Im Schlosspark V

Frankfurt/Berlin Meine Frauen waren lieber mit Männern unterwegs als mit anderen Frauen. Für mich kam keine in Betracht, die dem Bahnhofsviertel nichts abgewinnen konnte
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Berlin-Pankow/ Schlosspark von Schönhausen im Januar 2016.

„Nicht aus Habsucht und Beutegier bekriegen sie sich, denn sie besitzen und bedürfen weiter nichts“, schreibt Pero Vas de Caminha.

Ali sitzt auf seinem Stein und bedenkt die Zeile. Diese unberührten Brasilianer leben im Eifer der Blutrache. Für jeden Toten auf der einen - einen Toten auf der anderen Seite. Wird eine Frau verschleppt, spielt das keine Rolle. Sie geht im Clan der Entführer auf. Ihre Nachkommen treten als Krieger genauso vehement gegen die Verwandtschaft an wie ihre Clankollegen. Letztlich gibt es keine in Feindschaft verbundenen Clans ohne verwandtschaftliche Nähe.

Der Renaissancemensch Pero Vas de Caminha verstand die Unordnung nicht, er meinte, die Dschungelcamps könne man auch besser organisieren und steiler aufziehen.

Ali versetzt sich an den Amazonas um das Jahr 1500, während sich eine Frau seinem Platz nähert. Sie verkörpert die gepflegte Erscheinung in der kurzen, die Taille betonenden Jacke.

Das ist eine ganz Ausgesuchte. Die Frau lebt Ton in Ton mit sich.

Ali sieht nicht hin, er sieht trotzdem alles. Er spürt und wittert. Alle Sinne versammeln sich am Trog. Die Frau passiert ihn in forcierter Nähe, sie sucht seine Aufmerksamkeit ebenso wie die meisten Frauen Alis Aufmerksamkeit vermeiden. Sie begibt sich an Alis rechte Peripherie. Er blendet sie aus und nimmt sie wahr. Er erkennt ihren Wunsch, im autoerotischen Swing harmonisch zu werden. Ihre asiatischen Bewegungen plätschern. Sie ist viel zu spät auf den Trichter der Entriegelung gekommen. Jetzt und nie mehr kann sie sich entriegeln (lassen).

Das Vergnügen der Explosivität wird ihrs nie sein. Der Zug ist in der Kindheit abgefahren.

Thea drohte, sie könne für ihn zur Penthesilea werden so wie Kleist Penthesilea auffasst. Dann wären die Frauen, die seit Monaten in den Park kommen und sich wundern, dass Ali auf ihre aggressiven Avancen nicht eingeht, Theas Amazonen.

Das gefällt Ali. Er betrachtet Theas Amazonen als seine Schülerinnen. Sie lernen jetzt mal was Richtiges. Abgedecktes Verhalten zum Beispiel. Das Geheimnis des unsichtbaren Abstands. Wu wei.

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Frankfurt am Main im Sommer 1999

Knüpft man eine Betrachtung an eine Erwartung, dann bewertet man das Verhalten des Betrachteten automatisch als Reaktion auf die Erwartung. Die Frau gegenüber, die sich damals jeden Samstag gegen zehn am Fenster eincremte - dachte ich etwa nicht, dass sie es darauf anlegte, gesehen zu werden. So wie G., die nie wollte, dass Vorhänge eine Beobachtung ausschlossen. Die Vorstellung, beobachtet zu werden, folgte ihr von einem Mann zum nächsten. Die Männer dienten ihrer Phantasie als Komparsen. G. erzählte das so, stolz auf die kleinen Gewinne. Sie knöpfte sich ältere Männer vor, weckte Hoffnungen, die sie selbst hatte.

Was sie wollte?

Sie wollte im „Nizza“ einchecken, es gab da ein Zimmer nach ihrem Geschmack. Schon ein bisschen verwohnt, Sie kennen das Programm. Nein, die Ausführlichkeit gehört nicht in den Raum und nicht zu dem, was im Raum geschah. Der Hit war, nach dem Sex und ohne den Mann dem Hotel aufs Dach zu steigen, im Laken und barfuß über Frankfurt. Skyline gucken, eine rauchen. Der Hit war, den Mann dazu gekriegt zu haben, für ein Vergnügen, an dem er nicht beteiligt wurde, zweihundert Mark abgegeben zu haben. Schließlich musste noch gegessen werden. G. bat den Mann, sie vor die Tür zu schicken. Um etwas zu holen beim besten Türken im Quartier.

Sich jede Menge Begehrlichkeit abzuholen: das war der Hit. Angestochen und in Überzahl gab es für die jungen Männer im Gebiet kein Zurückhaltungsmotiv. Sie ahnten ihre Bedeutung im Spiel nicht.

Es war immer gut und manchmal perfekt, sagte G. Sie gab im Abbau begriffenen Liebhabern den Vorzug. Aber das habe ich wohl schon gesagt.

Ich konnte mir nicht helfen, ich kam nicht los von der Vorstellung, dass alles auf mich zulief. Während mich Kunja ab- und Elke einwickelte.

Sie wollen das so passiv nicht stehenlassen. Ich sage, ich war die Braut. Ich warb nie, Interesse setzte ich voraus. Ungeachtet der üblichen Pleiten. Ich kannte meine Grenzen nicht, hielt mich für unwiderstehlich.

Männer, die an sich zweifelten, konnte ich nicht ernst nehmen. Meine Frauen waren lieber mit Männern unterwegs als mit anderen Frauen. Für mich kam keine in Betracht, die dem Bahnhofsviertel nichts abgewinnen konnte.

Ich stand auf Rockerinnen, nicht in Leder, gern mit Brille. Ich meine Frauen, deren Wahrnehmung rockte. - Die eine gute, mit himmlischen Phantasieprodukten aufgefüllte Spaltung anzubieten hatten. Die mich an den Arsch fassten, sich bei mir einklinkten. Die mir treu blieben, jede auf ihre Weise.

Ich glaube nicht, dass es davon mehr als drei in einem Leben geben kann. Ich habe meine drei (gehabt), ich bin aus dem Schneider.

Morgen mehr.

05:24 05.02.2016
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