Im Tarnfleck eines „viel zu braven Frauchens“

Kristina Engel - „Ein Koffer voller Schönheit“ - Romanheldin Anne sucht ihre Chancen im Tarnfleck eines „viel zu braven Frauchens“
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»Ich sag’s mal in wenigen Worten. Anne ist nicht einfach nur Avon-Beraterin. Sie ist ihren Kundinnen eine gute Freundin geworden, die zuhören kann. Sie nimmt sich bei ihren Besuchen viel mehr Zeit, als nötig wäre. Sie unterhält und muntert die Frauen, die weitab vom Schuss leben, ein wenig auf und vertreibt damit auch deren Einsamkeit. Sie gibt kostenlos eine Menge guter Ratschläge. Sie macht den Frauen Mut, sich mehr zu trauen. Es gibt welche, die haben erst auf Annes gutes Zureden hin den Führerschein gemacht und sich ein Stück Freiheit erkämpft. Andere haben sich getraut, ebenfalls einen Beruf zu ergreifen, und eine hat sich gegen ihren tyrannischen Ehemann behauptet. Deine Frau ist ein Segen für die ganze Gegend, und sie wird allgemein sehr geschätzt.« Aus Ein Koffer voller Schönheit

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Der Zweite Weltkrieg beherrscht das kollektive Gedächtnis der Lüneburger auch noch fünfzehn Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation. Jeder weiß, wer welche Rolle im Dritten Reich gespielt hat. Man kennt die Leichen in den Kellern der anderen. Gemeinsam ist man zur Tagesordnung übergegangen. Wer nicht verdrängt, wird verdrängt. Am besten steckt man bis zum Hals im Wirtschaftswunderfett und weckt keine schlafenden Hunde. Anne verschmilzt förmlich mit den falschen Biedermeiertapeten in der postfaschistischen Provinz. Sie sucht ihre Chancen im Tarnfleck eines „viel zu braven Frauchens“. Ich zitierte einen Vorwurf der Schwiegermutter und Friseursaloninhaberin Margarethe Jensen, die im Übrigen von ihrer Schöpferin gegen den Klischeestrich gebürstet wurde. Das Wohl ihrer Schwiegertochter liegt der tüchtigen Witwe am Herzen; während sie ihren Sohn Benno kritisch beobachtet.

Margarethe rät Anne zur Selbständigkeit. Noch brauchen Frauen die Arbeitserlaubnis ihrer Ehemänner.

„Das Bürgerliche Gesetzbuch schrieb es vor: Wollte eine Frau arbeiten, musste das ihr Ehemann erlauben. Erst 1977 wurde das Gesetz geändert.Quelle

Kristina Engel,Ein Koffer voller Schönheit“, Roman, Droemer, 10.99 Euro

In der „alten Garnisonsstadt Lüneburg“ herrschen die Direktiven des Kalten Kriegs. Anne streift in ihren Überlegungen die atomare Aufrüstung. Manchmal fühlt sie sich „wie durch den Wolf gedreht“.

Aufrauschende Schwiegermutter - Was zuvor geschah

„‚Du bist nicht zur Friseurin geboren, Liebchen`, sagte Margarethe, als der Donner des Krieges endlich verhallt war, die Zeiten aber nicht einfacher wurden – nur bombenfrei und weniger angsterfüllt. ‚Aber du hast einen guten Blick für Formen und Farben. Du solltest dich mit Kosmetik befassen‘.“

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Im bürgerlichen Verkehr beginnt die Laufbahn der Salzstadt Lüneburg im Expansionssog der Hanse. Das Lüneburger Salz dient der Konservierung und verbindet sich mit dem umsatzstärksten Umschlagereignis im nordeuropäischen Mittelalter - der Schonischen Messe. Auf diesem Markt steht Lüneburg für ein Monopol. Alles dreht sich um den gepökelten Hering, dem als Fastenspeise auf der Grundlage eines an Fastentagen reichen Kalenders eine zentrale Bedeutung zukommt. Die katholische Kirchenjahrsordnung spielt lange schon keine durchgreifende Rolle mehr, als Feldmarschall Bernard Montgomery in der Lüneburger Heide die bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte quittiert. Bald darauf nimmt sich Heinrich Himmler in Lüneburg das Leben. Während er sich aus der Verantwortung stiehlt, platzt die Stadt aus allen Nähten. Ausgebombte Hamburger:innen vereinen sich mit Zigtausenden, die vom Kriegsdruck in den Westen geschoben wurden. Rund dreißigtausend Displaced Persons fallen durch den Erfassungsrost.

Die britischen Schirmherren und -damen überlassen das Management des Mangels ortskundigen Fachkräften. Fünfzehn Jahre später laufen in Lüneburg die Motoren des Wirtschaftswunders auf Hochtouren. Alle gehen mit der Konjunktur. Die Friseurin Margarethe huldigt passioniert dem schönen Schein des letzten Schreis. Die Einrichtung im Haus von Annes Schwiegermutter entspricht dem aktuellsten Musterhausstandard. Die verwitwete, sprich alleinige Hausherrin leistet sich einen schottischen Liebhaber im Offiziersrang. Sie schwebt über den Dingen in einer Mischung aus Pragmatismus und Kreativität. Die mit ihrem stoffeligen Sohn geschlagene Schwiegertochter zwingt Margarethe, Einzelheiten der Affäre zur Kenntnis zu nehmen. Die in jeder Hinsicht Beherzte findet ihre ehemalige Auszubildende viel zu zaghaft und dabei vielversprechend.

Die Zurückhaltende entdeckt im Arsenal der Aufrauschenden Avon-Produkte.

„McConnell gründete 1886 in Manhattan, New York, die California Perfume Company und begann, Parfüm von Tür zu Tür zu verkaufen. Die California Perfume Company wurde 1939 in Avon Products Inc. umbenannt. Der Name Avon ist eine Hommage an William Shakespeare und dessen Geburtsstadt Stratford-upon-Avon.“ Wikipedia

„Anne stammte aus einer einfachen Familie, in der zu viel Eitelkeit als Sünde gegolten hatte.“

Der Schlichtholzprägung zum Trotz beweist Anne Geschick bei der Auswahl von Schönheitsmitteln, mit denen die bürgerliche Erscheinung angehoben wird. Sie folgt der amerikanischen Linie; dem Lidstrich der Siegerinnen.

Pressemitteilung
Wer von Ihnen kennt sie noch, die Avon-Beraterinnen von damals? Bepackt mit einem Koffer voller Schönheit brachten sie einen Hauch von Eleganz und Chic ins heimische Wohnzimmer. In geselliger Runde mit den liebsten Freundinnen haben sie die neuesten Trends aus der Schönheitswelt vorgestellt und viele Augenpaare zum Strahlen gebracht.

Doch Avon stand für weitaus mehr, als nur schöne Kosmetik und heitere Geselligkeit. Indem Avon-Beraterinnen die Schönheit ins Haus brachten, ermöglichten sie vielen Hausfrauen, die zwischen Kirche und Küche gefangen waren, den Glanz der weiten Welt hautnah zu erleben. Häusliche Sorgen konnten für kurze Zeit vergessen und Zeit für sich selbst genommen werden. Gleichzeitig galt der Kosmetik-Konzern als Sprungbrett in Richtung Freiheit, denn gerade hier wurde insbesondere Frauen die Chance gegeben, einen Beruf zu ergreifen. Als Beraterinnen für Avon ermöglichten sie sich nicht nur finanzielle Unabhängigkeit, sondern gelten bis heute als Vorreiterinnen der modernen Beauty-Influencer*innen.

Genau diese beeindruckende Geschichte erzählt Kristina Engel in ihrem historischen Roman "Ein Koffer voller Schönheit". Exemplarisch zeichnet sie den Lebensweg einer der ersten deutschen Avon-Beraterinnen nach und gewährt Einblicke in die Lebenswirklicht deutscher Hausfrauen in den 50er Jahren.
Zu dieser Zeit, wo eine Fernsehtruhe oder gar ein Auto für viele Deutsche noch ein ferner Traum ist, sind die kleinen Dinge, die das Leben schöner machen, umso begehrter. Wie sehr sich gerade die Hausfrauen nach ein wenig Luxus und Leichtigkeit sehnen, weiß Anne Jensen genau. Immerhin geht es ihr selbst nicht anders, seit ihr geliebter Mann Benno sich beim Aufbau seines Geschäfts immer weiter von ihr zurückzieht. Was ist aus der großen Liebe geworden, die sie beide alle Prüfungen von Krieg und Nachkriegszeit hat überstehen lassen? Da entdeckt Anne eine Anzeige des amerikanischen Kosmetik-Herstellers Avon: Liebend gerne würde sie als Avon-Beraterin mit Puder und Parfum den Glanz der weiten Welt in deutsche Haushalte bringen. Doch ist sie auch bereit, für diese Freiheit ihre große Liebe aufzugeben?

11:29 01.09.2021
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