Im Wald lernt man kein Deutsch

Neco Çelik Der Regisseur sagt: Theater muss wehtun.
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Neco Çelik in der Kreuzberger Markthalle 9

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Man nennt ihn den Spike Lee von Kreuzberg. Neco Çelik ist Geburtsberliner des Jahrgangs 1972. Er absolvierte das klassische Programm seiner Generation. Schulabbruch. Bandenbildung nach den Stilvorgaben der Graffiti- und Hip-Hop-Ästhetik im Geleit von Kindern der Alliierten. Das erste Berliner Hip-Hop Konzert findet 1986 im Schöneberger Wintergarten statt. Neco, der Türke, rappt Deutsch. Avantgarde aus Versehen. Ausbildung zum Erzieher in einem Jugendzentrum. Çelik entwickelt sich vom Cineasten zum Filmemacher. Er weckt das Interesse von Intendanten, die „Türkenstücke“ auf ihren Bühnen sehen wollen.

Wir treffen uns in der Gorki Kantine. In ruhigen Stunden hat der Theaternapf den Charme der spanischen, griechischen, portugiesischen und atatürkischen Vereinsheime in den 1970er Jahren. Die schnurrbärtigen Charaktere von damals wurden von Feen der Gegenwart in Duttträger verwandelt. Was verbindet die fünffach gespaltenen Enkel der Gastarbeiter mit ihren Großvätern?

Çelik in der Kantine des Maxim Gorki Theaters

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Çelik spricht erstmal über die Kanzlerin, die weiter sei als ihr Volk.

„Merkel hat gesagt, der Rechtsradikalismus gehört nicht zu Deutschland. Das heißt nichts anderes, als dass die AfD im Bundestag nichts zu suchen hat und Pegida einem guten Deutschen nur peinlich sein darf.“

Die Gesellschaft müsse fünfundzwanzig Jahre nach dem Brandanschlag von Solingen nachsitzen und Lektionen deutscher Geschichte pauken.

„Während die Gesellschaft zumacht, macht die Kultur auf.“

Sie saugt das Mark aus dem multikulturellen Knochen. Daher kommt jene Explosivität, die das Theater vibrieren lässt.

Auch Çelik glaubt, dass „Theater wehtun und sich mächtig einmischen muss“.

„Deutschlands Einwandererfeindlichkeit ist ein Witz. Seit Jahrtausenden leben wir in einer Völkerwanderung. Für zwei, drei Generationen an einem Ort Behauste bilden sich ein, in unverrückbaren Einheiten zu existieren, obwohl ihnen jeden Tag im TV bewiesen wird, wie fragil das angeblich Beständige ist.“

Çeliks Vater kam 1967 aus der anatolischen Provinz Afyonkarahisar. Er wollte zum Fernsehen und landete im Gartenbauamt von Tegel. Die Sprachermächtigung verlief schleppend.

„Im Wald lernt man kein Deutsch.“

Der Mangel hatte den Vorteil, Diskriminierungen nicht zu verstehen.

„Ich habe meinem Vater zu wenig Fragen gestellt. Aber ich habe nach seinen Erstmaligkeitsempfindungen beim Anblick des kaputten Berlins gefragt. Er konnte sich an Gefühle nicht erinnern. Er hat sich wohl wenig gestattet. Augen zu und durch.“

Als die Türken Kreuzberg erreichten, zogen die deutschen Familien weg. Çelik wohnte mit seinen Eltern in einem maroden Mietshaus beinah ohne Mieter. Den Türken verdankt sich die Genesung Kreuzbergs. Auf Genesung folgt Gentrifizierung.

Was wäre gewesen, wenn es eine größere Wertschätzung für die Migranten in der Mehrheitsgesellschaft gegeben hätte?

„Dann wäre ich Deutscher geworden, ohne es zu merken.“

Aus Wikipedia: Neco Çelik drehte 1997 die fiktive Dokumentation 36 m² Stoff. Im Jahr 2001 gründete er die Filmproduktionsfirma „36 Pictures“. Er drehte die Spielfilme Alltag (2002) und Urban Guerillas (2003). 2006 drehte er den TV-Dokumentarfilm Kreuzberger Nächte – Junge Türken in Berlin, der in der Reihe 37 Grad im ZDF ausgestrahlt wurde. Mit der dramatischen Filmkomödie Kısık ateşte 15 dakika inszenierte er 2006 seinen ersten türkischsprachigen Film. Seit 2006 inszeniert Çelik auch Bühnenstücke und Opern, zuerst Schwarze Jungfrauen von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel am Berliner HAU, 2007 Romeo und Julia, ebenfalls am HAU, 2008 an den Münchner Kammerspielen Xavier Durringers Ausgegrenzt und 2009 Nathan Messias am Ballhaus Naunynstrasse. 2011 übernahm er bei Ludger Vollmers Oper nach Fatih Akıns Film Gegen die Wand an der Staatsoper Stuttgart seine erste Opernregie. 2012 inszenierte er Dmitri Schostakowitschs musikalische Komödie Moskau-Tscherjomuschki an der Staatsoper Unter den Linden. 2015 inszenierte er sein erstes Tanztheaterstück Ruhm mit der Tanzgruppe „Renegade“ im Schauspielhaus Bochum. Auszeichnungen 2004: Publikumspreis des Filmfestivals Türkei/Deutschland in Nürnberg (für Urban Guerillas) 2011: Deutscher Theaterpreis Der Faust, Kategorie „Regie Kinder- und Jugendtheater“ für Gegen die Wand, Junge Oper Stuttgart.

08:56 03.06.2018
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