Jamal Tuschick
16.11.2014 | 13:10

Im Silbersee der Gier

Theater Strindbergs „Scheiterhaufen“ brennt im Theater unterm Dach - Der Sohn über den Vater: „Er hatte keine Freunde. Ein selbständiger Charakter kann keine Freunde haben.“

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jamal Tuschick

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„Der Scheiterhaufen“ - August Strindberg packt die Akte in einen Salon. Ihm schwebt eine Chaiselounge mit purpurroter Plüschdecke vor. Er sieht die Palme auf der Konsole. Mutter Elise sitzt als Witwe im Fauteuil. Sie wirkt apathisch, sie könnte trauern. Sie hört Chopin, das Wetter spielt sich vor der Tür als Elend auf. In Jonathan Gruners Inszenierung im Theater unterm Dach bleibt von Strindbergs Interieur- und Regieanweisungen nur der Fauteuil. Die Alte zündet Kerzen an. Sie ist hässlich aus Verdorbenheit.

Astrid Rashed spielt sie so illustriert wie eine Bilderbuchgestalt. Ihren Kindern gibt sie kaum zu essen, der Sohn nimmt Zuflucht zum Alkohol. Rouven Stöhr spielt den Jurastudenten Friedrich mit Tics, zitternden Händen und finanziellen Schwierigkeiten. Sein Vater ist gestorben. Seine Schwester Gerda kreuzt mit dem Gatten Axel auf. Axel (Niklas Brubach) ist ein Mitgiftjäger. Außerdem liebt dieser Rumpelstilz der vollendeten Gemeinheit seine Schwiegermutter, das schlimme Weib. Da lieben sich die Richtigen. Das passt. Gerda stellt sich blind und taub, täuscht aber Kampfgeist vor: „Wer mir meinen Mann wegnehmen will, der muss sterben.“
Kirstin Warnke spielt die vom Unglück verunstaltete Tochter als dumme Schlaumeierin. Dem Offensichtlichen verweigert sie ihre Aufmerksamkeit – tüchtig nur in der Realitätsverweigerung. Kirstin Warnke macht das gut, sie überflügelt die gedimmte Gerissenheit, mit der Rouven Stöhr Friedrich Gestalt annehmen lässt. Vom Vater weiß Friedrich: „Er hatte keine Freunde. Ein selbständiger Charakter kann keine Freunde haben.“
Seelische Deformationen, wohin man schaut. Eine bigotte Gesellschaft kotzt sich selbst an. Die Mutter rafft, die Tochter pariert, der Sohn laviert und der Schwiegersohn profitiert. Nun sucht die Bande den Schatz im Silbersee ihrer Gier. Noch ist der Nachlass nicht eröffnet. Friedrich findet einen Brief seines Vaters, er vermutet in der Schwester eine Verbündete. Er friert konstant, Gerda verbirgt ihre Untiefen. Sie fürchtet unfruchtbar zu sein. Kann es sein, dass sie Axel weniger gern hat, seit der Offizier zum Zivilisten degradiert wurde? „Sie verlobte sich mit einem Leutnant, mit einem Buchhalter ist sie verheiratet.“ Der Abstieg vom Bräutigam zum Ehemann steckt zudem darin.
Kann es sein, dass Axel zu wahren Empfindungen die Kraft nicht fehlt? Jedenfalls hat er Elise ein Gedicht gewidmet. Es handelt vom Herzblut eines Pelikans. Niklas Brubach gibt Axels Verworfenheit das Gepräge eines Mannes von Verstand. Die Vernunft gebietet Kaltblütigkeit und Verachtung, so es um Gerdas Launen geht. Die Vielschichtigkeit des Stücks ist im Theater unterm Dach zu sehen. Aporie und Agonie der Bourgeoisie - Man kriegt die losen Enden der bürgerlichen Ordnung in ihrer Auflösung kaum zu fassen.


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