Im Schlosspark VII

Frankfurt/Berlin Der Chef vollzog eine soziale Kastration
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Berlin-Pankow/Schlosspark von Schönhausen im Januar 2016

Pero Vas de Caminha ist Weltmann und Kind seiner Zeit. In einer Schilderung der „westindischen“ Familienstrukturen um das Jahr 1502 führt der Marineschriftsteller aus: „Endlich erweisen die Schwestern ihren Brüdern alle ehrbare Unterwürfigkeit.“

Ali (auf seinem Stein) erwägt den Satz in seiner Schilderung eines abenteuerlichen Lebens wegzulassen, der Satz transportiert doch nichts mehr in die Gegenwart.

Ein flotter Grauhaarschnitt nimmt Witterung auf. Ali schließt die Augen, um die alte Frau ganz in sich aufzunehmen. Sie ist kultiviert, sie schickt ihren Körper in eine gute Schule. Ihre Seele schwingt frei.

Die Meisterin macht sich ein Bild, denkt Ali.

Er vibriert vor Glück. Ali gibt den unsichtbaren Abstand auf und lässt sich von der Meisterin durch den Schlauch ihrer Ermittlungsorgane ziehen. Das ist kurz vor Orgasmus, ich weiß, Sie haben keine Ahnung.

Die Meisterin entgleitet Ali, er unterdrückt den Wunsch zu knurren. Er spürt die Kraft der anderen. Es ist eine gute Kraft, sie könnte viel größer sein. Selbst die Meisterin von Theas Amazonen, die inzwischen auf Alis innerer Bühne als Pilgerinnen auftreten, ist nicht entriegelt. Sie trägt die Hemmungen ihres Geschlechts als Bürde.

Man entriegelt Jungen, indem man ihre Abenteuerlust, den Bewegungsdrang und den Mut anspricht. Man verriegelt Mädchen (nach der Rotkäppchen-Ordnung), um sie nicht ledig Mütter werden zu lassen. Manche werden im Gefängnis dieser Hemmung alt.

Die Pilgerinnen sind Aktivistinnen im Kampf gegen ihre Hemmungen. Doch bleibt das vergeblich. Diese Frauen können nur halbe Sachen machen.

Die Pilgerinnen richten ihr Begehren auf Ali, selbst wenn sie lesbisch sind wie die beiden Jackwolfskinheads, die das Prinzip Doppelstreife imitieren. Ali spürt haltlose Aggression; er ist das, was sie gern wären: hemmungslos.

Rotkäppchen kommt als falsche Jungfrau, auf ihrem Beutel scheint die Sonne. Früher hieß die Sonne „Atomkraft nein danke“, Ali erinnert die Sonne an vierhunderttausend strickende Lehrer im Bonner Hofgarten 1980. Sie protestierten gegen den Nato-Doppelbeschluss. Wo sind sie geblieben?

Ali muss Rotkäppchen enttäuschen, er kann gerade kein Interesse für das eitle Wesen aufbringen.

„Es geschieht, dass ein Kind von einem fünfzigjährigen Manne Vater genannt wird, weil es ein Bruder seines Vaters ist.“

Die Wilden hören nicht auf zu zeugen. Im Kampf der Generationen siegen greise Rekordhalter. Kein junger Mann kann einen alten ausstechen, da er einen Beweis seiner Omnipotenz lange schuldig bleiben muss - die unübertroffene Zahl seiner Nachkommen.

„Sie halten die Töchter ihrer Schwestern für rechtmäßige Ehefrauen.“

„Sie heiraten gewöhnlich nicht, bis sie einen Menschen gefangen oder getötet haben.“

Pero Vas de Caminha unterstellt dem Halbtier Indianer die Indianerin. Dutzende von Aufzeichnungen des kolonialen Frühlings im 16. Jahrhundert kennen diese Gewalt in der Sprache als Selbstverständlichkeit.

Die Verriegelung der Mädchen ist eine milde Form der Beschneidung.

Die Spitze der Nahrungskette erreicht, wer Gewalt straflos ausüben kann. Der Chef, der zu Alis Freundin 2004 sagte: „Das lohnt doch nicht, den mit nach Hause zu nehmen. Der bringt es eh nicht mehr.“

Frauke ließ den Satz lächelnd passieren. Das Lächeln war reine Unterwürfigkeit. Ali beobachtete eine archaische Reaktion abends um elf am Stammtisch. Nach einem von zwei Jobs ausgefüllten Tag. Auf dem Feld nachlassender Spannkraft war eine Stelle, da gab Frauke dem Chef recht.

Der Chef vollzog eine soziale Kastration.

Er sprach aus, was viele dachten. Ali entfernte sich von dem angesprochenen Schmerzpunkt. Da entstand eine Leerstelle wie ein Fass ohne Boden. Das ließ sich nicht mehr mit Häme füllen. Die Häme fiel durch. Als die Stimmenrauscher zehn Jahre später auf diesem Klavier zu spielen begannen, kamen sie zu spät. In der Wiederholung funktionierte das nicht, was einmal gut geklappt hatte.

Betriebsferien bis 11.02.

06:20 07.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare