow/ Schlosspark von Schönhausen im Januar 2016. Zwei weibliche Nussknacker liefern eine pantomimische Karikatur von Alis Erscheinung. Ali zählt sie zu der Frauengruppe, die ihn seit Monaten unterhält. Er gibt dem Nachmittagsprogramm Namen. Lali & Luli sind halbwegs vermummt. Wie andere Vermummte, sind sie innerlich am Weglaufen.

Ist alles eine Charakterfrage. Wer nicht weglaufen will, geht zur Polizei.

Ali wendet den Blick seiner Lektüre zu, doch erreicht ihn der Sinn nicht. Das immerhin haben Lali & Luli erreicht. Ali sieht ins Buch und erzählt sich selbst eine Geschichte. Er weiß, Lali & Luli werden bald zu einem Leben zurückkehren, das sie nicht glücklich macht. Entweder ist der Hintern zu dick oder man hat sich beim Yoga verklemmt. Die kleinen Ratten der Enttäuschung sind bei Lali & Luli gut aufgehoben.

Ali behauptet seinen Platz am Rand. Er ist ausgehärtet. Wie eine Eidechse sitzt er auf einem Stein und guckt sich an, was die Gegenseite zu bieten hat. Inzwischen schicken die Stimmenrauscher ihre Kinder und Greise, um Ali von seiner Ruhe abzuhalten.

Logisch ist das nicht, nichts Räumliches wirkt sich auf die Konfliktkoordinaten aus. Zur Abwechslung nennt Ali die Stimmenrauscher die Sinnlosen. Lali & Luli schlagen noch einen Bogen, die Weichen identifizieren die eigene Angst als fremde Aggression. Zuerst kamen sie mit der Hoffnung in den Garten: einen Dealer zu treffen; der Araber dealt, was sonst könnte er tun. Sie trafen keinen Dealer, sie kamen trotzdem wieder.

Wer sich nicht einschüchtern lässt, ist Dealer: das zu des Stimmenrauschers Scharfsinn.

Lali & Luli ziehen ab, Ali vertröstet die Teilnehmer an seinem Selbstgespräch und schlägt den Triumphweg zum Buch des Tages ein, er liest Pero Vaz de Caminhas (der Jüngere, tatsächlich ein Enkel) Ethnothriller „Morgenröte der Menschheit im Abendglanz einer Epoche“.

Eine Sturmspitze der Kolonisation Lateinamerikas formten Jesuiten. Erst entkernten sie die ursprüngliche Bevölkerung, dann bewahrten sie die Bekehrten vor den Bluthunden der „Entdecker“ in Reservaten – den Reduktionen. Die Reduktionen wurden nachts geschlossen. Es herrschte Ausgangssperre. Eine Nachtwache griff jeden auf, der sich auf der Straße blicken ließ.

Pero Vaz de Caminha: „Todeswürdige Verbrechen geschehen kaum in den Reduktionen. Die üblichen Übel kommen aus angeborener Nachlässigkeit

Der Indianer neigt zum Laster. Er ist träge bis zum Fatalismus.“

Die Überlegenheit, die Europäer in der Neuen Welt als zu ihnen gehörig entdeckten, überspannte sie. Sie gingen auf Menschenjagd und kamen davon nicht mehr los.

Ali hebt den Blick, um Lalis und Lulis Abgang zu benoten. Ali spannt seinen Discours de la méthode an les misérables.

*

Frankfurt am Main im Sommer 1999 – Ich war in Elke verliebt und mit Kunja zusammen. Die Sache mit Kunja hatte sich fast erledigt. Seit Monaten hörte ich die Nebengeräusche eines Anbahnungsspiels, der Typ hieß Frank. Ich hatte ihn zwei Mal gesehen und konnte ihn so wenig wie Ali leiden.

Ich will nicht alles gut finden. Ich lege Wert auf meine Abneigungen. Ich kaufe nichts, bloß weil es praktisch oder billig ist.

Bei mir kommt es auch auf die Farbe an. Ich habe Freundinnen in den Wahnsinn getrieben, da mir dieses und jenes an einer (uns angebotenen) Wohnung nicht gefiel, die andere mit Kusshand genommen hätten.

Ich bin so nicht. Es muss passen.

Bei Kunja stimmten die Eckdaten, sonst stimmte nichts. Sie telefonierte viel. Jeden Abend verzog sie sich an ihren Schreibtisch zu stundenlangen Konferenzen. Ich dachte noch, sie spräche mit ihrem Ex, dessen Namen ich jeden Tag auf dem Display las, oder mit ihrer Mutter, da sprach sie schon mit Frank.

Kunja kuschelte sich an ihr schlechtes Gewissen, zum Gewinn eines doppelten Vergnügens, das ich keinem Erwachsenen erklären muss, ich hatte sie bei der Abwicklung meines Vorgängers beobachtet. Nun beobachtete ich, wie sie mich abwickelte. Ich wurde zum Voyeur, ich belauerte Kunjas Schliche.

Kunja hatte Übung. Kam ich zu spät, dachte sie an Retourkutschen. So gefesselt war sie an ihre neue Leidenschaft.

Kunja hatte mich gebeten, zu ihr zu ziehen, ich lachte heimlich über das Problem, das sich daraus nun für sie ergab.

Kannste nich‘ ma‘ wieder …

Ich male Ihnen das nicht aus, ich weiß, Sie wissen Bescheid.

Kunja am Telefon: „Du, zufällig hat mich der Frank zu einem Konzert eingeladen. Es war so schön.“

Sie erwartete irgendwas mit Eifersucht, doch die Transparenz der Farce gestattete es meiner Eifersucht nicht, vorstellig zu werden.

Morgen mehr.

05:35 04.02.2016
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